Berlin entkolonialisieren – das will eine Initiative farbiger Menschen in Berlin, indem sie die Tilgung ihnen verdächtiger Straßennamen aus dem Stadtbild betreibt. Aus ihren Reihen kamen auch Vertreter, die der Geheimjury angehörten, die über neue Straßennamen im Afrikanischen Viertel bestimmen wollten. Sie blamierten sich, als sie die angolanische Sklavenhändlerin Königin Nzinga nominierten. Die Jury musste ihre Arbeit beenden. Am 18. August werden wieder Freunde der Initiative Decolonize Berlin in der Mohrenstraße zum jährlichen „Umbenennungsfest“ antreten. Diesen etwa 300 Jahre alten Straßennamen sähen sie ebenfalls gern ausradiert.
Die Auseinandersetzung mit allen Facetten deutscher Kolonialpolitik wünscht auch die Bürgerinitiative Pro Mohrenstraße, in der sich Anwohner und Gewerbetreibende 2014 zusammenschlossen und sich für die Bewahrung des Namens einsetzen. Sie arbeitet mit Argumenten und Dialogangeboten in alle Richtungen: an die Aktivisten von Decolonize Berlin, die Kommunalpolitiker des Bezirks Mitte und die Abgeordneten der Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Sie verzichten auf Aktionismus und wahren die Contenance selbst dann, wenn Aktivisten sie eine „Initiative Weißer Menschen“ nennen, die sich „anmaßen, die von ihnen verwendete Fremdbezeichnung M. für Schwarze Menschen als ‚harmlos‘ zu bewerten“ und sich „auf ihr eigenes (weißes) Sprachempfinden berufen“.
Die allgemein anerkannte Definition für Rassismus stammt von dem tunesisch-französischen Soziologen Albert Memmi. Demnach handelt es sich um die „verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen“. Die Decolonize-Aktivisten bevorzugen eine andere Definition, wonach Rassismus ein „Komplex von Gefühlen, Vorurteilen, Vorstellungen, Ängsten, Fantasien und Handlungen“ sei, „mit denen Weiße aus einer weißen hegemonialen Position heraus Schwarze und People of Color strukturell und diskursiv positionieren und einem breiten Spektrum ihrer Gewalt aussetzen“. Im Klartext: Rassismus geht grundsätzlich nur von Weißen aus.
Weiße machen tatsächlich selten die Erfahrung, Ziel rassistisch grundierter Diskriminierung zu sein. Doch die Bürgerinitiative Pro Mohrenstraße sieht sich damit konfrontiert. Bodo Berwald, einer ihrer Sprecher, beschreibt im Gespräch mit der Berliner Zeitung, die mal mehr, mal weniger glückende Zusammenarbeit in der Kolonialdebatte.
Wie läuft das multilaterale Gespräch?
Wir fühlen uns gehört; in den zuständigen Gremien der BVV wird über das gesamte Anliegen sehr vernünftig diskutiert. Im Ausschuss Bildung/Kultur und der Arbeitsgruppe Geschichte geht es sehr sachlich zu. Die Bezirksstadträtin für Kultur, Sabine Weißler (Grüne), empfing uns nach Gründung unserer Initiative zum Kennenlerngespräch – das war sehr konstruktiv. Sie sah auch, dass der Fall Mohrenstraße anders liegt als die Fälle im Afrikanischen Viertel. In Wedding standen die im deutschen Kolonialreich Ende des 19. Jahrhunderts Handelnden zur Debatte – hingegen geht es in der Mohrenstraße um ein 300 Jahre altes Kapitel brandenburgisch-preußischer Geschichte, das zunächst nur Historikern bekannt war. Auch in der SPD-Ortsgruppe konnte die Bürgerinitiative ihre Argumente vortragen. Sie fielen auf fruchtbaren Boden. In der vorangegangenen Legislaturperiode hatte es ja eine Zählgemeinschaft CDU/SPD gegeben – ein offizieller Antrag auf Umbenennung hätte dort keine Mehrheit gefunden. Damals war im Ausschuss Bildung/Kultur/Umwelt der Vorschlag gemacht worden, ein „Forum Mohrenstraße“ einzurichten, das war nicht genau definiert, eine Art Gesprächsreihe…
Wer sollte da miteinander reden?
Die Bürger und Anwohner von Pro Mohrenstraße, die Vertreter von Decolonize Berlin – und zwar unter Vorsitz und Moderation der BVV.
Was wurde daraus?
