Der älteste Technoclub will weg vom Fast-Dreißiger-Publikum und holt sich junge DJs ins Haus

Der Tresor öffnet sich

Kirsten Riesselmann
4 Min

Vor dem großen Finale im Club traf man sich in der Kreuzberger "Markthalle" an der Pücklerstraße zu Hirschgulasch und Lachssteak: Das Award-Team, der Chef und die drei Wettbewerbsteilnehmer, die es bis in die letzte Runde geschafft hatten. David Stefan a.k.a. L.D.B. war aus Frankfurt am Main angereist, die befreundeten DJs Erique 47 und T.A.G. hatten es aus Rathenow nicht ganz so weit. Für sie ist der Tresor, ältester und bekanntester Technoclub der Stadt, alles andere als ein unbekannter Ort: Seit Jahren fahren sie zum Partymachen in die Mitte Berlins, viele Tresor-DJs haben in der Rathenower Techno-Szene ihre Karriere begonnen. T.A.G., der eigentlich Nico heißt, und sein Kumpel haben schon ein paar Mal hier aufgelegt, aber erst durch diese Finalteilnahme gehören sie offiziell in die Riege der Tresor-DJs. Zu den festen Auflegern des Hauses, den so genannten Residents, gehören die beiden Jungs deswegen freilich noch lange nicht.Aber das Signal ist klar: Der Tresor soll neuen Schwung bekommen. "Wir wollen uns neu positionieren und zielen jetzt auf ein Kernpublikum von 18 bis 24 Jahren, das gerade seine ersten Nachterfahrungen sammelt", sagt Tresor-Chef Dimitri Hegemann, einer der ganz Großen im Berliner Tanz- und Ausgeh-Business. Man wolle sich eben nicht mehr "auf diese kopflastigen Fast-Dreißiger" verlassen. Mit diesem Plan steht Hegemann - wie so oft schon - einigermaßen allein in der Partylandschaft der Stadt. "Die meisten Clubs buchen ja zurzeit eher die Big Names, deren Gagen sie an der Tür umlegen müssen. Aber bei 20 Euro Eintritt bekomme sogar ich Kopfschmerzen, und die Kids können das nicht mehr bezahlen." Lieber versuche er jetzt, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: "Wir öffnen den heiligen Tresor für die jungen Leute und reduzieren gleichzeitig den Eintritt. Das ist einerseits unsere Pflicht, andererseits grenzen wir uns so im Wettbewerb deutlich von den anderen Clubs ab." Darum hat er diesen ersten Tresor-Award ins Leben gerufen. T.A.G. und Erique 47 - die 47 steht für das Russen- und Guerillagewehr Kalaschnikow AK 47 - sind 24 Jahre alt, legen seit acht Jahren Platten auf und organisieren rund um ihre Heimatstadt Rathenow im Havelland Techno-Partys, im Sommer im Freien, im Winter "in irgendeinem Raum mit Fenstern". Seit Mitte Juli haben sie sich in Vorrunden und Halbfinals gegen 27 Mitbewerber, zehn davon aus Berlin, durchgesetzt. Die Juroren, allesamt ebenfalls noch junge DJs, haben sich wegen ihres kompromisslosen Stils für sie entschieden, die Konkurrenz hatte mit all zu verkopften Platten keine Chance im düsteren Keller des alten Wertheim-Kaufhauses an der Leipziger Straße. Ob sie der Sache so richtig trauen und wirklich damit rechnen können, bald schon zusammen mit der Detroiter Techno-DJ-Legende Jeff Mills in Ibiza hinter den Turntables zu stehen - wie Hegemann es mit großer Geste ankündigt -, das wissen sie nicht. Erique versucht nüchtern zu bleiben: "Na, woll'n wir mal die Latte nicht zu hoch hängen. Es wär schon toll, ins Ausland und so, aber wenn man zu viel erwartet, kann man auch doll enttäuscht werden." Aber jede Karriere hat irgendwo ihren Anfang genommen.In der finalen Clubnacht vorigen Sonnabend gelang es allen dreien trotz großer Aufgeregtheit, den Ravern einen intensiven Abend zu bescheren. Der Clubraum war gut gefüllt und wie immer - klaustrophobisch. Die Decke zu tief, das Stroboskop-Licht zu zuckend und der Kunstnebel zu dicht. Mit hartem Techno trafen die drei Youngsters sehr kalkuliert ins Schwarze: "Natürlich passt du dich hier dem Tresor-Sound an, und das heißt: Hauptsache, es brettert!" Das Publikum konnte über Stimmzettel sein Votum abgeben, beließ es aber in weiten Teilen bei entrücktem Tanzen und gelegentlichem Schreien bei Bassdrum-Einsatz. Diese Art Meinungsäußerung ist für einen DJ auch wertvoller, und Hegemann handelte durchaus im Interesse seines Publikums, würde er sein Versprechen wahr machen und die drei Neuen bald wieder buchen. Übrigens: Hegemann will es nicht bei dem Tresor-Award belassen. Auch der Globus, der House-Club unter demselben Dach, soll frisches Blut bekommen. Kommendes Jahr soll deshalb ein Globus-Award folgen.------------------------------"Wir grenzen uns so im Wettbewerb deutlich von den anderen Clubs ab." Dimitri Hegemann, Tresor-Chef------------------------------Foto: Nachwuchs-Plattenaufleger bei der Arbeit im Tresor: Während der spätere Sieger T.A.G. gerade am Pult steht, haben sein Kumpel Erique 47 und der dritte Mitbewerber, David Stefan aus Frankfurt, gerade Pause.

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