Ich hätte gern an der Kunsthochschule studiert, aber das fanden meine Eltern nicht gut. Also habe ich, um in der Kunst zu bleiben, Maskenbildnerin – und als Voraussetzung dafür – Friseurin gelernt. Nach Berlin kam ich eher zufällig durch eine Freundin, die mir hier 1992 einen Job vermittelte. Ich hatte keine Ahnung von der Mauer. Berlin mit seinen Kiezen schien mir so zerrissen und rau im Vergleich zu Innsbruck und Wien, dass ich völlig orientierungslos war. Aber dann habe ich meinen Mann kennengelernt, meine beiden Söhne bekommen und immer weiter gearbeitet.
Die Grundlagen meiner beiden Berufe habe ich mir in Wien angeeignet. Tagsüber bei einem Friseur, der André Heller und Falko als Stammkunden hatte, abends in der Staatsoper, später am Burgtheater. Ich habe das Theater sehr gemocht, aber mittlerweile gehört meine Liebe dem Film. Das sind zwei völlig verschiedene Welten. In der Oper musst du als Maskenbildnerin viel dicker auftragen; der Effekt soll ja bis zur letzten Reihe wirken. Beim Film braucht es dagegen ganz feines Arbeiten und zarte Übergänge, da ja bei den HD-Produktionen jede Pore zu sehen ist.
Kunst schaffen im Trubel
Mir gefällt am Filmen das Zusammenspiel der vielen Gewerke. Da wuseln manchmal Hunderte Menschen am Set umher, alle arbeiten unter riesigem Zeitdruck. Und wir Maskenbildner immer mittendrin. Wir legen ja oft im letzten Moment noch einmal Hand an den Schauspieler. Man glaubt nicht, dass in dem Trubel jemand den Überblick behalten, geschweige denn Kunst schaffen kann! Aber es funktioniert. Für mich ist das immer wieder ein Wunder.
Das Abenteuer geht meist mit einem Anruf los. Eine Produktionsfirma fragt an, ob man Zeit und Lust zu einem Projekt hätte. Bei einem Kriegsfilm ist relativ schnell klar – die brauchen eine Ganzkörperpatina. Bei einem Krimi sind es zusätzlich Narben, Wunden und gern auch mal eine abgetrennte Hand. Das fällt dann unter Special Effekts.
Besprechungen mit dem Regisseur
Wenn ich zugesagt habe, stürze ich mich als Nächstes auf das Drehbuch und die Darstellerliste und versuche mich auf die Schauspieler, für die ich zuständig sein werde, einzustellen. Später gibt es Besprechungen mit dem Regisseur, wo er uns Leuten von Maske und Kostüm erklärt, welchen Typ er in der jeweiligen Szene sehen will. Dementsprechend schminken wir die Schauspieler dann von Kopf bis Fuß.
Die große Kunst einer Maskenbildnerin besteht darin, die Bilder, die Regisseur und Kameramann von ihren Schauspielern im Kopf haben, zu erkennen und umzusetzen. Dabei hilft mir mein zweiter Beruf. Wenn ich nicht am Set bin, stehe ich als Friseurin im Salon „Privatfriseure“ am Savignyplatz. Sobald dort eine Kundin oder ein Kunde auf dem Stuhl vorm Spiegel Platz nimmt, musst du genau zuhören, um zu erkennen, was das für eine Person ist. Wie will sie aussehen? Was will sie darstellen?
Narben aus Silikon
Gerade bin ich von den Dreharbeiten des 9. Spreewaldkrimis zurück, Arbeitstitel „Duell im Moor“. Der wird im nächsten Jahr im ZDF zu sehen sein. Wir haben fünf Wochen im Spreewald gedreht. Das war fantastisch. Regie führte Christian Görlitz.
Für diesen Dreh habe ich seit Juni daheim jede Menge Wunden und Narben aus Silikon hergestellt, die ich dann mit meiner Kollegin vor Ort aufgetragen habe. Jede „Wunde“ kann leider nur einmal verwendet werden, weil die Ränder und Übergänge so fein und zart sind, dass sie sich beim Abschminken unter dem Alkohol, die wir dabei verwenden, auflösen. Das Herstellen der Plastiken muss man sich ein bisschen wie Bildhauerei oder Glockengießen vorstellen. Die Wunden und Narben müssen modelliert und gegossen werden – eine ziemlich aufwendige Geschichte.
Gott sei Dank sind meine beiden Jungs mittlerweile so groß, dass ich solche Aufträge annehmen kann. Ansonsten versuche ich meist, in Berlin und Babelsberg zu arbeiten. So war ich unter anderem bei „Der Vorleser“ von Stephen Daldry engagiert und bei „Inglorious Bastards“ von Quentin Tarantino.
Fast alles Alpha-Typen
Das Filmgeschäft ist eine Männerdomäne. Man hat es meist mit lauter Alpha-Typen zu tun: Regisseur, Produzent, Kameramann, Aufnahmeleiter. Bei dem Film „Anonymus“ von Roland Emmerich waren wir allein 60 Maskenbildner. Da wird es auch mal laut. Aber ich hab’ zwei Teenager zu Hause. Da geht es auch manchmal zur Sache. So weiß ich, in stressigen Situationen die Ruhe zu bewahren. Meine Devise ist: „Wann’s brüllst, kriagst a Lächeln zruck.“
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