Der Streit um die Flugrouten geht in die nächste Runde. Am 8. November befasst sich die Fluglärmkommission, in der Berliner Bezirke und Brandenburger Gemeinden vertreten sind, erstmals mit Alternativen zu dem umstrittenen Konzept der Deutschen Flugsicherung (DFS). Dabei wird es sehr bald auch um die Konsequenzen möglicher Änderungen gehen. Denn wenn ein Wohngebiet von Fluglärm entlastet wird, bekommen andere Bereiche umso mehr Krach ab. Hans Niebergall, der Leiter der DFS-Niederlassung Berlin, erwartet eine heftige Diskussion.Die DFS ist in Berlin momentan ziemlich unbeliebt. Wie lebt es sich als Buhmann der Region?Ich fühle mich nicht als Buhmann. Allerdings habe ich als Verantwortlicher für die Flugsicherung und die künftigen Flugrouten die delikate Aufgabe, Fluglärm zu verteilen. Das ist nichts, womit man sich Lorbeeren erwerben kann.Ist es nicht verständlich, dass viele Bürger jetzt so sauer sind?Ich bin überrascht, dass Wannseer und andere Bürger, die im Vergleich zu heute 2012 von Fluglärm entlastet werden, jetzt ihre Stimme erheben. Dagegen kann ich es nachvollziehen, wenn sich dort, wo neue Lärmbelastungen absehbar sind, die Betroffenen artikulieren.Sie sagen, dass Ihr Konzept das schonendste für Berlin ist. Wie wird sich der Flugverkehr entwickeln?Die Zahl der Berlin-Überflüge wird sich im Vergleich zu heute ungefähr halbieren. Das hat mit der Lage des neuen Flughafens zu tun. Der Großteil des Luftverkehrs nach Berlin kommt aus dem Süden und dem Südwesten. Dieser muss das Stadtgebiet nicht mehr überfliegen, wenn Tegel geschlossen worden ist und alle Maschinen Schönefeld ansteuern. Von den Flügen, die auf dem Flughafen starten, wird deutlich weniger als ein Drittel über das Stadtgebiet hinwegführen.Werden die Bezirke Pankow, Reinickendorf und Spandau, die heute unter dem Flughafen Tegel leiden, ab 2012 von Fluglärm entlastet?Über diesen Bezirken wird es keine Startrouten mehr geben, sie werden nach unserem Entwurf von Abflügen komplett entlastet. Was die Anflüge anbelangt, kann ich das noch nicht genau sagen. Derzeit gehe ich aber davon aus, dass über diesen Bezirken auch keine Landeanflüge mehr stattfinden.Sie sprechen nur von Startrouten. Warum stellt die DFS nicht auch die kompletten Anflugrouten dar?Derzeit können wir den Verlauf der Anflugrouten nur auf den letzten zehn nautischen Meilen (rund 18 Kilometer) darstellen. Dort führen sie geradlinig auf den Flughafen zu. Aus Richtung Westen führen sie über Ludwigsfelde und Blankenfelde hinweg, aus Richtung Osten verlaufen sie an Erkner vorbei und dann zwischen Bohnsdorf und Eichwalde. Die Verbindungsstücke zwischen dem überregionalen Flugroutensystem und dem Endanflug auf Schönefeld, die sogenannten Transitions, können wir dagegen erst festlegen, nachdem wir die Startrouten konzipiert haben. Im Interesse der Sicherheit darf es zwischen den Lande- und Startrouten keine Konflikte geben.Viele Menschen misstrauen Ihren Höhenangaben, nachdem die DFS eingestanden hat, dass Langstreckenmaschinen vom Typ A340 Wannsee tiefer überfliegen werden.In der Tat haben der Airbus A340-300 und der A340-200 eine katastrophale Steigperformance. Das bedeutet, dass sie nur langsam aufsteigen. Doch sie kommen in Berlin im Durchschnitt auf zwei Starts pro Woche, beide Typen zusammengenommen, und es ist nicht absehbar, dass sich das ändern wird. Zum Vergleich: Für den neuen Schönefelder Flughafen rechnen wir mit rund 240000 Starts und Landungen pro Jahr. Pro Tag wären das zirka 660 Flugbewegungen. Wer bei der Routendebatte mit dem A340 argumentiert, streut also eine falsche Botschaft. Unsere