Persönlicher Rückblick

1. Mai in Kreuzberg: Von der Straßenschlacht zum Massenbesäufnis – und zurück

Unser Autor verfolgt seit 1996 die Mai-Krawalle in Berlin. Dabei widerfuhr ihm manch Skurriles – und er bekam eine Antwort auf eine wichtige Frage.

11 Min
Polizeireporter Andreas Kopietz blickt zurück auf 25 Jahre 1.-Mai-Randale.

Polizeireporter Andreas Kopietz blickt zurück auf 25 Jahre 1.-Mai-Randale.

© Bastian Thiery & imago/Nicolaj Zownir (Fotomontage)

Wenn ein Auto brennt, können Temperaturen von 1000 Grad entstehen. Stoßdämpfer können wegen der Hitze explodieren und als Geschosse 80 Meter weit fliegen. An Fahrzeugen schlagen die Flammen hoch, in der Dunkelheit ergibt das eindrucksvolle Fotos. Wie am 1. Mai vergangenen Jahres in Kreuzberg.

Die „Maifestspiele“, wie sie manchmal genannt werden, haben eine 35-jährige Tradition – nachdem 1987 ein Straßenfest in Kreuzberg eskalierte und daraus eine der größten Straßenschlachten in der Geschichte Westberlins wurde. Autos standen in Flammen, Geschäfte wurden geplündert, ein Supermarkt brannte nieder.

Ich hörte von den Krawallen damals nur im Westradio.

Wenn Innensenatoren der Polizei die Taktik vorschreiben, kann das nicht gutgehen. Wie am 1. Mai 1989. Der damalige SPD-Innensenator Erich Pätzold schrieb der Polizei Zurückhaltung vor. Es wurde noch schlimmer als 1987.

Dann kamen die Neunziger, und Mai-Randalen wurden zum Ritual. 1996 sah ich erstmals in der Oranienstraße die brennenden Autos und zerstörten Fenster und verfolgte die Ereignisse fortan jedes Jahr.

Die Krawalle greifen nun schon in der Walpurgisnacht auf Prenzlauer Berg über, etwa auf den Kollwitzplatz, wo Zuzügler aus Schwaben verdutzt aus den Fenstern ihrer frisch renovierten und stuckverzierten Häuser schauen. Autos brennen, Steine und Bierflaschen fliegen auch im Mauerpark und dann auch auf dem Boxhagener Platz in Friedrichshain, den die Polizei später mit Scheinwerfern taghell ausleuchtet. Dort und im Mauerpark herrscht irgendwann Flaschenverbot.

Wasserwerfen gegen Autonome im Jahr 2000 rund um den Oranienplatz. (Archivfoto)

Wasserwerfen gegen Autonome im Jahr 2000 rund um den Oranienplatz. (Archivfoto)

© Max Lautenschläger

Im Jahr 2000 bekommen die Auseinandersetzungen neuen Schub: Als die „Revolutionäre 1. Mai-Demonstration“ am Oranienplatz endet, sehe ich die Demo-Spitze plötzlich auf die Polizei zurennen. Pflastersteine fliegen, Chaos bricht aus, Polizisten knüppeln, Wasserwerfer sprühen mit hartem Strahl, Menschen liegen blutend auf der Straße. Wieder stehen die Straßen in Flammen. Der damalige Landesschutzpolizeidirektor Gernot Piestert sagt am nächsten Tag: „Der Himmel war schwarz vor Steinen.“

Fliegende Steine, brennende Autos, knüppelnde Polizisten

Im Jahr darauf schreibt wieder ein Innensenator der Polizei vor, was sie zu tun hat. Diesmal ist es Eckart Werthebach von der CDU. Zum ersten Mal verbietet er die für 18 Uhr angesetzte „Revolutionäre 1. Mai-Demo“. Doch die Massen an Schaulustigen, die von überall her anreisten, drängen sich im Kiez SO 36. Sie stehen herum und warten darauf, dass es losgeht.

