Das Theater, es bewegt sich doch. Vorerst in kleinen morgendlichen Schritten, in einer Matinee im Pavillon übern Hof. Das Berliner Ensemble hat gestern den Stalinisten Peter Hacks gespielt, nur viereinhalb Jahre nach dem Tod des großen Dichters. Sieben Schauspieler und zwei Musiker sprachen, sangen, lasen Gedichte, Lieder, Couplets, Texte und Briefe aus drei Jahrzehnten - und die Bosheiten nach der Wende auch. Und wie sie es machten, war es auch recht schön, aber ganz ungleich. Zwei junge Schauspielerinnenpersönchen gaben sich die größte Mühe; man hatte bloß den Eindruck, sie wissen nicht, wovon dieser Hacks eigentlich handelt. Der Schauspieler Boris Jacoby unterlag dem Irrtum, dass Hacksens traurige "Theaterrede" (Wer, hat er Lust auf den Shakespeare, geht denn noch in eure marmornen Buden?) nach Art der Dampfschauspieler röhrend-protestierend gesprochen werden muss, statt überlegt und aristokratisch verhalten. So verhallte im Lärm die Pointe "Daß den Theatern Deutschlands, entscheidend noch bei mir sich durchzusetzen, mißlungen ist." Veit Schubert schmeckte die Texte ab, traf den feinen, hohen Ton. Er kannte, was er sprach. "Ich möchte gern ein Holperstein/ In einer Pflasterstraße sein. /Ich stell mir vor, ich läge dort,/und einer von den Kunsteunuchen/Aus Medien und Kritik/Käm beispielsweise Hacks besuchen/und bräch sich das Genick."Warum spielt das BE, das sich zur DDR-Zeit nur unter Ruth Berghaus für Hacks interessierte, Hacks? Nicht obwohl, sondern gerade weil Peter Hacks erwog, als Claus Peymann nach Berlin kam, nach Bonn auszusiedeln. Demnächst also vielleicht "Die Sorgen und die Macht", Regie: Peymann?Anlass der Matinee war der 80. Geburtstag von Peter Hacks am 21. März. Wer war Hacks? Er nannte sich selber einen Stalinisten und hielt die Mauer für ein gutes Bauwerk. Als 2003 zum 75. Geburtstag im Eulenspiegelverlag Hacksens Gesamtwerk in fünfzehn Bänden erschien, lehnte sich die Ausstattung an die Dietz-Klassikerausgabe der Werke von Marx und Engels an. Was natürlich Ironie und bloße Geltungssucht war, denn Hacks Dichtung ist Dichtung. Falls es je so etwas wie eine marxistische Ästhetik gegeben hat, Hacksens Beitrag dazu wäre ein ausschließlich schriftstellerischer, kein ideologischer gewesen. Die Zahl der Marx-Zitate hält sich in seinen Essays sehr in Grenzen, die Goethe- und Hegel-Zitate sind Legion. Goethe, Hegel, mit Einschränkungen Heine und ohne Einschränkungen sich selbst ließ er gelten. Sonst niemanden und nichts, und die Romantik von Heinrich Kleist bis, wie er es sah, Andy Warhol und Stephan Hermlin und Christa Wolf und Franz Fühmann schon gar nicht. Die romantischen Schriftsteller waren am Untergang der DDR schuld, im Ernst, so meinte er. Was nicht zu begreifen, aber doch noch immer amüsant zu lesen ist: "Das erste Auftauchen der Romantik in einem Land ist wie Salpeter in einem Haus, Läuse auf einem Kind oder der Mantel von Heiner Müller am Garderobehaken eines Vorzimmers. Ein von der Romantik befallenes Land sollte die Möglichkeit seines Untergangs in Betracht ziehen", zitiert nach der gerade im Eulenspiegelverlag erschienenen Neuausgabe von "Zur Romantik".Hacks war ein launiger Geselle und ordnete sich und sein Werk ohne alle Bescheidenheit - denn er war auch der erste Besserwessi, den die DDR zu ertragen hatte - folgendermaßen ein: "Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gehört einfach Thomas Mann und Brecht. Thomas Mann gehört die Prosa und Brecht das Drama und die Lyrik. Was ich Ihnen als Vermutung anbiete, ist, dass die zweite Hälfte Arno Schmidt und mir gehört. Arno Schmidt für die Prosa, mir für Dramatik und die Lyrik. Das sage ich mit dem Vorbehalt eines Menschen, der wirklich weiß, dass dies eine Art von Urteilen ist, die eigentlich nicht fällbar sind. Aber ich kann ja nicht so tun, als hätte ich kein Urteil." Sein Stück "Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe" war ein Welterfolg und wird wiederkommen auf die Bühne, mit Schauspielerinnen, die das spielen können. Mit seinen verbotenen Gegenwartsstücken "Die Sorgen und die Macht" und "Moritz Tassow" hatte Hacks, ohne es zu wollen, die DDR ad absurdum geführt, als die Mauer gerade gebaut wurde. Die späteren Stücke ("Der Frieden", "Die schöne Helena", "Prexaspes", "Amphitryon"), die keine direkten Gegenwartsstücke mehr waren, sind zu klug gedacht, zu gut formuliert und von zu feinem Humor, als dass sie von heutigen Theaterdramaturgien zur Aufführung erwogen werden könnten. Dass Hacks, nachdem er einmal der meistgespielte Dramatiker in beiden deutschen Staaten war, am Beginn des 21. Jahrhunderts genauso vergessen wurde wie sein Lieblingsfeind Heiner Müller, muss ihn mehr gewurmt haben als die Tatsache, dass die DDR untergegangen ist.Peter Hacks war 1956 aus München nach Ostberlin übergesiedelt, gegen den Rat Brechts. Der langjährige Schlossherr von Groß Machnow bei Berlin, dem die tapferen Genossen von der Kulturfront stets aufs Herzlichste misstrauten, hatte nach der Wende die feinen Manieren eines guterzogenen Bürgers, einen Staatszusammenbruch zu ertragen, ohne seine Gesinnung zu ändern. Er war ein deutscher Dichter, und für einen solchen ist jedes Deutschland zu eng.------------------------------Foto: Er nannte sich selber einen Stalinisten: Peter Hacks.
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