Höhenangaben in den Karten sind Näherungswerte. Das heißt, dass ein Großteil der Flüge in der genannten Höhe oder höher stattfinden wird.Was haben die Menschen in Nikolassee und Wannsee zu erwarten?Dort gibt es heute schon Flugverkehr. Ein Beispiel: Bei Ostwind gehen Landeanflüge auf Tegel maximal in 5 000 Fuß Höhe (rund 1700 Meter) über diese Gebiete hinweg. Künftig soll dort eine Startroute verlaufen - in zirka 2300 bis 2400 Meter Höhe. Das meine ich damit, wenn ich sage, dass diese Gebiete von Lärm entlastet werden.In Lichtenrade wird die Lage aber anders aussehen. Schlechter.In der Tat. Darum wird dieser Stadtteil über das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg auch künftig in der von 17 auf 34 Mitglieder erweiterten Fluglärmkommission vertreten sein- meines Erachtens völlig zu Recht. Zum einen wird Lichtenrade betroffen, wenn die Startroute von der nördlichen Bahn wie von uns vorgesehen zwischen Blankenfelde und der Stadtgrenze verlaufen wird. Auf diesem Abschnitt werden die Flugzeuge relativ niedrig sein, das wird man im benachbarten Lichtenrade hören können. Zum anderen können Gegenanflüge Lichtenrade streifen. Wenn ein Flieger aus dem Osten in Schönefeld in Ostrichtung landen muss, muss er zuvor nördlich oder südlich um den Flughafen herumgeleitet werden. Die nördliche Route würde über Lichtenrade hinwegführen.Die DFS versucht, die Diskussion zu beruhigen, indem sie sagt, dass es noch Spielraum gebe, Flugrouten zu ändern. Wo und in welchem Maße?Nach unserem Konzept knickt die Startroute, die auf der nördlichen Bahn beginnt und nach Westen führt, hinter dem Flughafen um 30 Grad nach Norden ab. Natürlich gäbe es die Möglichkeit, diese Route geradlinig zu führen, in diesem Fall würde Lichtenrade durch Abflüge nicht belastet. Doch dann würde Blankenfelde überflogen und massiv mit Fluglärm belastet.Was hat für Sie bei der Routenplanung Vorrang: viel Fluglärm für relativ wenige Menschen oder wenig Fluglärm für mehr Menschen?Darüber wird die Fluglärmkommission beraten müssen, was angesichts der Tatsache, dass sie nun doppelt so viele Mitglieder hat, interessant wird. Die Mitglieder können nicht sagen: Wir wollen in unserem Ort keinen Fluglärm - sie müssen entscheiden, wie der Lärm verteilt wird. Es wird spannend zu sehen, ob und wie in der großen Kommission das Sankt-Florians-Prinzip zur Geltung kommen wird.Ist es möglich, Teltow, Stahnsdorf und Kleinmachnow auszusparen?Wenn wir Blankenfelde geradeaus überfliegen, auf jeden Fall. Allerdings müsste dann auch der Punkt, an dem eine der Routen in Richtung Berlin abknickt, verlegt werden. Dadurch verlängert sich die Flugstrecke und andere Siedlungsgebiete würden betroffen.Bürger fordern, über Berlin keine Flugrouten zu planen. Warum kommen Sie der Forderung nicht nach?Würden wir Berlin umfliegen, würden stattdessen mehr Umlandgemeinden überflogen. Die Strecken würden sich verlängern, was die Wirtschaftlichkeit betrifft. Dies würde zu mehr Kohlendioxidausstoß führen. Auch der Umweltaspekt muss in unserem Abwägungsprozess berücksichtigt werden.Zwischen null und fünf Uhr darf vom BBI aus nicht geflogen werden. Könnte Berlin nicht zumindest in den restlichen Nachtstunden ausgespart bleiben?Diese Möglichkeit werden wir uns in der Tat genau anschauen und in der Fluglärmkommission zur Sprache bringen. In dieser Zeit ist der Flugverkehr längst nicht so stark wie am Tage. Dann ist ein Parallelbetrieb wahrscheinlich nicht erforderlich. In diesem Fall könnte sich der Verkehr auf die südliche Startbahn und die anschließenden Südrouten beschränken. Berlin müsste dann nicht