BERLIN, 18. Juli. Er erspart sich wortreiche Beschwörungen. Weil er weiß, dass er verbal niemanden mehr überzeugen kann. Überzeugen von seiner Redlichkeit. "Dazu ist ganz einfach zu viel passiert", sagt der Ire Martin O Reilly, 33, seit neun Jahren in Deutschland als Jockey tätig.Oder untätig. Gleich dreimal hatte O Reilly längere Rennpausen hinnehmen müssen. Für Harald Siemen, den Sicherheitsbeauftragten des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen in Köln, ist er alles andere als ein unbeschriebenes Blatt: "Einen solch hartnäckigen Fall hatten wir noch nie." Seiten füllende EskapadenDie Eskapaden des Martin O Reilly, der in Hannover Stalljockey bei Trainer Hans-Jürgen Gröschel ist, aber auch für andere Ställe reitet, könnten Seiten füllen. "Wenn er im Sattel sitzt, macht er selten etwas falsch", erinnert sich Eckhart Gröschel, Trainer in Hoppegarten, dennoch zuerst an die sportlichen Erfolge. Im Juni 1999 hatte der Ire mit Gröschels Stute Alektra im Auktionsrennen für eine der größten Überraschungen auf der Bahn gesorgt. Der Toto zahlte in der Siegwette für zehn Mark Einsatz 813 Mark. Trainer Werner Bauermeister konnte es kaum fassen, dass sein Ibo sich im Juni 2000 bei einer wichtigen Derby-Vorprüfung, als 301:10-Außenseiter gegen die übermächtig scheinende Konkurrenz aus den alten Bundesländern durchsetzte - mit O Reilly im Sattel. Der Ire war kurzfristig für einen erkrankten Kollegen eingesprungen. Wie auch im Juni 2000, als er mit Rosolaw im Hoppegartener Jubiläumsrennen den Siegscheck für Deutschlands Champion-Trainer Andreas Schütz aus Köln abholte. Aber O Reilly hat diejenigen, die auf ihn zählten, auch immer wieder enttäuscht. Er nahm von mehreren Trainern Ritte für ein und dasselbe Rennen an, verbreitete Chaos, weil er kurzfristig ganz fernblieb oder vorzeitig abhaute. Der Ordnungsausschuss des Galopper-Dachverbandes versuchte ihn 1999 mit einem achtmonatigen Lizenzentzug zu erziehen - ohne die erhoffte Wirkung. Im August 2000 schrieb der Ire beim Ostsee-Meeting auf Deutschlands ältester Galoppbahn in Bad Doberan negative Rennsportgeschichte. Bei der ersten Jockey-Dopingprobe in Deutschland überhaupt tappte O Reilly ins Netz der Fahnder, ebenso zwei andere Reiter. O Reilly wurde wegen Konsums von Marihuana für neun Monate bis zum 14. Mai 2001 gesperrt. Schon am 12. Juli 2001, während der Derbywoche in Hamburg-Horn, wurde ihm bei einer Kontrolle die Einnahme von Kokain nachgewiesen. Konsequenz: ein Jahr Sperre für den Wiederholungstäter. "Ich war jung im Kopf", sagt Martin O Reilly heute, "jung und dumm". Und er habe sich mit den unerlaubten Mitteln sportlich keine Vorteile verschafft, "ich wollte einfach Spaß haben wie andere in meinem Alter auch". Der Sicherheitsbeauftragte des Galopper-Dachverbandes Siemen hält dies durchaus für möglich, "dennoch ist das, was Herr O Reilly getan hat, strafbar. Wer sich unter Drogen setzt, gefährdet sich, die anderen Reiter und natürlich auch die Pferde." 2000/2001 hatte es insgesamt neun positive Fälle gegeben. Bei den bisher sieben Wettkontrollen 2002, bei denen jeweils fünf Jockeys ausgelost wurden, ist nach Auskunft von Siemen nur ein Reiter auffällig gewesen, "der aber hatte ein ärztliches Attest für ein harntreibendes Mittel". Gegenüber dem Vorjahr werde sich 2002 die Anzahl der Überprüfungen verdoppeln, "wir sehen die Kontrollen auch als Präventivmaßnahmen". Als Abschreckung für Jockeys, die in Versuchung geraten, unerlaubte Mittel zu nutzen: bevorzugt als Appetitszügler, aber auch als Droge gegen die Angst, denn oft müssen bei hoher Geschwindigkeit in Zehntelsekunden Entscheidungen getroffen werden, die viel Mut erfordern. O Reilly weiß, dass er als Wiederholungstäter jederzeit auch mit Trainingskontrollen rechnen muss: "Ich kann mir nichts mehr erlauben." Er hofft, "jetzt endlich geheilt zu sein", das letzte Jahr sei "einfach brutal" für ihn gewesen: "Ich habe die Pferde im Training geritten, beim Rennen dann saß ein anderer drauf. Und ich bin zum Buchmacher geschlichen, um zu sehen, ob sich meine Arbeit auszahlte."Vier Siege an einem TagSeit dem 13. Juli hat O Reilly die Lizenz wieder. Am Sonnabend in Halle/Saale blieb er ohne Sieg, Sonntag in Hoppegarten gewann er gleich zweimal. Und dorthin kommt er auch an diesem Freitag (erster Start 17 Uhr) wieder. Reitangebote von den Trainern hat er genug: für Hans-Jürgen Gröschel, seinen Chef in Hannover, wird er im Hauptrennen auf dem Wallach Alpprinz sitzen, für den Hoppegartener Harald Franke auf King of Torgau und Labora. Es kann sein, dass er in allen sieben Galopprennen (außerdem zwei Trabrennen) beschäftigt sein wird. Und vielleicht kann er das wiederholen, was ihm im Hoppegarten am 10. Mai 1999 gelang: vier Rennen an einem Tag zu gewinnen. O Reilly ist nicht so vermessen, sich dieses Ziel zu setzen, "ich bin froh, überhaupt wieder dabei zu sein".FRANK SORGE Der erste Sieg nach 365 Tagen Zwangspause: Martin O Reilly siegte in Hoppegarten auf Dressman (l. ) vor Andrasch Starke auf Gold Type.
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