Erste Frage: Was ist das Schlimmste, das hohen Würdenträgern im deutschen Fernsehen passieren kann? Antwort: Augenreizungen bis in die Nähe der Schneeblindheit und schwerer Sonnenbrand - so schwer, dass die betroffene norwegische Prinzessin beim unmittelbar bevorstehenden Staatsbesuch offenbar nicht mehr herzeigbar gewesen wäre und deshalb zu Hause bleiben musste. Sandra Maischberger, die für den Zwischenfall mitverantwortliche Interviewerin, wird noch Tage untröstlich sein - mindestens jedoch solange, wie sie zu diesem Thema interviewt wird. Und die Boulevardmagazine rätseln, wie sie ohne Prinzessinnen-Bilder über die Woche kommen.Zweite Frage, die einem nach diesen tragischen Ereignissen ganz zwangsläufig in den Sinn kommt: Was ist das Beste, das einem Politiker im deutschen Fernsehen passieren kann? Auch darauf gibt es seit dem Sonntagabend endlich eine Antwort. Jedenfalls, wenn man es aus der Perspektive des betreffenden Politikers sieht. Es ist die Gelegenheit zu einem einstündigen Monolog, der nur notdürftig als Gespräch getarnt wird. Die Fragen der Gastgeberin stören nicht, weil sie nur ein Ziel haben: das Stichwort zu geben für den nächsten Themenkomplex. Gleichzeitig wird durch diese Inszenierung der peinliche Eindruck vermieden, der Zuschauer habe versehentlich die TV-Aufzeichnung der letzten Parteitagsrede des Politikers erwischt. In voller Länge. So jedenfalls wirkte der Auftritt des britischen Premiers Tony Blair bei Sabine Christiansen über weite Strecken. Der kritischste Moment des Abends war wohl, als die Gastgeberin grundsätzlich wurde und von Blair wissen wollte, ob er nicht zu viel an linker Politik dem wirtschaftlichen Aufschwung untergeordnet habe. Darauf mit Nein zu antworten war ganz leicht, denn schließlich weiß doch jedes Kind, dass jede "Politik die Wirtschaft als Fundament" brauche. Einmal, es war schon gegen Ende der Sendung, da meinte Frau Christiansen erkannt zu haben, eine "Sehnsucht nach Inhalten" mache sich breit, die Wähler hätten die "leeren Begriffe" satt.Davon hatte es zuvor reichlich gegeben: Vom lauen Appell zur Einheit der Demokraten gegen die neue Rechte in Europa über die Allgemeinplätze zur Unvermeilichkeit der Globalisierung bis hin zum Bekenntnis zur Wahrung nationaler Identitäten im europäischen Integrationsprozess. Dass Christiansens Einwurf gegen die Leere nicht wirklich als Auflehnung gegen Blairs vorangegangenen Redeschwall gemeint war, zeigte sich schnell. Schließlich, so resümierte die Moderatorin erleichtert, nachdem sie brav den ganzen Katalog abgearbeitet hatte, bleibe ihr nur eine Frage: Wer wird Fußball-Weltmeister? Noch eine letzte Steilvorlage für Blair. Der britische Premier genoss den Abend sichtlich. Entspannt zurückgelehnt ließ er sich loben, freundlich lächelnd dozierte er. Welch ein Unterschied zum konfusen Auftritt des Kanzlerkandidaten Stoiber, der unlängst auf diesem Stuhl saß und hilflos gegen Christiansens verbale Spitzen anzukrampfen suchte. Der britische Premier ist im Augenblick ohnehin sehr gefragt - als Ambulanzarzt der maladen europäischen Sozialdemokratie, wie die Londoner "Times" schrieb. Er ist der letzte westliche Sozialdemokrat, der eine Wahl gewann. Vor der Sendung hatte Blair Gerhard Schröder behandeln müssen. Der fühlte sich danach gleich besser - zumindest während der Pressekonferenz. Wir wissen nicht, was der freundliche Premierminister dem Kanzler empfohlen hat. Wenn es das gleiche Rezept war, das Blair bei Christiansen ausstellte, dann steht zu befürchten: Der Kanzler hat ein Placebo bekommen.Wie dem auch sei. Am letzten Wochenende bekam man eine Ahnung davon, warum zumindest Gerhard Schröder sich vor der Bundestagswahl von Sabine Christiansen interviewen lassen will. Es könnte schlimmer kommen - bei Maischberger zum Beispiel.Es war ein einstündiger Monolog, bei dem die Fragen der Gastgeberin nicht störten.DDP/LARS REIMANN Nur durch die Zwischenfragen der Gastgeberin unterschied sich die Sendung von einer Parteitagsrede: Tony Blair in der Talkshow von Sabine Christiansen.
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