Demnächst rasten wieder vierzigtausend hungrige Zugvögel in der Rügen-Bock-Region: Abgelenkte Kraniche

Kraniche bringen Glück, heißt es in alten Sagen. Ob die schönen Zugvögel ihrem Ruf gerecht werden, entzieht sich der Prüfung, aber offensichtlich faszinieren sie den Menschen nach wie vor. Jahr für Jahr strömen Scharen von Beobachtern mit ihren Ferngläsern und Kameras zu den Orten, an denen Kraniche auf dem langen Flug zwischen Sommer- und Winterquartier Pause machen. Der größte Kranichrastplatz in Mitteleuropa ist die Boddenlandschaft in der Nähe der Ostsee-Insel Rügen. Dort erholen sich im Herbst mehr als vierzigtausend Graue Kraniche auf ihrer bis zu dreitausend Kilometer langen Reise von Skandinavien nach Südspanien. Ist der Winter vorbei, fliegen die Vögel auf ihrer penibel eingehaltenen Route zurück. Im Frühjahr verweilen die Kraniche vier bis sechs Wochen, im Herbst bleiben sie acht bis zehn Wochen, um sich tagsüber auf den weiten Ackerflächen im nördlichen Mecklenburg-Vorpommern ein Polster für den Flug anzufressen und des Nachts in den flachen Boddengewässern zu ruhen.Kraniche, die Vögel des Glücks? Für manche Landwirte der Rügen-Bock-Region sind solche Beinamen nichts als romantischer Schmus. Denn ihnen brachten die Zugvögel in den vergangenen Jahren eher Unglück. Die hungrigen Tiere sie benötigen während der Rast etwa dreihundert Gramm Körnernahrung täglich stürzten sich im Herbst vielerorts auf frisch eingesäte Felder und fraßen das Saatgetreide. Der Schaden wurde den Bauern zwar vom mecklenburgischen Umweltministerium ersetzt, der Ärger über die Störenfriede aber blieb. Die Folge: Oft wurden die Kraniche mit Steinwürfen und mit Fahrzeugen von den Äckern vertrieben.Seit einigen Jahren erproben Naturschutzorganisationen und Behörden zusammen mit den Bauern eine Gegenstrategie, die so genannte Ablenkfütterung. Dabei werden die Kraniche durch eigens für sie eingerichtete Fütterungsflächen von den Neusaaten fern gehalten. Die Methode hat sich offenbar bewährt. Mehr als vierzigtausend Kraniche können sich an der Ostseeküste ungestört Reserven anfressen, ohne den Landwirten der Region zu schaden. So heißt es in einer gemeinsamen Erklärung, die vergangene Woche bei einer Pressekonferenz im Kranich-Informationszentrum in Groß Mohrdorf bei Stralsund von der Umweltstiftung WWF-Deutschland und der Arbeitsgemeinschaft Kranichschutz Deutschland präsentiert wurde. Wie Herbert Heller vom Staatlichen Amt für Umwelt und Natur berichtete, kosten die Ablenkfütterungen nur die Hälfte der bisherigen Entschädigungen für Landwirte bisher musste das Land Mecklenburg-Vorpommern immerhin rund 350 000 Mark pro Jahr zahlen. Zudem seien die Kraniche nun vor mutwilliger Vertreibung geschützt.Vor der Wende gab es kaum Probleme mit den Kranichen. Damals wurde in der dünn besiedelten Region mehr Mais angebaut. Mais ist die Lieblingsspeise der Vögel. Die Erntemaschinen waren zudem nicht so effizient wie heute, so dass auf den Stoppelfeldern größere Reste liegen blieben. Die Äcker wurden oft erst im Frühjahr gepflügt jetzt ist es üblich, sie schon ein paar Tage nach der Ernte umzubrechen.Ein Ausbleiben wäre fatalDa die Kraniche immer weniger Futter fanden, drohten sie auszubleiben. Das aber kann man sich in der vom Tourismus abhängigen Rügen-Bock-Region nicht leisten. Denn zwischen Mitte September und Ende Oktober kommen Tausende Besucher eigens zur Beobachtung der schönen Vögel an die Ostsee. Derzeit gibt es in den Kreisen Nordvorpommern und Rügen auf insgesamt 350 Hektar siebzehn Ablenkflächen "so viele wie nirgendwo sonst", sagte Günter Nowald, Leiter des Kranich-Informationszentrums, bei der Pressekonferenz. In den nächsten Jahren will man das System auf zwanzig Ablenkflächen mit zusammen 500 Hektar ausbauen. Optimal sei es, wenn die Ablenkfläche mindestens 20 Hektar groß sei und auch Raum zum Balzen, Putzen, Ruhen und Verdauen für die Vögel biete, betonte Herbert Heller.Die Landwirte, die bei dem Kranichfütterungsprogramm mitmachen, erhalten dafür 550 Mark pro Hektar. Die Auslagen für Futtermittel, in der Regel handelt es sich um Mais, werden ihnen zusätzlich