Moctar Kamara, damals Decolonize-Sprecher, Vorgänger von Tahir Della, lehnte solche Gespräche strikt ab, man habe „genug geredet“. Unter vier Augen sagte er mir persönlich, ja, vielleicht. Aber es kam nie etwas zustande.
Welche Ideen gibt es sonst noch?
Nach dem Kontakt mit Bezirksstadträtin Sabine Weißler und den Gesprächen in der Arbeitsgruppe Geschichte der BVV war bei uns die Idee entstanden, einen Lern- und Erinnerungsort in der Mohrenstraße zu schaffen. Dort würden wir auch die Möglichkeit sehen, die vom Decolonize-Aktivisten Joshua Kwesi Aikins vorgetragenen Argumente zu diskutieren. Er behauptet nämlich, Mohr bedeute dumm und töricht, und an der Mohrenstraße seien versklavte Kinder gehalten worden. Das ist eine arg verdrehte Darstellung, wie wir aus der historischen Forschung wissen.
Aber das soll ja „weiße“, also falsche Forschung sein… Wie gehen sie mit solchen Vorwürfen um?
Damit muss man leben. Womöglich liegt die Schärfe solcher Stellungnahmen, die weiße Menschen für unfähig erklären, „richtige“ Einsichten zu Rassismus und Sklaverei zu gewinnen oder dass Rassismus nur an Weiße gebunden sei, daran, dass wir es mit berufsmäßigen Lobbyisten in Sachen Antirassismus zu tun haben. Sie werden ja für ihre Tätigkeit bezahlt. Die Stelle von Tahir Della als „Promotor Antirassismus und Postkolonialismus“ wird vom Entwicklungsministerium sowie vom Land Berlin finanziert.
Werden die Mitglieder der Bürgerinitiative auch mal auf die Straße gehen – sie brächten ja womöglich mehr Leute auf die Beine?
Nein, wir sehen keinen Anlass für „Gegenaktionen“, zum Beispiel Tücherraushängen oder Ähnliches. Das ist nicht unsere Art. Wir wollen mit allen Interessierten sprechen. Ganz beharrlich. Wir haben ja gute Argumente. Mit den Politikern waren wir die ganze Zeit im Gespräch – und das hat offensichtlich gefruchtet. Schwierig wird es, wenn jemand die Argumente nicht hören und auch nicht über das Anliegen sprechen möchte – sondern einfach nur recht bekommen will.
Hat sich seit dem unrühmlichen Wirken der Geheimjury im Wedding bei der Straßenumbenennung im Afrikanischen Viertel an der Decolonize-Haltung etwas geändert?
Höchstens die Taktik. Die Wissenschaftler, die danach für das neue Umbenennungsverfahren im Wedding berufen wurden, durften ja nur vorgelegte Namen prüfen. Sie sollten nicht die Frage prüfen, ob überhaupt Umbenennungen erfolgen sollten oder ob ein anderer Umgang mit dem Problem zielführender sei.
Wie stehen nun die Chancen für eine Bewahrung des Namens Mohrenstraße beziehungsweise eine Umbenennung?
Aktivist Tahir Della räumt ein, die Chancen für eine Umbenennung stünden derzeit schlecht, aber man wolle weiterkämpfen. Es gibt auch einen Hinweis in der Vereinbarung, die Grüne und SPD Mitte bei der Bildung ihrer Zählgemeinschaft in der BVV im Oktober 2016 geschlossen haben. Darin steht, dass die Umbenennungen im Afrikanischen Viertel „zügig“ erfolgen sollen – was ja inzwischen geschehen ist. Anders in unserem Fall. Da heißt es, die „Diskussion um die Entwicklung eines Lern- und Erinnerungsortes an der Mohrenstraße“ solle weiter unterstützt und gefördert werden.
Das klingt, als sei es ganz in Ihrem Sinne.
Ja, dabei wollen wir konstruktiv mitmachen und haben sieben Informationstafeln mit Textvorschlägen als Diskussionsgrundlage vorbereitet. Wir verzichten darin bewusst auf Wertungen, etwa aus sogenannter „weißer“ oder „schwarzer“ Perspektive. Die Bilder und Tafeln sollen sachlich über Ereignisse und Zusammenhänge informieren – über den transatlantischen Sklavenhandel, die brandenburgische Handelskolonie Großfriedrichsburg an der Guineaküste und die Namensgebung der Mohrenstraße.
Das Gespräch führte Maritta Tkalec.
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