Es hat zwanzig Jahre gedauert, ehe dieser Film (oder vielmehr diese Serie) zustande gekommen ist. Zwanzig Jahre, in denen zwei der spektakulärsten Charaktere im Showgeschäft mit sich und der Branche gerungen haben, um ihre Vision von einem Popmusikdrama zu verwirklichen.
Das wäre eigentlich auch ein schöner Stoff gewesen: Martin Scorsese und Mick Jagger drehen gemeinsam einen Film und erleben dabei den Wandel in der Musik- und Kinolandschaft. Alles, womit sie vertraut sind, verliert an Relevanz.
Neue Medien verlangen neuen Geschichten, neue Sounds, neue Formate. Plötzlich sehen die alten Meister nicht nur alt aus, sie sind es auch.
Als der Rock'n'Roll auf der Kippe stand
Ein wenig von dieser Sinnkrise findet sich in der zehnteiligen Serie „Vinyl“ sogar wieder. Scorsese und Jagger verankern ihre Geschichte im New York des Jahres 1973, als der Rock’n’Roll ziemlich auf der Kippe steht.
Irgendetwas braut sich da zusammen, was einmal Punk, Disco, HipHop sein wird, aber noch weiß keiner, was es ist. Im Zentrum des Geschehens (auch szenenbildlich) steht die fiktive Plattenfirma American Century, die mit Hitparadenbands wie Focus und Slade leidlich über die Runden kommt, letztlich aber dem Ruin entgegensieht.
Ihr einziges Ass im Portfolio ist Led Zeppelin. Labelchef Richie Finestra (Bobby Cannavale) verhandelt schon mit der deutschen Polygram, liebevoll „die Nazis“ genannt, über einen Verkauf der Firma.
Probleme mit Led Zeppelin, Hypotheken und Nazis
Seine Partner spekulieren auf ihren Anteil, sie könnten das Geld gut gebrauchen, denn jeder hat seine Probleme am Hacken, Hypothek, Ehefrau, Kinder.
Doch dann machen Led Zeppelin Stress, weil sie nicht zu den Nazis wollen, und Finestra, darüber verzweifelnd, hat im Kokainrückfall ein Erweckungserlebnis.
Bei einem Auftritt der New York Dolls im Mercer Arts Center von New York, stürzt das Gebäude ein (ist wirklich passiert, nur ohne Konzert), der Plattenboss überlebt wie durch ein Wunder und will es nun noch mal wissen.
100 Millionen Dollar Budget
Das ist die Ausgangssituation der Serie, deren zweistündiger Pilotfilm von Scorsese persönlich inszeniert wurde. Mit einem einem Budget von 100 Millionen Dollar ist „Vinyl“ eine der teuersten Produktionen des US- Kabelsenders HBO und das sieht man ihr auch an.
Die Ausstattung ist hochwertig, da wurde weder am Mobiliar noch an den Autos gespart, alles sieht nach Seventies aus, auch die Bilder von Scorsese, der hier seine frühen Mafiafilme zitiert.
Der koksende Kotzbrocken Richie Finestra
Die visuelle Umsetzung ist nicht das Problem, „Vinyl“ bleibt auch in den jeweils 45-minütigen Episoden im Tempo, der Soundtrack ist gut, es gibt Anspielungen auf die Stars der Ära, etliche von ihnen (Elvis, Andy Warhol, John Lennon, David Bowie) tauchen in kleinen Spielszenen auf, alles prima.
Das Problem ist der dauerkoksende Kotzbrocken Richie Finestra. Mit diesem Rolleprofil ist der an sich okay spielende Bobby Cannavale deutlich unterfordert. Erst ganz zum Schluss wird er einem etwas sympathisch. Es nützt nichts. Die zweite Staffel wurde gestrichen.
"Vinyl": 10 Episoden, 587 Minuten, Dolby Digital 5.1, Warner Home Video, FSK 16
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