Depeche Mode in Berlin

Mein Reich kommt, mein Wille geschieht

Hier geht es nicht nur um Pop. Hier geht es um Schuld und Sühne, Verdammnis und Auferstehung: Am Montag zelebrierten Depeche Mode in der O2 World am Ostbahnhof ein spirituelles Massenspektakel.

Annett Scheffel
3 Min
„Wenn du ein bisschen bleibst / penetriere ich deine Seele“: Depeche-Mode-Sänger Dave Gahan am Montagabend.

„Wenn du ein bisschen bleibst / penetriere ich deine Seele“: Depeche-Mode-Sänger Dave Gahan am Montagabend.

© Roland Owsnitzki Lizenz

Dass es an diesem Abend um mehr als um Pop, um mehr als die großen Hits einer vergangenen Zeit gehen soll, stellen Depeche Mode gleich am Anfang ihrer Show klar. Hier geht es auch um Schuld und Sühne, Verdammnis und Auferstehung – ein mit religiöser Ernsthaftigkeit zelebriertes Konzertarenen-Spektakel zwischen satanischer Predigt und katholischer Messe.

Mit „Welcome to my World“ vom aktuellen Album „Delta Machine“ heißt Dave Gahan seine dunkel gekleidete Pilgergemeinde willkommen. Sie ist jetzt in seiner Welt, in einer Dark Disco, in der der Teufel ebenso durch die schwermütigen Texte streift wie die Wolken des erlösenden Himmelreichs.

„And if you stay a while / I’ll penetrate your soul / I’ll bleed into your dreams / You want to lose control“, singt er und vollführt ekstatische Schlangenbewegungen. Sein Lacklederjackett streift er sich bereits am Ende des Eröffnungsstücks von den tätowierten Oberarmen. Die Fans sind eh schon seit dem ersten Popowackeln aus dem Häuschen.

Nach dem sommerlichen Openair-Marathon, bei dem sie auch im Olympiastadion spielten, kehrten Depeche Mode mit einer leicht verkürzten Setlist am Montagabend für das erste von zwei ausverkauften Konzerten in die Hauptstadt zurück. Neben der prägnanten Mischung aus düster pumpendem Industriekrach und Synthie-Gedudel ihrer großen Hits wie „Enjoy the Silence“ oder „Personal Jesus“ spielen die in die Jahre gekommenen Elektropop-Helden auch fünf Stücke von der neuen, mittlerweile 13. Platte.

Immer noch folgt ihr Sound der drei Jahrzehnte alten Formel aus metallisch kühlem Maschinenbombast und Ohrwurmmelodien. Immer noch ist die Musik von Depeche Mode vor allem reproduzierbare „Black Celebration“ – wie gemacht für die großen Hallräume einer technoiden Zivilisation.

Nach Drogensucht, Suizidversuch und Krebserkrankung ist der 51-jährige Gahan wieder der große Performer. Eine ebenso selbstgefällige wie charismatische Pop-ikone, die mit einer Handbewegung die randvolle Mehrzweckhalle am Ostbahnhof mühelos zum Klatschen und Kreischen bringt. Wild lässt er die Hüfte kreisen, dreht Pirouetten und räkelt sich am Mikrofonständer.

Hemmungsloser Macho

Der hemmungslose Macho-Performer mit der monotonen Baritonstimme – das ist die eine Seite von Depeche Mode. Martin Gore, der Songschreiber und stille Tonmeister, ist die andere. Der Mann für die Balladen sorgt mit „The Child Inside“ und „But Not Tonight“ für die leisen Momente des Konzerts. Die übrige Zeit klammert er sich neben dem Showman Gahan konzentriert an seine Gitarre.

Wie geistesverwandte Antipoden stehen sie dann auf der Bühne: hier der Fratzen ziehende, dunkle Harlekin, da der introvertierte Zeremonienmeister mit den tiefen Sorgenfalten. Der eine als Darsteller der Visionen des anderen – aneinander gebunden durch 33 Jahre gemeinsame Popkunst.

Im Schatten des gegensätzlichen Zwillingsgespanns ist alles andere Beiwerk. Das blitzende Scheinwerferspektakel oder die rätselhaften Videos von Anton Corbijn – alles egal, solange der Hohepriester Dave Gahan am Ende weihevoll die Absolution erteilt: „I feel you / Your rising sun /My kingdom comes“.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema