„Wie absurd, jetzt stehe ich hier und kämpfe für Aldi“, das ist am Samstagnachmittag einer der Sätze, der häufig durch die Eisenbahnstraße tönt. Die Initiative „Markthalle 9 für alle“ hat zu einer Kundgebung für Aldi aufgerufen und um die 300 Menschen sind gekommen.
Schilder werden in die Höhe gereckt wie „Ernährungswende muss sozial sein, sonst ist sie keine“. Oder: „Wo bleibt die Suppenküche für obdachlose Menschen?“ Drinnen geht der Verkauf von Bio-Gemüse, weitgehend aus regionalem Anbau, von raffinierten Torten, exquisitem Käse und Fleisch aus besonders fairer Tierhaltung ungestört weiter, draußen geben sich wütende Anwohner gegenseitig das Mikro in die Hand. Denn drinnen, das ist für viele hier draußen zu teuer. Obwohl sie doch eigentlich selbst auch „Ökos“ sind.
Markthalle 9 ist zu einer Touristenattraktion geworden
Viele ältere Menschen sind dabei und erstaunlich wenig junge. Einige Derjenigen, die jetzt hier draußen stehen, hatten vor acht Jahren die Markthallen-Betreiber Nikolaus Driessen, Florian Niedermeier und Bernd Maier unterstützt. Die waren damals mit dem Konzept einer „Markthalle für alle“ angetreten. „Die Markhalle soll ein soziales Zentrum“ werden und auf gar keinen Fall eine „Eventlocation“ war ihr Versprechen. Aber genau das ist seit der Eröffnung vor acht Jahren passiert.
Die Markthalle 9 ist eine Touristenattraktion, eine hippe Food-Event-Location. , Kein „soziales Zentrum“, sondern ein rabiater Gentrifizierungs-Beschleuniger. Nicht durch Zufall, sondern durch entsprechende Marketingstrategien, und genau darüber sind sie hier draußen so wütend. Hier kann man Torte für 6 Euro das Stück vom Pappteller essen und Brot für 12 Euro das Kilo kaufen.
„Kiezmarkthalle statt Luxus-Food-Halle“ lautet entsprechend auch die Forderung der Kundgebung. Die Sängerin Christiane Rösinger bringt die Lage gleich in ihrer Eröffnungsrede auf den Punkt. Sie möge vieles von dem, was angeboten wird an den Ständen, aber es sei zu teuer. „Multikulti, das gibt es doch nur noch bei Aldi.“
Eine absurde Situation. Der Discounter Aldi ist zur letzten Bastion der sozialen Mischung geworden, die hier angeblich alle, auch die Betreiber selbst wollen. Tatsächlich kommen durch Aldi Menschen in die Halle, die hier sonst nichts mehr einkaufen. Oder nur ab und zu, um sich etwas besonders zu leisten, das Fleisch von „Kumpel & Keule“ etwa oder ein nicht ganz so teures Stück Torte von „Konditormeisterin Frau Zeller“.
Günstig ist nicht Handwerk, sondern Industrie
Annette Zeller ist seit 2011, seit die neue Markthalle eröffnete, mit dabei. Sie hat zur Kundgebung ein Statement an die Schwarze Wand der Kreuzberger Markthalle 9 gehängt. Es macht deutlich, dass die Sache ziemlich kompliziert ist. 60 Stunden arbeitet sie in der Woche. Einen Mindestlohn kann sie sich dafür nicht auszahlen. Obwohl ihr Geschäft bestens läuft. Aber wenn sie nur gute Bio-Produkte verwenden und nicht völlig überhöhte Preise nehmen will, sitzt mehr für sie nicht drin. Billig sind ihre Kuchen aber trotzdem nicht.
Gleiches schildert draußen mit gepresster Stimme eine Floristin vom Blumenstand. Regional, fair, bio, handgemacht, daran ist selbst bei hohen Preisen nicht viel zu verdienen. Viele der Stände drinnen repräsentieren eine Öko-Vision, die auch viele, die jetzt draußen stehen eigentlich gut finden. Aber das ist eben das Dilemma. Günstig ist nicht Handwerk, sondern Industrie. „Wir sind nicht gegen die Händler“, wird immer wieder betont.
Markthalle 9 solle kein Ort des sozialen Ausschlusses sein
Aber mehr Mischung der Angebote solle her. Mehr Mitbestimmung durch die Anwohner, mehr Bewusstsein dafür, dass die Markthalle kein Ort des sozialen Ausschlusses sein solle und dass deswegen ein Discounter wie Aldi dazugehöre. Im Hintergrund stehen die Betreiber und hören mit grimmigen Gesichtern zu. Sie tragen, wie fast alle Händler an diesem Tag, einen Markthalle-9-Aufkleber mit Herz. Gegen sie, nicht gegen die Händler, richten sich die Statements der Anwohner.
Nikolaus Driessen, Florian Niedermeier und Bernd Maier haben mit der Markthalle 9 aus dem Nichts einen florierenden Ort geschaffen. Aber die Weise, wie sie dabei politischen Anspruch als Markenkern für Event-Food verkaufen, könnte ihnen jetzt böse auf die Füße fallen. In den vergangenen Wochen dürften sie mehr der linken Kreuzberger Kundschaft verloren haben als sie mit dem Drogeriemarkt dm je dazu gewinnen werden.
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