Deniz Yücel

Das sind die Menschen hinter #FreeDeniz

Kai Schlieter
7 Min
Ein Mädchen hält bei einem Autokorso ein Plakat mit der Aufschrift "Free Deniz". Vor einem Jahr, am Valentinstag, meldete sich der "Welt"-Korrespondent beim Polizeipräsidium in Istanbul, um zu klären, warum gegen ihn ermittelt wird.

Ein Mädchen hält bei einem Autokorso ein Plakat mit der Aufschrift "Free Deniz". Vor einem Jahr, am Valentinstag, meldete sich der "Welt"-Korrespondent beim Polizeipräsidium in Istanbul, um zu klären, warum gegen ihn ermittelt wird.

© picture alliance / Kay Nietfeld/

Am vergangenen Sonntagabend brütet der Freundeskreis von Deniz Yücel mal wieder über der Befreiung der prominentesten Geisel von Recep Tayyip Erdogan. Ein typischer Tag, denn die Öffentlichkeitsarbeit für ihn beginnt an Wochenenden oder wenn der reguläre Job zu Ende geht. Aktivismus ist Privatsache und für viele in diesem Fall eine weitere Vollzeitbeschäftigung.

Für Doris Akrap etwa, Anfang vierzig, Redakteurin der Tageszeitung taz, rotblondes Haar, ziemlich gut in der Kulturszene vernetzt, umtriebig. Und wie Deniz Yücel stammt sie aus Flörsheim am Main. Die beiden kennen sich seit etwa 30 Jahren. Ihre Familie kommt aus Kroatien. Die Yücels waren klassische Arbeitseinwanderer. Die Mutter malochte in der Küche eines Krankenhauses, der Vater in der Fabrik. Doris und Deniz sind Migrantenkinder, die es gepackt haben. Keine Selbstverständlichkeit auch nicht für jene, die in der verschnarchten Bundesrepublik der 80er- und 90er-Jahre aufwachsen.

Der harte Kern

Eben ließ sich Akrap von einem Fernsehteam interviewen, jetzt hebt sie das Rauchverbot auf, indem sie einen Aschenbecher über den Tisch gleiten lässt. Mit ihr sitzen drei Frauen und fünf Männer an einem großen blauen Konferenztisch im obersten Stock von Imran Ayatas Agentur Ballhaus in der Potsdamer Straße. An den Wänden hängen einfarbige Bilder, rote Flächen.

Der harte Kern der Unterstützer. Die Menschen hinter #FreeDeniz. Sie organisieren die kommende Veranstaltung.

Vor einem Jahr, am Valentinstag, meldete sich Deniz Yücel beim Polizeipräsidium in Istanbul, um zu klären, warum gegen ihn ermittelt wird. Die ahnungslose Behörde verschluckte den Reporter sicherheitshalber und erst zwei Wochen später erfuhr er, dass die Gefahr von seiner Sprache ausgeht. In der entdemokratisierten Türkei ist Deniz Yücel nun der „Terrorpropaganda und Volksverhetzung“ bezichtigt. Ein Staatsfeind.

In Berlin kommt der Autor Jörg Sundermeier nach der Inhaftierung schnell auf die Idee, Lesungen mit Deniz Yücels Texten zu organisieren. Solche Veranstaltungen breiten sich in den kommenden Monaten bundesweit aus. In der Heimat organisiert der Flörsheimer Bürgermeister Mahnwachen.

Der Türkei-Korrespondent der "Welt", Deniz Yücel, aufgenommen im Juli 2016 in Berlin während der ZDF-Talkshow "Maybrit Illner".

Der Türkei-Korrespondent der "Welt", Deniz Yücel, aufgenommen im Juli 2016 in Berlin während der ZDF-Talkshow "Maybrit Illner".

© picture alliance / Karlheinz Sch

Deniz Yücel ist heute wohl der prominenteste Journalist des Landes. Weil es ihm nicht nur darum geht, seinen Namen in der Zeitung zu lesen. Das mache nur 90 Prozent der Motivation aus, schrieb er in Anlehnung an einen Mentor bei der Mainzer Allgemeinen. Das solle einem aber bewusst sein. Yücel schreibt: „Es geht nicht ohne Handwerk. Und es geht nicht ohne Haltung.“ Doch verschwindet die Demokratie, wird Haltung zum Risiko.

Nun sorgen seine Freunde dafür, dass über ihn geschrieben wird. Mit den anderen koordiniert Akrap Termine, das Smartphone ist zu einem neuen Körperteil geworden. Mit viel Energie gibt sie ein Interview nach dem nächsten. Vor allem in den ersten Monaten war sie eine Art Live-Berichterstatterin zum Thema Deniz Yücel. Wenn die Anrufe nicht von alleine kommen, entwickelt der Freundeskreis Ideen, die das mediale Interesse am Glimmen halten.

Sie alle sind Journalisten, Autoren, politisch Aktive und PR-Experten, die wissen, dass die Aufmerksamkeitsspanne der Gegenwart immer kürzer wird. Zack-zack, ein Skandal, nächstes Thema. Jeden Tag neu. Und trotz all der weltpolitischen Ereignisse ist einer nie verschwunden aus den Medien: Deniz Yücel. Seit einem Jahr nun. Das ist ein kleines Medienwunder. „Die Hilfe der Kollegen – das ist überwältigend, denn Themen laufen sich ja schnell tot“, sagt Doris Akrap.

Eine Woche zuvor, im Redaktionsgebäude der taz. Akraps Füße liegen auf dem Schreibtisch, sie wirkt ermattet. Was das mit einem macht, wenn einer der besten Freunde in Isolationshaft sitzt? Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte klassifiziert diese Behandlung als Folter. „Ermüdung, die Kräfte schwinden langsam“, sagt sie und ihr rutscht das eher heraus. Keine Schwäche zeigen, wo Deniz stark ist. Immer Lachen. Ende Februar 2017 sah sie ihn zuletzt.

