Depression im Alter

Aus der Trübsal in den Tod

Betagte Menschen nehmen sich häufiger das Leben als jüngere. Oft liegt das an einer Depression, die nicht erkannt wird. Asmut Finzen, Professor für Sozialpsychiatrie aus Berlin, bemängelt die unzureichende Behandlung älterer Menschen.

Joachim Göres
5 Min

Ein Ehepaar lebt zufrieden mehrere Jahre in einem Altenheim. Kurz nach der goldenen Hochzeit verstirbt der Mann. Seine Frau zieht sich daraufhin von allen anderen Menschen zurück, wirkt teilnahmslos und bittet das Pflegepersonal um Tabletten für einen Suizid. Als darauf nicht eingegangen wird, verhält sich die 78-Jährige zunehmend aggressiv. Sie kommt deswegen in eine psychiatrische Klinik, aus der sie nach einigen Wochen wesentlich zugänglicher ins Heim zurückkehrt.

Sie scheint wieder die Alte zu sein – bis sie sich drei Wochen nach ihrer Rückkehr vor den Zug wirft. Ein Fall aus der langjährigen Berufserfahrung von Bettina Dreyer, die seit drei Jahren als Leiterin des Pflegedienstes in einem westfälischen Seniorenheim arbeitet. „Unser Team war über ihren Tod schockiert. Wir haben uns gefragt, was wir falsch gemacht haben. Da kamen viele Gefühle wie Wut, aber auch Verständnis für die Frau auf“, berichtete Dreyer kürzlich auf der Tagung Altersdepression und Suizidalität der Evangelischen Akademie Loccum.

Aggressivität als Hilferuf

Suizid sei ein Thema, auf das das Pflegepersonal nicht vorbereitet sei und das in der täglichen Arbeit oft ein Tabu darstelle, sagte Dreyer. „Hilferufe sind oft nur schwer zu erkennen und wir haben zu schnell Lösungen an der Hand, weil wir das so gewöhnt sind.“ Verunsicherung und Ablehnung seien typische Reaktionen. Dreyer: „Es ist schwer, eine aggressive Haltung nicht persönlich zu nehmen.“


Bei älteren Menschen wird eine Depression oft nicht erkannt und bleibt unbehandelt. Dabei könnten entsprechende Medikamente und psychotherapeutische Behandlung den Betroffenen durchaus helfen.

Typische Anzeichen einer Depression bei älteren Menschen sind ausgeprägte unspezifische körperliche Beschwerden, Müdigkeit oder Energieverlust, Gedächtnisprobleme und Konzentrationsverlust sowie innere oder äußere Unruhe. Oftmals verlieren die Betroffenen auch das Interesse und die Freude an Geschehnissen und haben wiederkehrende Gedanken an den Tod.

Im Schnitt nehmen sich in Deutschland 12,4 pro 100 000 Einwohner das Leben. In der älteren Bevölkerung ist die Suizidrate deutlich höher: Bei Männern zwischen 80 und 85 Jahren sind es 50 pro 100 000.


Der von ihr geschilderte Fall war Anlass, zusammen mit anderen Heimen Leitsätze für den Umgang mit solchen Fällen zu entwickeln. Dazu gehört seitdem einmal jährlich die Beschäftigung mit dem Thema Suizid. Die Pflegerinnen wurden überdies verpflichtet, keine aktive Hilfestellung zu geben, wenn Bewohner sich das Leben nehmen wollen. Und sie sind angewiesen, jeden Hinweis in diese Richtung ernst zu nehmen und sich der Risikofaktoren für einen Suizid bewusst zu sein – etwa der Tod eines nahestehenden Menschen oder zunehmende körperliche Gebrechlichkeit. Moralische Kritik an einer Selbsttötung lehnt Dreyer jedoch ab: „Die Freiheit des Menschen steht am höchsten. Wir haben nicht das Recht, jemanden zu verurteilen, der nicht mehr leben will.“

Für Reinhard Lindner, Oberarzt in der Medizinisch-Geriatrischen Klinik Albertinenhaus in Hamburg, hat die Selbsttötung im Alter tiefere Wurzeln. Auslöser für eine Beschäftigung damit seien zwar schwere Erkrankungen, Isolation, Kränkungen und Verluste – nicht nur von Menschen, sondern auch der zunehmende Verlust der eigenen Leistungsfähigkeit.

Dahinter stecken nach seiner Erfahrung Probleme wie unzureichend bewältigte Gewalterfahrungen in der Kindheit und Jugend, zum Beispiel Kriegstraumata mit Vergewaltigungen, Flucht und Todesangst. „Die psychologische Versorgung älterer Menschen ist absolut unzureichend“, bemängelte Lindner, der sich auf die Psychotherapie von Senioren spezialisiert hat. Es gebe immer noch die Vorstellung, in dem Alter lohnt sich das nicht mehr oder diese Menschen sind starrsinnig. „Das ist falsch und die Folgen sind entsetzlich, denn die Alten werden mit ihren Ängsten alleine gelassen“, sagte Lindner.

Auf die feinen Unterschiede achten

Wenn jemand um Tabletten für einen schnellen Tod bittet, dann sollte man nach den Gründen für den Wunsch fragen und auch auf feine Unterschiede achten, riet der Experte. Wenn eine alte Frau sage „Ich bete jeden Abend darum, dass ich morgen nicht mehr aufwache“ dann spreche das mehr für Lebenssattheit, ohne dass jemand sich das Leben nehmen wolle.

Lindner: „Wir haben Alte nach einen Suizidversuch gefragt, mit wem sie darüber am liebsten sprechen würden. Mit großem Abstand wurden Familienmitglieder genannt.“ Besonders gefährdet für einen Suizid seien alte Männer. Asmut Finzen, Professor für Sozialpsychiatrie aus Berlin und langjähriger Leiter von psychiatrischen Kliniken in Deutschland und der Schweiz, zählt sie auch dann zur Hochrisikogruppe, wenn sie keine psychische Erkrankung haben. „Es gibt für alle Altersgruppen Suizidpräventionsprogramme, nur für Ältere fehlt so etwas. Das ist Ausdruck dessen, dass nur ausgewählte Kranke behandelt werden sollen“, kritisierte Finzen.

Rasch stützende Gespräche

Er hält eine Psychotherapie bei Alten, bei denen die Kindheit aufgearbeitet wird, für wenig hilfreich. „Alte Menschen in einer Krise brauchen eine Soforthilfe ohne lange Wartezeit mit stützenden Gesprächen“, sagte er. In Kliniken und Ambulanzen sei Zeit nötig, um mit den Betroffenen zu sprechen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die auch die Einnahme von Psychopharmaka beinhalten können. Diese Zeit fehle meistens. „Depressive Senioren bekommen nicht die Behandlung, die sie brauchen“, betonte Finzen. Nach seiner Erfahrung zeigt jeder vierte Heimbewohner depressive Begleitsymptome.

Finzen beklagte, dass es keine verlässlichen Studien zum Thema gibt. Zudem kritisierte er die vielfach übliche Praxis, wonach Hausärzte Benzodiazepine bei depressiven Alten verordnen. „Man erzielt dadurch schnell eine kurzfristige Entlastung, ohne an den Ursachen etwas zu verändern. Die Folge sind immer höhere Dosen und bei langer Zeitdauer ist auch eine Abhängigkeit möglich“, sagte er. Die Mittel seien überdies meist zu hoch dosiert, so dass die Menschen vor sich hindämmern und die Sturzgefahr durch die Muskelentspannung stark ansteige.

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