Tiefe, nachhaltige Spuren in den Medien hätte der fünftägige Russland-Besuch von Bundespräsident Christian Wulff nicht hinterlassen - doch da war dieser Regenwurm. Dmitri Seljonin der Gouverneur von Twer, fand die Kreatur aus der Ordnung der Wenigborster während des Festbanketts für Wulff im pompösen Alexandersaal des Kremls auf seinem Teller. Der Wurm lag neben Salat und Roastbeef. Der Provinzpolitiker zögerte keine Sekunde und nutzte die neuen Medien, um die Entdeckung über sein Mobiltelefon in die Welt zu twittern.Die traditionellen russischen Medien, die bis dahin nur spärlich berichtet hatten, ließen sich den Skandal nicht entgehen. 170Millionen Rubel jährlich - rund vier Millionen Euro - koste das Kreml-Catering, "und dann so was", empörte sich die Zeitung Trud. Die Internet-Seite Vesti.ru mokierte sich über die Manieren des Gouverneurs. "Wenn dem Gast etwas an einem Gericht nicht gefällt, dann ruft er gewöhnlich den Kellner, der den Teller diskret und ohne Aufmerksamkeit zu erregen abräumt", wird der Kreml-Sprecher Viktor Chrekow zitiert. Doch die Sache ist viel ernster, wie die stürmische Kommentierung im Internet zeigt. Womöglich könnte der Besuch von Christian Wulff am Ende den nächsten russischen Spitzenpolitiker zu Fall bringen.Kürzlich war der Moskauer Bürgermeister, auch er im Gouverneursrang, gestürzt, weil er das Missfallen von Präsident Dmitri Medwedew geweckt hatte. Die Aufregung ist jetzt nicht geringer. Manche machen Scherze, andere jedoch vermuten ein Komplott, um das Ansehen Russlands in der Welt zu schädigen. "Die wichtigste Schlussfolgerung aus der Affäre muss sein, dass unsere offiziellen Persönlichkeiten ernsthaft darüber nachdenken sollten, wie sie die sozialen Netzwerke nutzen", schulmeistert der Blogger Andrej Podschibjankin. Doch damit nicht genug. "Der Wurm-Gouverneur könnte wegen Dummheit entlassen werden", spekuliert Vesti.ru. Das Portal beruft sich auf Sergej Prichodko, den außenpolitischen Berater Medwedews, der die Geschwätzigkeit des Gouverneurs als "unverantwortlich und blöd" bezeichnete. So harsch, schreibt Vesti.ru, habe der Kreml noch nie reagiert.Als Seljonin dann Wulff am darauffolgenden Tag im heimatlichen Twer empfing, hatten sich die Zeitungen wieder gefangen. Im trockenen Kommuniquéstil alter Zeiten wurde unter Berufung auf die Agentur Itar-Tass berichtet, es seien "Fragen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit erörtert" worden. Die Iswestija vergisst nicht darauf hinzuweisen, dass Wulff ein "Amt bekleidet, das fast ausschließlich repräsentative Funktion hat". Deshalb habe der Besuch vor allem symbolische Bedeutung. Die Njesawissimaja Gazeta betont: "Unter den EU-Ländern unterstützt Deutschland die russische Modernisierung am aktivsten." Das Blatt verweist jedoch auch auf die Ernüchterung deutscher Unternehmer, die eine Umfrage zutage förderte: Eine Mehrheit der deutschen Unternehmer in Russland, "55 Prozent sehen bisher keine Anzeichen, dass Russland diesen Weg tatsächlich begonnen hat". Frank Herold
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