DB-KunstHalle

Prinzessin Fahrelnissa Zeid ist eine osmanische Avantgardistin

Seit einiger Zeit wird sie als Pionierin der Moderne endlich wiederentdeckt.

Ingeborg Ruthe
4 Min
„Fight against Abstraction“ in Öl auf Papier, gemalt von Fahrelnissa Zeid 1947. In dem Bild deutet sich der radikale Wandel in die Abstraktion mit aller Macht an.

„Fight against Abstraction“ in Öl auf Papier, gemalt von Fahrelnissa Zeid 1947. In dem Bild deutet sich der radikale Wandel in die Abstraktion mit aller Macht an.

© DB-KUnsthalle/ Istanbul Museum of moderen Art/Raad Zeid Al-Hussein 

Alle Konventionen liegen hinter ihr. Die Bildsprache ist so eigen wie universal. Ein Kosmos aus Farben und abstrakten Formen tut sich auf in der extra für ihre in Berlin noch nie gezeigten Bilder zu zwei Ebenen umgebauten DB-KunstHalle. Fahrelnissa Zeids mosaikartiges „Fight against Abstraction“, 1947, etwa erinnert an den Fauvisten Matisse und dessen ornamental-abstrakte Phase.

Auch bei ihr bestechen die flächenhaften Farbgebung, die spannungsgeladenen Linien, der spielerische Bildaufbau und die Leichtigkeit des Sujets. Man möchte meinen, sie habe das Motiv für ein Glasmosaik entworfen.

Nicht zu übersehen in der rätselhaften Szene ist die dickliche rechte Hand, darüber das maskenhaft-dekorative Männer-Gesicht, unten das halbverschleierte Antlitz einer Frau und rechts der Ringelmuster-Arm. Vermutlich gehört er zu einer (Bauch)Tänzerin. Zudem übers „Such“-Bild verstreut der ganze Tand mit Perlen, Steinchen, Schleiern, Fransen und Zimbeln.

Ein nächstes Bild hat die aus Istanbul stammende Malerin Fahrelnissa Zeid (1901-1991) im Jahr 1948 gemalt, als sie zwischen Paris und der britischen Insel pendelte. Sie nannte ihr Bild nach dem schönsten See Schottlands: „Loch Lomont“. Wasserfläche, aufgeteilt in Ornamente, Schiffe, winzige Menschlein, die der opulent zelebrierten „Regatta“ zuschauen.

Hier in Berlin ist dieses fulminante Werk der emotionalen Abstrakten ein Novum

Malerei der „Inneren Worte“ könnte man zu Motiven wie diesem sagen, zumal sie zu dieser Zeit auch furios-enigmatische Bilder zu Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ malte. Auf einer der „Alice“-Tafeln glüht Rot aus Schwarz, Kohleglut oder Raubtier-Augen aus dem Nacht-Dunkel.

Seit einiger Zeit wird diese türkische Prinzessin als Pionierin der Moderne endlich wiederentdeckt. Die Tate Modern hat daran Anteil, die Sammlung Ludwig in Aachen ebenso. Hier in Berlin aber ist dieses fulminante Werk der emotionalen Abstrakten ein Novum.

Denkwürdigerweise bewundert und ehrt die internationale Kunstszene vor dem Hintergrund von Präsident Erdogans restriktiver Politik damit eine türkische Kosmopolitin, eine Europäerin, die ganz in Atatürks aufklärerisch-demokratischem Sinne eine osmanische Kosmopolitin war.

In den 20er-Jahren verheiratet mit dem Dichter Melih Devrim, war sie eine der ersten Frauen ihres Landes, die Kunst studierte. Geprägt von Paris, damals das Epi-Zentrum der Moderne, vom intensiven Kontakt mit Expressionisten, Fauvisten, Kubisten und Surrealisten, wechselte ihre Stilistik in die Abstraktion.

Spontanes Agieren ging einher mit emotionalem bis lyrischem Formgefühl

Nur war diese nie kühl vergeistigt, sondern immer pulsierten Emotionen durch die Farbstrudel und -splitter. 1934 ließ sie sich scheiden und wurde die Frau des haschemitischen Prinzen Zeid Al-Hussein, bis 1938 Botschafter in Berlin. Danach lebte sie mit ihm bis 1946 in Bagdad. Der Irak sandte ihn als Botschafter nach London.

Fortan malte sie wechselweise in Ateliers in London und in Paris, fühlte sich der „Nouvelle École de Paris“ zugehörig, schuf allerdings weit spielerischere Abstraktionen, verglichen mit den „harten“ Bildsprache eines Soulage, Poliakoff oder Hartung. Spontanes Agieren ging bei ihr einher mit emotionalem bis lyrischem Formgefühl.

Zeid malte kaleidoskopische, den Bildraum förmlich zersplitternde, pixelartige Szenen. „Meine Hölle“, so interpretierte sie eins der fünf Meter breiten Bilder von 1951 selbstironisch. Bisweilen gleichen die leuchtend sogartigen, gleichsam ins Dreidimensionale tendierenden Formungen Architekturen aus einer utopischen Welt.

Dann wieder glaubt man Florales zu sehen oder kosmische „schwarze“ Löcher, fast wie Augen aus dem All. Oder Mosaiken aus Byzanz. Jäh aber bricht dieses schwungvolle, privilegierte Schaffen ab, als 1958 fast die gesamte haschemitische Königsfamilie bei einem Staatsstreich im Irak ermordet wurde. Zeid und ihr Mann mussten daraufhin London verlassen.

Fahrelnissa Zeid vereint Moderne und orientalische wie byzantinische Tradition

Für Jahre versiegte der Malfluss. Erst später, zur Ruhe gekommen im Jordanischen Amman, arbeitete sie wieder. Das Trauma bekämpfte sie mit melancholischen Porträts naher Menschen – im anti-naturalistischen Stil der byzantinischen Kunst – auch sich selber. Und sie begann mit Tierknochen in Kunstharz zu experimentieren. Eigentümliche Skulpturen, jetzt hinter Glas zu sehen als Artefakte, wie in Bernstein eingeschlossen. Beyus’ frühe anthropologische Bilder kommen einem in den Sinn.

Alles, was wir jetzt in Berlin erstmals von dieser einzigartigen Künstlerin sehen, vereint internationale Kunstströmungen, europäische Malerei der Moderne und orientalische wie byzantinische Tradition. Es gibt kaum abstrakte Kunst, die derart stofflich, somit enorm sinnlich und lebendig ist. Etwas selten Schönes.

DB-KunstHalle, Unter den Linden 13/15, bis 25. März 2018, Mo–So 10–20 Uhr, Mo Eintritt frei. www.deutsche-bank-kunsthalle.de

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