Erwin Strittmatter
Im Februar 1989 geht es Erwin Strittmatter nicht gut. „Neun Tage nicht geschrieben“, notiert der 76-Jährige in sein Tagebuch. „Ich hatte ein Tief, wie ich lange keines hatte. Bei einem Spaziergang von hundert Metern musste ich bei der Hin- und Hertour je dreimal auf meinem Stock sitzen.“ Ein paar Tage später geht es ihm wieder besser, er berichtet von Ausritten mit seiner Stute Nurid. Geschäftlich läuft es ebenfalls gut. „Der Laden“, seine zu diesem Zeitpunkt erst in zwei Teilen vorliegende Romantrilogie, ist im Westen in einem Band erschienen – schwer wie ein Ziegelstein, notiert Strittmatter.
Der Schriftsteller Erwin Strittmatter, fotografiert während einer Lesung in Weimar im September 1992.
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Privat häufen sich Hiobsbotschaften. Der Freund Reso ist gestorben, Raja geht es schlecht. „Sie wird sterben und Irmtraud Morgner wird sterben und Alfred Wellm wird seine Glieder (vor allem die Hände nicht) nie mehr normal gebrauchen können“, lautet ein Eintrag im April 1989. Die politischen Vorgänge um die Volkskammerwahlen im Mai 1989 spielen in der veröffentlichten Version des Strittmatter-Tagebuchs keine Rolle. Er hat mit sich selbst genug zu tun. „Wenn ich beim Händewaschen hochgucke, in den Spiegel über der Waschtoilette hinein, erschrecke ich manchmal vor dem alten Mann, der mich da ansieht, und der nichts zu tun zu haben scheint mit dem Mann, den ich innen herumtrag. (...) Ich begreife so schwer, dass ich am Ende meines Arbeitslebens angekommen sein soll.“
Im Verlauf des Sommers aber entgehen ihm die Entwicklungen, vor allem in Ungarn, nicht. Die dortigen Ereignisse strahlen auch auf die Verhältnisse in der DDR aus und Strittmatter notiert: „Unsere Politiker bangen um ihre Existenz. Sie reden und reden von einer Wende, die sie einleiten. Die Wende – das ist jetzt ihr Lieblingswort. Sie reden von Reisefreiheit, die sie beschließen werden, von der Verbesserung des Wirtschaftssystems. Sie werden alles umwenden, behaupten sie. Nur sind sie nicht bereit, von ihrer Macht und Vormacht einen Deut abzutreten.“
Rabbiner Walter Homolka
Während der Volkskammerwahlen ist derRabbiner Walter Homolka, der heute Rektor des Potsdamer Abraham Geiger Kollegs ist, mittendrin im Geschehen. Im Sommer 1989 war er als westdeutscher Austauschstudent zu Gast an der Sektion Theologie in Leipzig. In einer Rede hat er unlängst aus seinem Tagebuch von damals zitiert: „9. Mai.
Rabbiner Professor Dr. Walter Homolka beim Gottesdienst zur Ordination des Abraham Geiger Kollegs an der Universität Potsdam.
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Am Nachmittag dann Thomas S. im Leiterkreis der FDJ Lindenau getroffen, wir tagen im Haus der Volkskunst. Auch dort wird Unmut über den Wahlausgang laut. Man ist frustriert über die offensichtliche Stimmfälschung. Nach der Sitzung gehe ich mit Thomas nach draußen. Ich sage ihm, wie aufgebracht ich bin über mein Erlebnis an der Nikolaikirche. Und dass ich ihn nicht verstünde, wie man SED-Mitglied sein könne angesichts der diktatorischen Zustände hier. Thomas gibt zurück: Er wisse, dass die DDR eine Diktatur sei. Und fort ist er mit dem Rad.“
Walter Kempowski
Über das historisch so bedeutende Jahr 1989 hat auch der Schriftsteller Walter Kempowski ausführlich Tagebuch geführt. Es trägt den Titel „Alkor“, seinen Einträgen schickt er häufig die Schlagzeilen der Tagepresse voraus. Immer wieder zitiert er dabei auch das Neue Deutschland. Am 8. Mai heißt es dort: „98,85 Prozent stimmten für die Kandidaten der Nationalen Front.“ Kempowski selbst ist allerdings mit anderen Themen befasst.
Schriftsteller Walter Kempowski anlässlich des Internationalen Buchpreises CORINE 2005 in München.