Mariannenplatz: Pflastersteine überall – und ein Wasserwerfer versucht die Treppe hochzufahren. (Archivfoto)

Mariannenplatz: Pflastersteine überall – und ein Wasserwerfer versucht die Treppe hochzufahren. (Archivfoto)

© imago/Seeliger

Am Mariannenplatz passiert es dann: Vermummte lassen einen Steinhagel auf eine Polizeikette niedergehen. Hunderte schwarz gekleidete Autonome mit schwarz-roten Fahnen stürmen in die Muskauer Straße auf eine Phalanx aus Plastikschilden der Polizei zu. Chaotische Szenen ereignen sich: Polizisten stürmen das Familienfest, Eltern mit Kinderwagen stolpern durch Büsche. Ein hektischer Wasserwerferfahrer versucht, sein Gerät die Treppe am Mariannenplatz hinaufzufahren und bleibt darauf mit dem 26 Tonnen schweren Fahrzeug hängen, kommt nicht mehr vor, nicht zurück. 9000 Polizisten sind im Einsatz.

Doch im Kiez brennen Autos und Dixie-Klos. Und überall stehen Neugierige, die sich freuen, dass mal was los ist. Politik scheint vielen egal zu sein, endlich gibt es mal ein Erlebnis. Formell geht es noch immer gegen den Kapitalismus, die Immobilienhaie, die Banken. Am Kottbusser Tor beobachte ich zwei Jungs in schwarzen Kapuzenjacken, die am Sparkassen-Automaten Geld ziehen und sich dann wieder ins Getümmel begeben.

Ein 17-Jähriger, der gerade einen Stein warf und sich Sandro nennt, klärt mich auf über die Revolution: „Mich kotzt hier alles an in Deutschland, die vielen Bullen und so. Wenn es keinen Zoff zum 1. Mai geben würde, würde uns keiner beachten. So sind aber alle hier und gucken sich das an.“

In den folgenden Jahren reisen die 1.-Mai-Gaffer aus allen Teilen Deutschlands an. Die Haare mit Gel zu Sternfrisuren geformt, die Lederjacken besprüht – dankbare Motive für Fotografen. Einige Bilder werden noch heute regelmäßig hervorgeholt.

Am Oranienplatz wird ein Supermarkt geplündert – und die Polizei ist weg

2002 probieren Polizei und Bezirksamt eine andere Strategie: Auf Initiative eines FU-Professors und eines Bündnisses „Denk Mai neu“ wird der Kiez mit einem Fest überzogen, um den 1. Mai zu „repolitisieren“ und die Situation zu befrieden. Im Gegenzug soll sich die Polizei zurückhalten.

Randalierer haben deshalb am Oranienplatz Zeit, in aller Ruhe einen Supermarkt zu plündern. Erst nach 20 Minuten biegt ein Polizeikonvoi um die Ecke – und die „Festspiele“ sind eröffnet. Der Polizeiführer spricht am nächsten Tag von einem Flächenbrand. Denn auch dieses Mal standen überall Autos in Flammen. Und es erscheint wie ein Wunder, dass durch solche Brände bislang niemand ernsthaft zu Schaden kam.

Kein seltenes Fotomotiv am 1. Mai: ein brennendes Auto. (Archivfoto)

Kein seltenes Fotomotiv am 1. Mai: ein brennendes Auto. (Archivfoto)

© Paulus Ponizak

Eine Frage hat mich lange Zeit umgetrieben: Wer hat zuerst angefangen? Die „bösen Bullen“? Bei einem der Tumulte bekomme auch ich eine Polizistenfaust ab, obwohl ich nur daneben stehe. Das passiert, wenn man sich zu nah heranbegibt. Oder haben die „friedlichen Demonstranten“ angefangen? Im Internet kursieren Bilder angeblicher Zivilpolizisten, die sich als Agents Provocateurs unter die friedlichen Autonomen gemischt haben sollen. Vor dem geplünderten Supermarkt am Oranienplatz gewinne ich nun einen ungefähren Eindruck. Und irgendwann im Mauerpark scheint die Sache klar: Ein Zug behelmter Beamter steht regungslos da und Steine und Flaschen prasseln auf sie ein.

In den folgenden Jahren wird es ruhiger. Gründe dafür gibt es einige: etwa eine gewandelte linke Szene. Revoluzzer von einst haben inzwischen ehrbare Berufe und Familien, sind Hausbesitzer. Außerdem hat die Polizei ihre Einsatztaktik weiterentwickelt: So viel Zurückhaltung wie möglich aber konsequente zielgerichtete Festnahmen bei Straftaten.

Immer wieder laufen Polizeitrupps umher und „quirlen“ die Menge durch – was auf Dauer für Schaulustige langweilig wird und das Verbleiben unattraktiv macht.

Und da ist die Krawallmüdigkeit der Kreuzberger. Viele wehren sich dagegen, dass ihre Geschäfte, ihr Kiez immer wieder zerlegt werden.

