Einmal durften wir nach den Ferien nicht in die Schule. Schädlingsbefall. Unser Biologielehrer Herr Bansin (Name geändert) hatte eine Mäuseplage verursacht. Herr Bansin war schon vorher unser Held, nun aber stieg er noch einmal in unserer Achtung. Wir bedauerten, dass wir nicht selbst auf die Idee gekommen waren. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Schule zu kontaminieren.
Das Schicksal des Fleisches
Natürlich hatte Herr Bansin die Mäuse nicht absichtlich ausgesetzt, sodass diese sich rasant vermehrten und unauffindbar hinter der gelochten Deckenverkleidung aus Polystyrol (oder Asbest?) verschwanden. Nach der Ausbringung von Rattengift starben sie dort irgendwo eines elenden Todes und gingen unter Freisetzung von Fäulnis- und Verwesungsgasen den Weg allen Fleisches. Vorgezeichnet war ihnen ein anderes Schicksal.
Futter für den Schulzoo
Sie sollten eigentlich als Lebendfutter für die Schlangen und Echsen in Herrn Bansins Schulzoo herhalten. Er selbst züchtete und verfütterte die niedlichen Nager, weil es keine bessere Methode gibt, den Kindern die Erbarmungslosigkeit der Natur zu veranschaulichen. Und wirklich, wer einmal in die Augen eines zitternden Mäuschens geblickt hat und dasselbe wenig später langsam im Schlund eines Reptils verschwinden sah - zuletzt den sich noch zum Fragezeichen ringelnden Mäuseschwanz - schüttelt sie nicht mehr so leicht ab, die Grundtragik des Lebens.
Heuschrecken als Brillenbügel
Herr Bansin hielt auch horrorfilmtaugliche Stabheuschrecken, die uns als Plage natürlich noch lieber gewesen wären. Die Dinger sahen nicht aus wie Lebewesen, sondern wie Brillenbügel. Wer konnte wissen, ob Herr Bansin dieses Geziefer nicht eben deshalb züchtete? Mit seinem weißen Kittel sah er aus wie ein Forscher, der stets ganz kurz vor dem Durchbruch einer lebenserleichternden Entdeckung stand. Und nachwachsende Brillenbügel hätten ihm, dem Zerstreuten, das Leben sehr erleichtert. Jedes Mal, wenn er vor die Klasse trat, fehlte an einer seiner Sehhilfen ein anderes Teil. Mal ein Glas, mal die Nasenbrücke, mal der linke, mal der rechte Bügel. Bis zur Reihenproduktion seiner Heuschreckengestelle behalf er sich mit den in der DDR einzig verfügbaren Ersatzmaterialien: mit Heftpflaster und Draht.
Lehrer bewältigen moralische Zerrissenheit
Die sympathische Doktor-Dolittle-Entrücktheit von Herrn Bansin war, wie wir erst spät merkten, auf seinen systematischen Alkoholkonsum zurückzuführen. Es war wohl der Schnaps, der dem männlichen Lehrerpersonal die Schülerschaft erträglich machte - und es uns. Offenbar mussten sie sich irgendwie unter Strom setzen, um mit der nervlichen Belastung des Schulalltags und, seltener, auch mit der systembedingten moralischen Zerrissenheit zurechtzukommen. Die in dieser Serie schon erwähnten Vorbereitungsräume für die Fachlehrer waren entsprechend bestückt. Nicht dass sie da drinnen heimlich Crystal Meth oder Crack gekocht hätten, wie das amerikanischen TV-Serien zufolge heute der Fall ist, aber zur Sache ging es in diesen Partyhöhlen, Liebesnestern und Geheimlaboratorien wohl schon damals.
Biologie als die Grundtragik des Lebens
Der Geografielehrer wickelte die Schnapsflaschen in seine ohnehin unbrauchbaren Weltkarten. Herr Bansin musste weniger Aufwand betreiben, hatte er doch jede Menge Kanister mit Chemikalien in Obhut, die er anders befüllen konnte - dann aber auf keinen Fall verwechseln durfte. Auch ohne dass dies geschah, haben wir von Herrn Bansin genug über die Grundtragik des Lebens gelernt.
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