Äthiopien, vormals Abessinien, ist Ursprungsland in gleich doppelter Hinsicht: Es sei, so heißt es, die Wiege der Menschheit, und außerdem gilt es als die Heimat des Kaffees. Abgesehen von der Besetzung durch Italien um die Zeit des Zweiten Weltkrieges fiel Äthiopien nie vollständig unter europäische Kolonialherrschaft. Auch aufgrund seiner uralten christlichen Tradition nimmt es unter den Ländern Afrikas eine Sonderstellung ein. Und doch teilt es das sattsam bekannte Schicksal zahlreicher Staaten des Kontinents, deren Reichtümer der ganzen Welt zugute kommen - nur ihnen selbst nicht. Äthiopien zählt heute zu den ärmsten Ländern der Erde. Es ist auf kontinuierliche Lebensmittel-Lieferungen aus dem Ausland angewiesen, weil die eigene Infrastruktur nicht einmal ausreicht, um Nahrungsmittel aus den wohlhabenderen Gegenden in jene zu befördern, die nichts haben.Haile Gerima, dessen Film "Morgentau" nicht weniger unternimmt, als die jüngere äthiopische Geschichte von der Abdankung des Kaisers Haile Selassie bis zur Gegenwart zu rekapitulieren, wurde 1946 in Äthiopien geboren. Dort begann er auch seine künstlerische Ausbildung, bevor er 1968 in die USA emigrierte. Haile Gerima unterrichtet an der Howard Universität in Washington D. C. und dreht seit 1972 in unregelmäßigen Abständen Spiel- und Dokumentarfilme. Darunter "Bush Mama" (1976), der neben Charles Burnetts "Killer of Sheep" (1977) zu einem der Schlüsselwerke der damals an der UCLA Film School entstandenen "Black Independent Movement" zählt."Morgentau" nun erzählt die Geschichte des Mediziners und Intellektuellen Anberber, der eines Tages aus dem Ausland in sein Heimatdorf zurückkehrt und sich dort nicht mehr zurechtfindet. Anberber hat ein Bein verloren, kann sich aber nicht mehr erinnern, wie das passiert ist. Sein Trauma will in Träumen und Erinnerungsschüben zum Ausbruch kommen, was Gerima Gelegenheit zu lyrisch verschlüsselten Szenen gibt, ebenso wie zu narrativ-geradlinigen Rückblenden in die Vergangenheit. Geschickt verknüpft er dabei Anberbers schmerzliche Wiederbegegnung mit den Plänen und Hoffnungen jenes Mannes, der er einmal war, mit der allmählichen Annäherung an den Mann, zu dem er schließlich geworden ist. Am Ende, als Anberber sich endlich wieder seiner selbst bewusst ist, steht auch die Erkenntnis seines weiteren Lebensweges.Der Fülle seines Stoffes, den zahlreichen Figuren und Handlungsorten zum Trotz macht "Morgentau" nie den Eindruck, zu viel zu wollen. Mit sicherer Hand entwirft Gerima sein historisches Panorama, das zugleich von den vielfältigen Herausforderungen berichtet, die sich demjenigen stellen, der die Heimat verlässt, um ihr langfristig nützen zu können. So wie Anberber, der im Köln der 70er-Jahre Medizin studiert, bis ihn das Ende der Monarchie wieder nach Äthiopien führt. Gemeinsam mit seinem Freund Tesfaye, der in Deutschland eine Familie zurücklässt, will Anberber am sozialistischen Neuaufbau des Landes mitarbeiten. Stattdessen muss er ohnmächtig zusehen, wie Revolution und Aufbruch von den Extremisten verraten werden. Anberber sucht das Weite - und verliert sein Bein.Die Zuversicht und das Vertrauen in die Zukunft entwickeln sich leise und allmählich in diesem starken und zugleich sanften, sehr zärtlichen großen afrikanischen Film. Aber sie entwickeln sich und lassen sich nicht mehr vertreiben. Der Außenseiter Anberber tut sich mit der Außenseiterin Azanu zusammen, das Fahrrad des verschwundenen Dorflehrers findet den Weg zu ihm und bald findet Anberber damit den Weg ins Klassenzimmer zu den Kindern, die auf Bildung hoffen. Und auf diese Weise findet er auch endlich zurück in seine Heimat.-----------------------Morgentau (Teza) Deutschland/Frankreich/Äthiopien 2008. Regie, Drehbuch: Haile Gerima, Kamera: Mario Masini, Darsteller: Aaron Arefe, Teje Tesfahun, Abiye Tedla u. a.; 140 Minuten, Farbe.------------------------------Foto: Mit der Erinnerung kommt die Heimat: Anberber beginnt eine melancholische Reise zu sich selbst und kehrt dafür an die Orte seiner Kindheit zurück.
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