Er wies auf seinen Zeigefinger – keine gelben Nikotinspuren mehr. Das sollte Mut machen. Zu begreifen, dass er im Gefängnis sitzt, das habe Wochen gedauert. Doch als sie seinen ersten Text aus der Haft las, wusste sie: „Er ist der Alte – der Humor. Sie kriegen ihn nicht“. Zu Weihnachten realisiert sie: Jetzt sitzt er bald ein Jahr in einer Zelle, in Ungewissheit über das Haft-Ende, in den Händen eines Diktators. Er soll da raus.

„Korso der Herzen“ 

Weggesperrt wegen eines Talents: Deniz Yücel findet mit seherischem Gespür die Themen, die Massen bewegen. Er findet Worte, die wehtun, die Empörungsstürme erzeugen oder Zustimmung. Fans schicken der Redaktion selbst gestrickte Hausschuhe für den Inhaftierten. Aus den vielen Onlinekommentaren zu seinen Texten machte er mit Kollegen eine Lesereise durch die Republik.

Die wenigsten können das so gut wie er: Aufmerksamkeit erzeugen. Eine harte Währung in dieser Welt. Das treibt seinen Preis in die Höhe. Nach den Deals von Emmanuel Macron, der Waffen gegen Inhaftierte tauschte, gab es auch hier einen naheliegenden Gedanken. Deniz Yücel aber ließ ausrichten: „Ich für meinen Teil möchte meine Freiheit weder mit Panzergeschäften von Rheinmetall oder dem Treiben irgendwelcher anderen Waffenbrüder befleckt wissen.“ Wumm! Alle zitierten den Satz.

Teilnehmer an einem Auto- und Fahrradkorso für den in der Türkei inhaftierten deutschen Journalisten Deniz Yücel fahren durch das Regierungsviertel.

Teilnehmer an einem Auto- und Fahrradkorso für den in der Türkei inhaftierten deutschen Journalisten Deniz Yücel fahren durch das Regierungsviertel.

© dpa

Und in der Dunkelheit des türkischen Gefängnisses sind diese Worte nicht wohlfeil. Bei dieser Courage wollen die Freunde im sicheren Berlin nicht über die dauernde Arbeitsbelastung jammern. Aber bewirkt die Öffentlichkeitsarbeit vielleicht das Gegenteil?

„Es gab von Anfang an Leute, die gesagt haben, er soll den Mund halten“, sagt Akrap. „Aber darauf vertrauen, dass die Autoritäten schon das Richtige tun? Man kann sich das von einem Autokraten nicht vorschreiben lassen.“

Zurück in der Agentur in der Potsdamer Straße. Ein Mann schiebt eine weiße Tafel vor den Konferenztisch. Rudi – Stefan Rudnick, im Brotjob Geschäftsführer bei der linksradikalen Jungle Word, wo Yücel und Akrap auch Mitherausgeber sind. Er schreibt mit Filzstift: „Korso“ und „Festsaal“ an die Tafel. Schlüsselbegriffe, die mittlerweile als Assoziationskette zu Deniz Yücel führen. Dank des Freundeskreises ist der Autokorso, den Yücel so mag, zu einer Attraktion geworden. Ein Korso ist eine Demonstration, die bei der Polizei angemeldet wird. Überhaupt die Polizei – die habe sich sehr solidarisch gezeigt.

An diesem Mittwoch, dem Valentinstag, wird es in Berlin der „Korso der Herzen“ sein. Sie planen gerade die Strecke, kalkulieren die Kosten für Plakate mit dem ikonographischen Konterfei von Deniz Yücel, Bart, Kippe im Mundwinkel. Wer bläst jetzt die 600 Luftballons auf?

Das Buch in der Wäsche versteckt

Beim letzten Mal druckte die New York Times die Bilder mit den Ballons vorm Kanzleramt. Nächster Punkt „Festsaal“: Am Abend lesen Hanna Schygulla und Herbert Grönemeyer aus Yücels Buch, das an diesem Tag erscheint. „Wir sind ja nicht zum Spaß hier“, heißt es. Seinen ersten Text aus der Haft schrieb er auf die Weißflächen der Zeichnungen des „Kleinen Prinzen“. Das Buch schenkte ihm seine Lebenspartnerin, die er im Gefängnis heiratete. Er versteckte es in der dreckigen Wäsche, gab die seinen Anwälten mit.

Sein Buch versammelt eine Auswahl von Texten der vergangenen Jahre und auch Neues, in der Haft Verfasstes. Yücel übermittelte der Herausgeberin Doris Akrap aus dem Gefängnis „einen aus über 400 handgeschriebenen Seiten bestehenden Anmerkungsapparat“, heißt es im Buch. Bei Sprache ist er zimperlich. Zu lesen sind auch das Interview mit dem PKK-Chef Cemil Bayık und ein Artikel über Erdogans Rollback. Für diese Texte schlossen sich die Gittertore hinter Deniz Yücel. Und er sitzt dort nicht alleine. Mehr als 150 weitere Journalisten harren derzeit wie er aus. Tausende Lehrer, Beamte, unbescholtene Bürgerinnen und Bürger.

„Es gibt nur einen Grund, Leute wie Deniz Yücel wegzusperren: Man will sie zwingen, endlich die Klappe zu halten“, heißt es im Vorwort.

Das wird nicht gelingen. Am 27. Februar gibt es einen neuen Aufhänger: Deniz, ein Jahr in U-Haft. Die Freunde, sie chatten täglich, werden sich etwas einfallen lassen. #FreeDeniz

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