Und dann diese Haarschnitte. Unmöglich! In den prägenden Jahren seiner Karriere trug David Bowie fast durchgehend eine helmartig verfranste Vokuhilafrisur, an den Schläfen zu buschig und über der Stirn unansehnlich aufgepuschelt wie ein mit dürren Gräsern durchsetzter Moosklumpen, ein Stil, der zur Zeit seiner Entstehung und für einen Wimpernschlag der Geschichte lang eventuell geschlechtergrenzenüberschreitend gewirkt haben mag, der in den Jahrzehnten hernach aber vor allem von heterosexuellen Elektrotechnikingenieuren mit Mofaführerschein und zweifelhaftem Musikgeschmack imitiert wurde; man möchte da eigentlich gar nicht mehr hingucken heute.
Muss man aber. Denn dies und noch viel mehr an zweifelhaften, scheußlichen, oft aber natürlich auch tollen, bewegenden und epochalen Bildern, Frisuren, Anzügen, Posen und sonstigen Arten der popkulturellen Selbstinszenierung ist ab heute (und noch täglich bis zum 10. August) in der großen „David-Bowie“-Schau im Martin-Gropius-Bau zu bewundern; und ja, Musik gibt es dabei auch zu hören. Eigentlich, so kann man David Bowie am Beginn des Ausstellungs-Parcours vernehmen, war Musiker ja das letzte, was er werden wollte; lieber hätte er eine Karriere als Schriftsteller gemacht. Aber dann entschied er sich zu seinem und unser aller Glück doch dafür, den Popsong als Ausgangspunkt und Medium für all jenes zu nehmen, was ihm an ästhetischen Ideen durch den Kopf rauschte. Und das war eine Menge!
Hervorragender Audio-Guide
Von „Space Oddity“ über die „Ziggy-Stardust“-Jahre, „Aladdin Sane“, „Diamond Dogs“, die Berliner Trilogie bis schließlich zu „Ashes to Ashes“ bietet die Schau einen hervorragenden multimedialen Karriereüberblick; über das meist beklagenswert schwache künstlerische Schaffen seit Anfang der Achtzigerjahre („Dancing in the Street“!) wird gnädig der Mantel des Schweigens gedeckt.
Es gibt einen hervorragenden Audio Guide, den man selbst als eingefleischter Audio-Guide-Hasser unbedingt nutzen sollte. Setzt man ihn auf die Ohren, kann man sich nicht nur Kommentare von Bowie und Zeitgenossen anhören, sondern auch im besten Stereo-Sound „Space Oddity“ genießen, während das dazugehörige Video in einer schwarzen Vitrine läuft, in der ansonsten nur der 1968 von den Apollo-8-Astronauten fotografierte Erdball zu sehen ist. Oder das epochale „Starman“, dargeboten 1972 in der „Top-of-the-Pops“-Fernsehshow; der Film läuft auf einer Leinwand in einem großen Schaukasten, während davor das dazugehörige Kostüm zu bewundern ist.
Bowie in a nutshell
Der schönste Bowie-Raum in Berlin widmet sich aber tatsächlich den Berliner Jahren. In einer Videoprojektion sieht man graupelige Schwarzweißbilder aus der westlichen Hälfte der Mauerstadt. In der Mitte steht eine Vitrine mit dem „AKS Synthi“, einem frühen Analogsynthesizer aus dem Besitz Brian Enos, der das Klangbild auf „Low“, „Heroes“ und „Lodger“ wesentlich prägte; ein wundervolles Gerät, das man sofort anfassen, streicheln und spielen möchte.
Daneben hängen ein paar scheußliche, von Bowie selbst gemalte Ölbilder unter anderem von einem seiner Helden, dem japanischen Dichter und rechtsextremen Putschisten Yukio Mishima; es gibt eine bekritzelte Schachtel der von ihm seinerzeit kettengerauchten Gitanes-Zigaretten zu sehen. Aber auch zwei Gemälde des expressionistischen Berliner Malers Erich Heckel aus den Jahren 1917 und 1919: Porträts von Männern, deren komisch verrenkte Körper- und Handhaltungen sich auf den Covers von „Heroes“ und der von Bowie in Berlin produzierten Iggy-Pop-Platte „The Idiot“ wiederfinden.
Da hat man den gesamten Bowie in a nutshell: offensiver Idiotismus, verblasene Hochkulturreferenzen, ein Hang zu politisch zweifelhaften Figuren und neueste, mutigste musikalische Technologie. Man weiß im Einzelfall nie, was das soll, es gibt von allem zu viel, und was es gibt, passt nicht notwendig zusammen. Aber aus all dem flüchtigen Chaos entstehen immer wieder zeitlose Momente. Wie kein anderer Musiker der Siebzigerjahre, hat David Bowie aus ephemer-konfusem Kram große Kunst erschaffen. Darin – und in nichts anderem – ist er allerdings in seiner Epoche der ideale Popstar gewesen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de