Der General im Giftschlamm

Frank Herold
2 Min

Die Rollen sind klar verteilt: Auf der einen Seite steht Zoltan Bakonyi, ein neureicher Multimillionär, bis vor zwei Wochen der Herr über das Aluminium-Unternehmen MAL von Ajka und der meistgehasste Mann Ungarns. Das ganze Land sieht in dem Privatisierungsgewinnler den Verantwortlichen für das Umweltdesaster, bei dem Anfang des Monats eine Flutwelle giftigen Rotschlamms einen ganzen Landstrich überflutete, neun Todesopfer forderte und zahlreiche Dörfer unbewohnbar machte. Auf der anderen Seite erscheint jetzt mit seltsam ähnlich klingendem Namen der vermeintliche Retter: György Bakondi, 58 Jahre, Generalmajor und in den vergangenen sieben Jahren erfolgreicher Rechtsanwalt in Budapest.Ministerpräsident Viktor Orban hat Bakondi zum Regierungskommissar über das inzwischen unter staatliche Zwangsverwaltung gestellte Aluminiumwerk ernannt und sich direkt unterstellt. Heute - nur zwei Wochen nach der Katastrophe - soll der Kommissar die Produktion in dem Werk wieder in Gang setzen. Zum Ende der Woche wird wieder neuer hochtoxischer Rotschlamm in eines der Auffangbecken fließen. Die Sicherheitsvorkehrungen seien ausreichend, versicherte Bakondi am Wochenende. In der Region ringsum herrscht immer noch der Ausnahmezustand. Gerade ist er bis zum Jahresende verlängert worden. Jeden Tag ab 23 Uhr ist über die Ortschaften Kolontar, Devecser und Somlovasarhely eine nächtliche Ausgangssperre verhängt, um Plünderungen zu verhindern und Katastrophentouristen fernzuhalten. Tagsüber versuchen zahllose Helfer noch immer, den verheerenden Schlamm mit Gips zu binden.Das ungarische Parlament hat Bakondi mit einem Sondergesetz praktisch uneingeschränkte Befehlsgewalt übertragen, und doch scheint seine Aufgabe nahezu unlösbar. Der Krisenkommissar soll alles zugleich schaffen: die weiteren Sanierungsarbeiten in den weitgehend zerstörten Dörfern, die Sicherung der maroden Aufnahmebecken, die Einleitung von Entschädigungsversuchen für die betroffene Bevölkerung, das Management der Firma und die Beschaffung von neuen Krediten für deren dringend nötige Modernisierung.Für all diese Aufgaben hat der General, der es in seiner glänzenden militärischen Karriere am Ende der 90er-Jahre bis zum Vize-Chef des ungarischen Grenzschutzes gebracht hatte, ganze 18 Mann in seinem Stab. Doch vor gut zehn Jahren hat er schon einmal eine ähnlich schwierige Aufgabe zu lösen. Ein Jahrhunderthochwasser suchte 1999 Ungarn heim, mehr als 600000 Hektar Land standen wochenlang unter Wasser. Bakondi wurde abkommandiert, um nach der Flut den Wiederaufbau von 1700 Dörfern in der pannonischen Tiefebene zu organisieren. Für zwei Jahre war er danach Generaldirektor der Nationalen Katastrophenhilfe Ungarns, die dem Innenministerium untersteht. Diese Erfahrungen von damals wird er in seinem derzeitigen Job dringend reaktivieren müssen.------------------------------Foto: György Bakondi, Kommissar für das Aluminiumwerk MAL in Ungarn

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