erstattet. Meist beteiligen sich Bauern, die in den vergangenen Jahren Schäden zu beklagen hatten und die deshalb im eigenen Interesse nach einer Lösung suchen. Sie schließen einen Vertrag mit dem Amt für Umwelt und Natur ab und bestimmen eine Ablenkfläche innerhalb ihrer Ländereien. Wo die Fläche genau liegt, entscheiden die Bauern einige Monate, bevor die ersten Vögel auftauchen. Die Lage der Fütterungsflächen kann von Jahr zu Jahr variieren. Üblicherweise ernten die Bauern ihr Maisfeld ganz normal im September ab und verschieben das Umpflügen auf das nächste Frühjahr. Mais können sie ohnehin erst wieder im Mai anbauen. Die Kranichfütterung ermöglicht es den Bauern also, sich ein ansehnliches Zubrot zu verdienen. Sie verpflichten sich lediglich, regelmäßig Maiskörner auf die Stoppeln zu werfen wenn überhaupt Kraniche auf ihrer Ablenkfläche auftauchen.Vorbild SchwedenGenau da liegt nach Ansicht von Günter Nowald das Hauptproblem. "Noch ist das System zu starr", moniert er. Am einfachsten und billigsten sei es, dort regelmäßig Futter auszubringen, wo die ersten Kraniche sich von selbst niederlassen. Würden die Vögel, die bereits im August in die Region einfliegen, an bestimmten Orten gefüttert, dann kämen auch weitere Tiere bis zum Ende der Saison an diesen Platz. "Beispielhaft ist Schweden", sagt Nowald. "Am Hornburger See in Südschweden wird immer die gleiche riesige Fläche für die Kraniche reserviert, und die kommen da auch jedes Jahr hin. Das ist auch für die Besucher einfacher." Derzeit könne in der Rügen-Bock-Region niemand mit Gewissheit vorhersagen, ob die Kraniche tatsächlich die vorgesehenen Ablenkflächen nutzen. Nur fünf der siebzehn Flächen werden systematisch beobachtet. Es dürfte also noch eine Weile dauern, bis Mensch und Kranich in dieser Gegend glücklich miteinander werden. Weitere Informationen, unter anderem die aktuelle Broschüre "Kranichschutz in der Rügen-Bock-Region ein Gewinn für Natur und Wirtschaft", gibt es beim Kranich-Informationszentrum, Lindenstr. 27, 18445 Groß Mohrdorf, Telefon: 03 83 23 / 8 05 ...

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Kraniche bringen Glück, heißt es in alten Sagen. Ob die schönen Zugvögel ihrem Ruf gerecht werden, entzieht sich der Prüfung, aber offensichtlich faszinieren sie den Menschen nach wie vor. Jahr für Jahr strömen Scharen von Beobachtern mit ihren Ferngläsern und Kameras zu den Orten, an denen Kraniche auf dem langen Flug zwischen Sommer- und Winterquartier Pause machen. Der größte Kranichrastplatz in Mitteleuropa ist die Boddenlandschaft in der Nähe der Ostsee-Insel Rügen. Dort erholen sich im Herbst mehr als vierzigtausend Graue Kraniche auf ihrer bis zu dreitausend Kilometer langen Reise von Skandinavien nach Südspanien. Ist der Winter vorbei, fliegen die Vögel auf ihrer penibel eingehaltenen Route zurück. Im Frühjahr verweilen die Kraniche vier bis sechs Wochen, im Herbst bleiben sie acht bis zehn Wochen, um sich tagsüber auf den weiten Ackerflächen im nördlichen Mecklenburg-Vorpommern ein Polster für den Flug anzufressen und des Nachts in den flachen Boddengewässern zu ruhen.Kraniche, die Vögel des Glücks? Für manche Landwirte der Rügen-Bock-Region sind solche Beinamen nichts als romantischer Schmus. Denn ihnen brachten die Zugvögel in den vergangenen Jahren eher Unglück. Die hungrigen Tiere sie benötigen während der Rast etwa dreihundert Gramm Körnernahrung täglich stürzten sich im Herbst vielerorts auf frisch eingesäte Felder und fraßen das Saatgetreide. Der Schaden wurde den Bauern zwar vom mecklenburgischen Umweltministerium ersetzt, der Ärger über die Störenfriede aber blieb. Die Folge: Oft wurden die Kraniche mit Steinwürfen und mit Fahrzeugen von den Äckern vertrieben.Seit einigen Jahren erproben Naturschutzorganisationen und Behörden zusammen mit den Bauern eine Gegenstrategie, die so genannte Ablenkfütterung. Dabei werden die Kraniche durch eigens für sie eingerichtete Fütterungsflächen von den Neusaaten fern gehalten. Die Methode hat sich offenbar bewährt. Mehr als vierzigtausend Kraniche können sich an der Ostseeküste ungestört Reserven anfressen, ohne den Landwirten