Das „Myfest“ wurde zum Leidwesen der Linksradikalen am 1. Mai ein Erfolg. (Archivfoto)

Das „Myfest“ wurde zum Leidwesen der Linksradikalen am 1. Mai ein Erfolg. (Archivfoto)

© Bernd von Jutrczenka/dpa

Das Bezirksamt und Bürgerinitiativen hatten nach 2002 das sogenannte Myfest auf die Straßen gebracht, mit etlichen Bühnen, Imbiss- und Getränkeständen. Das brachte Frieden und machte Kreuzberg zum Partymagneten – zum Leidwesen vieler Linksradikaler, die in dem Fest nur eine Befriedungsaktion des Staates sehen.

Polizeipräsident traut sich raus – und muss in Sicherheit gebracht werden

Mittlerweile tobt in Kreuzberg statt einer Straßenschlacht seit fast zwanzig Jahren das Myfest. Autos und Glascontainer sind entfernt, Bier wird in Plastikbechern ausgeschenkt. Die Lage hat sich immer mehr beruhigt. Die Polizei setzt alles daran, die Mai-Demo vom Fest fernzuhalten, damit es dort keinen Tumult gibt.

In einem dieser Jahre führt die Demospitze den Zug weg in Richtung des bei Linken verhassten Springerverlages. Angeblich sollen es Zivilpolizisten gewesen sein, die sich unter die Demonstranten gemischt haben. Ein genialer Coup wäre das, was die Polizei aber offiziell nicht bestätigt. Jedoch steht in der Oranienstraße der alte Opel eines Gemüsehändlers. Einige Demonstranten heben das Auto auf einer Seite an, um es umzukippen – umringt von einem Pulk Fotografen. Der 1. Mai ist vor allem eine Schlacht der Bilder.

Im Jahr 2008 ist das Geschehen nicht mehr vergleichbar mit den Krawallen der Jahrtausendwende. Inzwischen trauen sich die Repräsentanten der Sicherheitsorgane höchstpersönlich ins Feld. Die Chefin des Berliner Verfassungsschutzes steht in der Wrangelstraße und schleckt seelenruhig ein Eis, während der schwarze Block an ihr vorüberläuft. Sie wird von den Demonstranten nicht erkannt. Auch Polizeipräsident Dieter Glietsch kommt zum Lausitzer Platz nach Kreuzberg. Doch als die Demo um die Ecke kommt, wird Glietsch von Teilnehmern erspäht. Steine, Flaschen und Kneipenstühle werden in seine Richtung geworfen. Personenschützer bringen ihren Chef hastig in Sicherheit.

Personenschützer bringen 2008 Polizeipräsident Dieter Glietsch in Sicherheit, nachdem er angegriffen wurde.

Personenschützer bringen 2008 Polizeipräsident Dieter Glietsch in Sicherheit, nachdem er angegriffen wurde.

© imago stock&people

Skurril muten in diesen Jahren die Pressekonferenzen an, die die Organisationskomitees der „Revolutionären 1. Mai-Demo“ vor dem großen Tag geben. Im Podium sitzen vermummte Mitglieder verschiedener Gruppen, darunter der Antifaschistischen Aktion Berlin: Jurastudenten, die heute wohl gut situierte Anwälte sein dürften und vielleicht immer noch für „die Sache“ eintreten. Da ist ein Arztsohn, dessen Vater selbst ein Mietshaus in Berlin besitzen soll und der dafür innerhalb der Szene kritisiert wird. Trotzdem sprechen die Redner vom Kampf gegen das Kapital.

Zu dieser Zeit lauten die Schlagzeilen in der Berliner Zeitung bereits „Rhythmus und Randale“ oder „Sonne, Köfte, Demonstranten“. 2014 müssen die Eingänge zum Myfest wegen Überfüllung geschlossen werden. Mehr als 40.000 Besucher drängeln sich zur selben Zeit im Festgebiet. Der Berliner Kurier titelte damals: „Der letzte Chaot macht das Licht aus“.

Bis die Corona-Pandemie ausbricht, ist das Kreuzberger Myfest ein brodelnder Kessel wummernder Bässe, Grilldampfgewaber, Bierdunst und Zehntausender, die sich durch die Straßen drängeln. Die Party ufert aus bis zum Schlesischen Tor. Mein Chef bittet mich, beim Twittern nicht immer von „Massenbesäufnis“ zu schreiben. Er fand dieses Wort dem wichtigen Anlass nicht angemessen.