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Wenige Tage zuvor ist er 60 Jahre alt geworden, und er macht Anmerkungen zu den Feuilletontexten, die aus diesem Anlass erschienen sind. Das aktuelle Tagesgeschehen entgeht ihm dennoch nicht. Am 14. Mai berichtet er zunächst vom pfingsttypischen Spargelessen und bemerkt dann: „Völlig unsensationell wirken die großen Veränderungen dieser Monate: Ungarn, und dass es jetzt sogar Lenin ans Leder geht.
Alles kommt sachte daher, kleinweis’, stückweis’ und keiner erschrickt. Der deutsche Bundesstaat nähert sich. Und man lässt nicht Messer und Gabel fallen. Sie sagen, dass drüben die Städte zerbröseln. Mit den schadhaften Dächern fängt es an. Wenn’s erst einmal reinregnet, ist bald Feierabend.“
Günter de Bruyn
In seinem auf die DDR zurückblickenden Buch „Vierzig Jahre“ berichtet der Schriftsteller Günter de Bruyn über eine ganz persönliche Verlusterfahrung zum Ende der DDR: „An die Methode der Mächtigen, Kritik an ihnen durch Bindung an sie zu verhindern, wurde ich im Sommer 1989 wieder erinnert, als ich, von einer Reise zurückkehrend und im Begriff, eine andere anzutreten, in meiner Berliner Wohnung unter Bergen von Post einen Brief entdeckte, der mir die Verleihung des Nationalpreises erster Klasse verhieß. Zwei Tage vor dem DDR-Staatsfeiertag, dem 7. Oktober, sollte ich pünktlich im Palast der Republik antreten.
Am Mikrofon Günter de Bruyn bei einer Verasntaltung in der Ost-Berliner Erlöserkirche im Oktober 1989.
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Orden und Medaillen sind anzulegen, hieß es zum Schluss. Der Schreck war zu groß, und er kam unerwartet, obwohl ich von Leuten, die Beziehungen zur Staatsmacht hatten, schon vorgewarnt worden war. (...) Da ich am nächsten Morgen sehr früh abreisen musste, die schriftliche Ablehnung aber per Einschreiben erfolgen, also zur Post gebracht werden musste, blieb mir für den einsamen Entschluss nur eine halbe Stunde, in der ich Langsamschreiber eine Begründung nicht mehr zustande brachte, mich also mit der lapidaren Feststellung der Ablehnung begnügte, mich anschließend so glänzend wie selten fühlte – und wie alle Welt nicht die leiseste Ahnung davon hatte, dass der Staat, von dem ich mich da distanzierte, zwar noch seinen vierzigsten Jahrestag mit gewohntem Pomp feiern, dann aber seinem schnellen Ende entgegensehen würde, so dass meine Geste, die Halbheiten, Feigheiten und Versäumnisse von Jahrzehnten gutmachen sollte, ins Leere ging.“
Michael Rutschky
In West-Berlin wiederum ist Michael Rutschky, der seit Jahren viele private Kontakte in Ost-Berlin pflegt, mit dem Kauf eines neuen Autos befasst. Die DDR spielt dabei in seinem Eintrag vom 29. April 1989 in dem Tagebuch „In die Neue Zeit“ aber auch eine Rolle. „Das ist doch wirklich angenehm“, erklärt R., nachdem sie das Auto gekauft haben, „dass man sich mit einem Schlag ein neues Auto kaufen kann, wenn das alte es nicht mehr bringt.“ In Wahrheit ist er voll fürchterlicher Ängste. (…) „Mit dem Peugeot bleibe ich bestimmt mitten in der DDR stehen. Was mit dem Lada nie geschehen ist.“ Michael Rutschky wird bald nach der Wende einer der ersten West-Intellektuellen sein, die sich den neuen Verhältnissen widmen, nachzulesen in dem Band „Unterwegs im Beitrittsgebiet.“
Michael Rutschky (1943 – 2018).
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Am 9. November ist Rutschky jedoch ein stiller Beobachter der Geschehnisse. In sein Tagebuch schreibt er: „Obwohl R. Günter Schabowski bei der Pressekonferenz im TV zuschaut, versteht er nicht richtig: Die Grenzen sind offen. Um die tschechoslowakische Regierung nicht länger in Verlegenheit zu bringen… Sie gehen ins Kino. Zurückgekehrt, verfolgen sie im TV die ersten Schritte der DDR-Bürger in die Freiheit. ,Wollen wir hingehen?‘ Nein, sie sind zu müde. Dabei läuft heute Nacht die Party des Jahrhunderts, wie R. wohl ahnt. Aber sie gehen ja nicht mehr auf Partys.“
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