überflogen werden. Normalerweise steht für uns nach der Sicherheit die Wirtschaftlichkeit an zweiter und die Auswirkung auf die Umwelt an dritter Stelle. Für die Zeit von 22 bis 6 Uhr dürfen wir den zweiten und dritten Punkt in dieser Liste vertauschen.Die beiden Startbahnen sind überdimensioniert. Flugzeuge könnten weit vor dem Ende abheben oder nicht gleich am Anfang der Piste aufsetzen. Dann könnten sie beim Landen länger in größerer Höhe fliegen und beim Start früher steigen.Sie sprechen von der versetzten Schwelle. Darüber werden wir in der Kommission reden. Auch über Steilstarts. Und über die Möglichkeit von steileren Anflugwinkeln - 3,2 statt 3 Grad. Die werden gerade in Braunschweig im Zusammenhang mit dem Bau der vierten Bahn für den Frankfurter Flughafen getestet. Allerdings zeigen die ersten Ergebnisse, dass sich das kaum auf den erlebten Lärm auswirkt.Politiker fordern, dass sich die DFS mit der Routenfestlegung beeilt.Wir werden alles dafür tun, das Verfahren so schnell wie möglich durchzuführen. Ich erwarte aber nicht, dass es deutlich vor März 2012 beendet wird. Das hängt davon ab, wie viele Anregungen uns in der Fluglärmkommission erreichen. Jeden Vorschlag werden wir sorgfältig prüfen. Wir können uns keine Fehler erlauben. Deswegen braucht so etwas Zeit. Ich bin Pfälzer, da sagt man Hudeln, wenn man etwas übers Knie bricht. Hudeln ist der falsche Ansatz.Interview: Peter Neumann und Jürgen Schwenkenbecher------------------------------Angst vor LärmAm 6. September hat die Deutsche Flugsicherung (DFS) erstmals ein Konzept vorgelegt, das die künftigen Startrouten skizziert. Das kam für Planer und Politiker nach deren Aussagen überraschend - zuvor sei von diesem Thema nicht die Rede gewesen. Am 8. Oktober wurde das Routenkonzept präzisiert.Der Verlauf der Flugrouten wird durch ein genau vorgeschriebenes Prozedere festgelegt. Das nun vorgelegte Konzept wird nun in der Fluglärmkommission diskutiert. In diesem künftig 34-köpfigen Gremium sind die Orte rund um den künftigen Schönefelder Flughafen vertreten - unter anderem die Bezirke Treptow-Köpenick, Tempelhof-Schöneberg und Steglitz-Zehlendorf. Im Mai 2011 soll die Kommission eine Empfehlung vorlegen, die dann von der DFS geprüft und an das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung (BAF) weiter geleitet wird. Die Behörde gehört zum Geschäftsbereich des Bundesverkehrsministeriums.Die Entscheidung trifft am Ende das BAF nach Abstimmung mit dem Bundesjustizministerium und dem Umweltbundesamt. Bürger können gegen diese Rechtsverordnung klagen.Der Bund hielt sich bei der Diskussion um die Flugrouten, die mit der Eröffnung des neuen Schönefelder Flughafens am 3. Juni 2012 in Kraft treten sollen, bislang zurück. Es sei die Aufgabe der Fluglärmkommission, das endgültige Konzept mit der DFS zu erarbeiten, hieß es im Verkehrsministerium. Dabei müssten aber die Interessen der Anwohner berücksichtigt werden.Mehrere hundert Betroffene, vor allem aus dem Südosten Berlins, diskutierten gestern Abend im Treptower Ortsteil Bohnsdorf über das Routenkonzept. Viele fürchteten, dass der Fluglärm zunimmt. Zu dem Info-Abend lud der Verein Deutscher Grundstücksnutzer ein.Der Bezirk Lichtenberg hat die Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) aufgefordert, sich für eine Planung einzusetzen, "die das Überfliegen von Stadtgebieten Berlins weitestgehend vermeidet".------------------------------Karte: Geplante Abflugrouten für den BBIFoto: Der Informatiker Hans Niebergall (45) ist seit 2008 Chef der DFS in Berlin.
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