150 Kubikmeter Plastikmüll im grün regierten Bezirk

Das Massenbesäufnis hat alle revolutionären Gedanken gedämpft. Nur vereinzelt versuchen am späten Abend einige Betrunkene, etwas mit der Polizei anzufangen. „Ganz Berlin hasst die Polizei!“, rufen sie, während man ihnen von den umstehenden Kneipentischen aus zuschaut. So ging das die letzten Jahre: vollgepinkelte Hauseingänge, vollgekotzte Bürgersteige, Plastikmüllberge in dem grün regierten Bezirk. Die BSR kehrte nach eigenen Angaben 150 Kubikmeter zusammen.

In letzter Zeit ist der 1. Mai wieder politischer geworden. Hohe Mieten, soziale Ungleichheit, die Räumung alternativer Kneipen heizen die Stimmung an. Im vergangenen Jahr übernahm eine neue Gruppe die „Revolutionäre 1. Mai-Demo“, die „Migrantifa“, ein Amalgam aus wütenden, Israel hassenden Palästinensern, kommunistischen und anderen Gruppen. Der Schwerpunkt liegt nun auf Rassismus und Migration.

Vermummte Teilnehmer der „Revolutionären 1. Mai-Demonstration“ am 01.05.2013 in Berlin. (Archivfoto)

Vermummte Teilnehmer der „Revolutionären 1. Mai-Demonstration“ am 01.05.2013 in Berlin. (Archivfoto)

© Michael Kappeler/dpa

Die Demo startete 2021 erstmals in Neukölln und wollte nach Kreuzberg, wo sie nicht ankam. Bereits in Neukölln eskalierte die Situation, erstmals brannten wieder Autos. Die Polizei hatte die Situation über eine Stunde lang nicht unter Kontrolle.

Danach kam die Frage auf, warum die Polizei keine Wasserwerfer eingesetzt habe – so wie vor 20 Jahren. In den schmalen Straßen Neuköllns war das polizeitaktisch an dem Abend undenkbar. „Ich rate von Wasserwerfern ab“, sagte SPD-Innensenatorin Iris Spranger in dieser Woche über den bevorstehenden 1. Mai. Aber da könne sie sich nicht einmischen, das sei Sache der Polizei. Man kann dies als Einmischung in die Polizeitaktik verstehen oder als Empfehlung, der die Polizeipräsidentin sicher folgen wird.

Und in diesem Jahr? Die Mobilisierung und Wut sind hoch, das Wetter ist gut

Die „Migrantifa“ will auch an diesem Sonntag eine Demo von Neukölln nach Kreuzberg veranstalten. Das Motto des Aufzugs lautet: „Yallah Klassenkampf – No war but classwar“. Die Polizei rechnet damit, dass es nicht ruhig bleibt. Die Rhetorik in den Aufrufen ist aggressiv.

Auf der angemeldeten Demoroute hat der Bezirk Neukölln drei Volksfeste angemeldet. Die Demoveranstalter werfen dem Bürgermeister „schmutzige Tricks“ vor, mit denen die Demonstration eingeschränkt werden solle.

Der Aufzug, zu dem bis zu 20.000 Teilnehmer erwartet werden, und dessen Endpunkt der Oranienplatz sein soll, wird auch am Kottbusser Tor vorbeiziehen. Dort, im Neuen Kreuzberger Zentrum, soll für 2,5 Millionen Euro eine Polizeiwache eingerichtet werden. Das lässt den Hass und die Wut in der linksradikalen Szene hochkochen. „Mehr Polizei bedeutet mehr rassistische Kontrollen, mehr Schikanen und Gewalt gegen gesellschaftlich ausgegrenzte Menschen“, heißt es in dem Aufruf zum Protest.

Die Mobilisierung und die Wut sind hoch, das Wetter wird gut, die Demo führt durch enge, vollgeparkte Straßen, die für die Polizei unübersichtlich sind. Das Myfest, das früher für eine Befriedung der Lage sorgte, soll es wegen Corona auch dieses Mal nicht geben.

Andererseits: Am nächsten Tag müssen viele wieder früh raus, es ist kein langes Wochenende, was sich auf Krawall-Prognosen ungünstig auswirkt, genauso wie Regenwetter.

Jetzt und wie jedes Jahr werde ich gefragt, wie es wohl werden wird. Längst wage ich keine Prognose mehr. Und das nächste Mal nehme ich mir frei von diesem Ritual und setze mich in einen Biergarten.

So wie ich es mir jedes Jahr vornehme.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

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