Es ist ein Experiment. Kristina Jahn steht auf einer Baustelle in der Neuköllner Gropiusstadt und zeigt auf die Betonwände, die aus dem Keller empor wachsen. Normalerweise würden diese bald eine dicke Wärmedämmung aus Styropor erhalten. Doch hier ist alles anders. „Wir erreichen die Vorgaben zur Energieeinsparung allein dadurch, dass wir eine Steinwand errichten“, sagt Kristina Jahn.
Die 40-jährige gebürtige Essenerin ist seit einem halben Jahr Nachfolgerin des langjährigen Degewo-Chefs Frank Bielka. Zusammen mit Finanz-Vorstand Christoph Beck leitet sie die größte landeseigene Wohnungsbaugesellschaft – und geht neue Wege im Wohnungsbau. Zum Beispiel bei der Wärmedämmung. „Es gibt heute unterschiedliche wissenschaftliche Lager. Die einen sagen Ja zur Wärmedämmung aus Styropor, die anderen sind dagegen“, sagt Jahn. Gerade in der Altbau-Sanierung gebe es bisher keine echte Alternative. Sollte das Experiment in der Gropiusstadt erfolgreich verlaufen, gebe es jedoch eine Wahlmöglichkeit. Die ganze Wohnungswirtschaft könnte davon profitieren, werden der Dämmung aus Styropor doch zahlreiche negative Eigenschaften wie eine schnellere Veralgung der Fassaden oder eine höhere Brandgefahr zugeschrieben.
Kristina Jahn, Mutter von vier Kindern, ist gelernte Diplom-Ingenieurin und Betriebswirtin. Sie hat in Detmold und Kopenhagen studiert. Vor ihrem Wechsel zur Degewo war sie bei der Deutschen Annington tätig, dem größten privaten Wohnungsunternehmen Deutschlands. Was in Berlin von ihr verlangt wird, ist klar: „Wir haben die Aufgabe, die Berliner mit bezahlbarem Wohnraum zu versorgen“, sagt Jahn. „Dieser Aufgabe ordnen wir alles unter.“ In den nächsten zehn Jahren will die Degewo zwischen 10.000 und 11.000 neue Wohnungen bauen. 80 Prozent der Wohnungen sollen zu Mieten von 6,50 bis 10,50 Euro je Quadratmeter (kalt) entstehen. Das ist vergleichsweise niedrig. In der Regel sind neue Wohnungen nicht unter 10 Euro Miete je Quadratmeter zu errichten.
Kluge Planung spart Geld
„Wir stehen für kostengünstiges Bauen“, sagt Kristina Jahn. Die Ausgaben sollen auf verschiedene Weise reduziert werden. Zum Beispiel durch Einsparungen bei den Baunebenkosten, zu denen die Planer-Honorare und alle Ausgaben rund ums Bauen gehören. Sie belaufen sich normalerweise auf 20 Prozent der Baukosten, wenn externe Planer beauftragt werden. „Wir senken die Nebenkosten dadurch, dass wir Leistungen selbst erbringen“, sagt Kristina Jahn. Beim ersten Neubau der Degewo in der Waldsassener Straße in Marienfelde habe man die Baunebenkosten auf diese Weise um ungefähr 30 Prozent absenken können. Das bedeute umgerechnet auf die späteren Mieten eine Ersparnis um die 80, 90 Cent pro Quadratmeter. „Wir sparen nicht nur Geld, weil wir selbst planen, sondern auch dadurch, wie wir planen“, sagt Jahn. Hierbei will sich die Degewo an Wien orientieren, wo schon seit Jahren kostengünstig kommunale Wohnungen entstehen.
„Wenn zum Beispiel drei Wohnungen pro Etage an einem Treppenhaus hängen, ist das nicht wirklich kostengünstig. Wir planen in einem Entwurf mit sechs Wohnungen pro Treppenhaus“, so Jahn. Für die Fassaden gelte: Voll verglaste Fassaden sind teuer. Und deswegen nicht das Ziel. Teuer seien auch Vorsprünge und Rücksprünge in der Fassade. Die Außenfläche werde dadurch größer, aber nicht die Wohnung. „Es kommt deswegen auf eine optimale Gestaltung an“, sagt Jahn. „Das bedeutet nicht, dass wir neue Plattenbausiedlungen errichten wollen.“ Die Grundstücke müssten nur optimal ausgenutzt werden. „Wir bauen kompakte Häuser – im Zweifelsfall kommt das Grün aufs Dach. Und wir sind sparsam beim Volumen der neuen Häuser: Übergroße Eingangshallen gibt es nicht.“
Strom aus eigener Erzeugung
Die Räume sollen auch mitunter völlig neu angeordnet werden. „Wir planen Abstellräume für Fahrräder und Kinderwagen auf dem Dach“, sagt die Degewo-Chefin. „Damit versuchen wir zusätzliche Flächen, die nicht fürs Wohnen geeignet sind, sinnvoll zu nutzen.“ Denn viele Mieter wollen Fahrräder oder Kinderwagen nicht unten im Haus abstellen – und nehmen sie mit hoch in die Wohnung. „Hoch schleppen muss keiner etwas“, verspricht Jahn. Die Aufzüge sollen bis nach oben fahren. Die Degewo hat auch neue Pläne für die Erdgeschosse. Dort sollen ebenfalls Abstellräume errichtet werden. „Denn Wohnungen im Erdgeschoss werden ohnehin nicht gerne angemietet, wenn sie einen direkten Einblick Fremder ermöglichen“, sagt Jahn.
Neue Wege will die Degewo überdies bei der Energieversorgung gehen. „Bei unserem Neubau in der Joachimstraße 8 in Köpenick haben wir ein Blockheizkraftwerk errichtet, dass die Wohnungen mit Wärme und mit Strom versorgt“, sagt Jahn. „Wir bieten den Mietern den Strom, der ja eigentlich ein Abfallprodukt der Wärmeerzeugung ist, zum Kauf an.“ Das Angebot ist ein Test. „Wir wollen sehen, ob es angenommen wird“, sagt Jahn.
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