der Region zu schaden. So heißt es in einer gemeinsamen Erklärung, die vergangene Woche bei einer Pressekonferenz im Kranich-Informationszentrum in Groß Mohrdorf bei Stralsund von der Umweltstiftung WWF-Deutschland und der Arbeitsgemeinschaft Kranichschutz Deutschland präsentiert wurde. Wie Herbert Heller vom Staatlichen Amt für Umwelt und Natur berichtete, kosten die Ablenkfütterungen nur die Hälfte der bisherigen Entschädigungen für Landwirte bisher musste das Land Mecklenburg-Vorpommern immerhin rund 350 000 Mark pro Jahr zahlen. Zudem seien die Kraniche nun vor mutwilliger Vertreibung geschützt.Vor der Wende gab es kaum Probleme mit den Kranichen. Damals wurde in der dünn besiedelten Region mehr Mais angebaut. Mais ist die Lieblingsspeise der Vögel. Die Erntemaschinen waren zudem nicht so effizient wie heute, so dass auf den Stoppelfeldern größere Reste liegen blieben. Die Äcker wurden oft erst im Frühjahr gepflügt jetzt ist es üblich, sie schon ein paar Tage nach der Ernte umzubrechen.Ein Ausbleiben wäre fatalDa die Kraniche immer weniger Futter fanden, drohten sie auszubleiben. Das aber kann man sich in der vom Tourismus abhängigen Rügen-Bock-Region nicht leisten. Denn zwischen Mitte September und Ende Oktober kommen Tausende Besucher eigens zur Beobachtung der schönen Vögel an die Ostsee. Derzeit gibt es in den Kreisen Nordvorpommern und Rügen auf insgesamt 350 Hektar siebzehn Ablenkflächen "so viele wie nirgendwo sonst", sagte Günter Nowald, Leiter des Kranich-Informationszentrums, bei der Pressekonferenz. In den nächsten Jahren will man das System auf zwanzig Ablenkflächen mit zusammen 500 Hektar ausbauen. Optimal sei es, wenn die Ablenkfläche mindestens 20 Hektar groß sei und auch Raum zum Balzen, Putzen, Ruhen und Verdauen für die Vögel biete, betonte Herbert Heller.Die Landwirte, die bei dem Kranichfütterungsprogramm mitmachen, erhalten dafür 550 Mark pro Hektar. Die Auslagen für Futtermittel, in der Regel handelt es sich um Mais, werden ihnen zusätzlich erstattet. Meist beteiligen sich Bauern, die in den vergangenen Jahren Schäden zu beklagen hatten und die deshalb im eigenen Interesse nach einer Lösung suchen. Sie schließen einen Vertrag mit dem Amt für Umwelt und Natur ab und bestimmen eine Ablenkfläche innerhalb ihrer Ländereien. Wo die Fläche genau liegt, entscheiden die Bauern einige Monate, bevor die ersten Vögel auftauchen. Die Lage der Fütterungsflächen kann von Jahr zu Jahr variieren. Üblicherweise ernten die Bauern ihr Maisfeld ganz normal im September ab und verschieben das Umpflügen auf das nächste Frühjahr. Mais können sie ohnehin erst wieder im Mai anbauen. Die Kranichfütterung ermöglicht es den Bauern also, sich ein ansehnliches Zubrot zu verdienen. Sie verpflichten sich lediglich, regelmäßig Maiskörner auf die Stoppeln zu werfen wenn überhaupt Kraniche auf ihrer Ablenkfläche auftauchen.Vorbild SchwedenGenau da liegt nach Ansicht von Günter Nowald das Hauptproblem. "Noch ist das System zu starr", moniert er. Am einfachsten und billigsten sei es, dort regelmäßig Futter auszubringen, wo die ersten Kraniche sich von selbst niederlassen. Würden die Vögel, die bereits im August in die Region einfliegen, an bestimmten Orten gefüttert, dann kämen auch weitere Tiere bis zum Ende der Saison an diesen Platz. "Beispielhaft ist Schweden", sagt Nowald. "Am Hornburger See in Südschweden wird immer die gleiche riesige Fläche für die Kraniche reserviert, und die kommen da auch jedes Jahr hin. Das ist auch für die Besucher einfacher." Derzeit könne in der Rügen-Bock-Region niemand mit Gewissheit vorhersagen, ob die Kraniche tatsächlich die vorgesehenen Ablenkflächen nutzen. Nur fünf der siebzehn Flächen werden systematisch beobachtet. Es dürfte also noch eine Weile dauern, bis Mensch und Kranich in dieser Gegend glücklich miteinander werden. Weitere Informationen, unter anderem die aktuelle Broschüre "Kranichschutz in der Rügen-Bock-Region ein Gewinn für Natur und Wirtschaft", gibt es beim Kranich-Informationszentrum, Lindenstr. 27, 18445 Groß Mohrdorf, Telefon: 03 83 23 / 8 05 40.

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