Harrisburg Golden glänzt die Kuppel über dem Kapitol von Pennsylvania. Am Ufer des Susquehanna versprühen gepflegte Backsteinhäuser biederen Beamtencharme. Abends füllen sich gemütliche Kneipen wie Molly Brannigans oder der Bourbon Street Saloon. Harrisburg ist eine beschauliche Provinzstadt, die den Niedergang der alten Schwerindustrie in den 1970er-Jahren gut verkraftet zu haben scheint. In die Schlagzeilen geraten ist die Stadt bisher nur einmal, 1979, als sich ein Stück stromabwärts der schwere Atomunfall im AKW Three Mile Island ereignete. Nun aber könnte Harrisburg bald wieder in aller Munde sein: als Bankrott-Kommune, die in den USA eine neue Insolvenzlawine auslöst.Ein klassisches PyramidenspielDie Geschichte vom Größenwahn, der im Absturz endet, ist vor allem die Geschichte eines Mannes. 28 Jahre lang war Stephen Reed der mächtige Bürgermeister der Stadt. Als der Demokrat Ende letzten Jahres in Schimpf und Schande gehen musste, hinterließ er einen Berg unbezahlter und unbezahlbarer Rechnungen. "Was hier passierte, war einfach kriminell", schimpft Eric Papenfuse. "Am Ende hat der Bürgermeister die Schulden nur noch hin- und hergeschoben."Papenfuse, ein Mittvierziger mit schütterem Haar und lebhaften Augen, betreibt in Harrisburg den Midtown Scholar Bookstore, ein wunderschönes Antiquariat in einem ehemaligen Kino. 2004 wurde er in ein Aufsichtsgremium berufen, das die Stadtfinanzen überprüfen sollte. Den Bürgern war irgendwie unheimlich geworden, nachdem die Lokalzeitung Patriot News über seltsame Funde in einem Lagerhaus berichtet hatte: Pferdekutschen, ausgestopfte Büffel, jede Menge Revolver, Indianerschmuck, Cowboyhüte, eine Kiste mit Sheriff-Sternen. "Der Bürgermeister hatte seit Anfang der 90er-Jahre überall im Land Wild-West-Antiquitäten gekauft", erklärt Papenfuse. "Die Polizei musste das Zeug dann im Streifenwagen abholen."Pennsylvanias Hauptstadt ist mit ihren 40000Einwohnern eher dritte Liga: weitab vom Schuss, im ewigen Schatten der Metropolen Philadelphia und Pittsburgh. Auch Touristen lassen Harrisburg links liegen. Das wollte Bürgermeister Reed ändern. Fünf prächtige Museen sollten hier entstehen, das größte und schönste sollte dem Wilden Westen gewidmet sein. Nun sind die Prärie und die Berge der Rocky Mountains von Harrisburg etwa genauso weit entfernt wie das Mittelmeer von Hamburg. Doch der Bürgermeister, fasziniert von Cowboys und Revolverhelden, war vernarrt in seine Idee. Rund 30Millionen Dollar aus einem "Fonds für besondere Projekte" der Harrisburg Authority, dem Betreiber der Stadtwerke, habe Reed dafür ausgegeben, berichtet Papenfuse. "Auf einigen Rechnungen stand einfach: ein Haufen Zeug."Wirklich gebaut wurde von den fünf Museen nur eines über den Bürgerkrieg, ein viel zu großer Backsteinbau, auf dessen Gängen sich ein paar Besucher verlieren. Die Wild-West-Sammlung staubt indes noch immer in Lagerhallen und im Keller einer Parkgarage vor sich hin. Sie allein hätte Harrisburg kaum ruiniert. Doch sie war ja nur ein Symptom der Misswirtschaft.Den größten Teil der Schulden häufte Harrisburg an, als der Bürgermeister neben einer ehemaligen Deponie eine moderne Müllverbrennungsanlage erbauen ließ, groß und vom Feinsten. Müllautos aus dem ganzen Umland fahren alle paar Minuten vor. Alles scheint perfekt zu sein: kein Lärm, kein Qualm, kein Gestank. Doch obwohl die Anlage leidlich ausgelastet ist, hat die Harrisburg Authority 282 Millionen Dollar Schulden angehäuft. Die Baukosten liefen aus dem Ruder - und Müllverbrennung ist in den USA, wo Abfälle oft billig verklappt werden, nur selten ein lukratives Geschäft."Bürgermeister Reed dachte, mit den Profiten aus der Müllverbrennung werde er all das Geld irgendwann zurückzahlen", sagt Eric Papenfuse und schüttelt den Kopf über so viel Unverstand. Je höher der Schuldenberg wuchs, umso größer habe man die Anlage geplant, um an neue Kredite zu kommen. Mit denen seien dann alte Schulden bedient worden: "Ein klassisches Pyramidenspiel." Doch in diesem Jahr sind allein 68 Millionen Dollar an Zinsen fällig - mehr als der gesamten Etat der Stadt. Harrisburg hatte für die Kredite seiner Kommunalbetriebe gebürgt. Jetzt müsste die Stadt zahlen, kann es aber nicht. "Wir sind praktisch insolvent", sagt Eric Papenfuse.Im Rathaus sieht man das ähnlich. Robert Kroboth,Verwaltungschef der neuen Bürgermeisterin Linda Thompson, sitzt mit hängenden Schultern vor dem Stadtrat und leistet den Offenbarungseid "Die Stadt wird kein Geld haben, die nächste Rate zu bezahlen", berichtet er mit gefalteten Händen. Mit sechs Millionen Dollar ist Harrisburg schon in Verzug. Nun kommen 3,3 Millionen Dollar hinzu.Kroboth schlägt schmerzhafte Maßnahmen vor: Personal soll abgebaut, eine Feuerwache geschlossen werden. Die Parkgebühren sollen von anderthalb auf zweieinhalb Dollar pro Stunde steigen. Man könnte zudem alle Parkflächen verkaufen, aber dann fehlten künftige Einnahmen. Es ist ein Teufelskreis, aus dem Harrisburg anscheinend keinen Ausweg mehr findet.Angst vor einer PleitewelleAls Alternative bliebe nur der Gang zum Konkursrichter. Den aber will die Bürgermeisterin noch verhindern, um nicht auf Jahre die Kreditwürdigkeit der Stadt zu verspielen. Zudem müsste, wenn Harrisburg nicht mehr zahlte, eigentlich der Landkreis Dauphin County einspringen, der seinerseits für Anleihen der Stadt gebürgt hat. Auch Dauphin County wäre dann pleite.Und das Beispiel könnte Schule machen, denn viele Kommunen in den USA sind ähnlich überschuldet wie Harrisburg. Die Angst vor einer Pleitewelle könnte den gesamten, 2,8 Billionen Dollar schweren Markt für US-Kommunalanleihen in Panik versetzen. Banken - unter ihnen auch deutsche Institute - müssten Papiere abschreiben, die bislang als sicher galten. Auch solventen Kommunen würde der Geldhahn zugedreht.Vor dem Rathaus wartet Lenny, ein Sozialarbeiter mit speckiger Schirmmütze, auf den Bus. "Hey, das ist Amerika", sagt er. "Solange die Musik spielt, sind alle glücklich. Dann hört die Musik auf, und ein paar Leute gehen in den Knast. Irgendwann aber fängt die Musik wieder an zu spielen."------------------------------Karte: USAFoto: Glanz der Vergangenheit: das Kapitol in Harrisburg.
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