Interview

Millionen-Spende an die Grünen: „Der Wechsel braucht Führungspersönlichkeiten“

Der Milliardär Steven Schuurman hat der Partei 1,2 Millionen Euro zukommen lassen. Er hofft, dass sein Geld zu deren Wahlsieg beiträgt.

7 Min
Medienunternehmer Steven Schuurman

Medienunternehmer Steven Schuurman

© Jeroen Moerdijk

Sie haben eine sehr großzügige Spende an die Grünen-Partei gemacht. Soll das Geld helfen, das Defizit der Partei auszugleichen, oder wollen Sie den Gewinner unterstützen? Glauben Sie, dass sie gewinnen werden?

Ach, für mich ist das keine Angelegenheit von gewinnen oder verlieren. Ich unterstütze eine Partei wegen ihres politischen Programms. Ich schaue darauf, was diese Partei erreichen will, welches Programm sie hat und wer sie führt. Und wie sie zur internationalen und europäischen Zusammenarbeit steht was den Klimawandel betrifft.

Es geht also vor allem um grundsätzliche Unterstützung?

Sehen Sie, ich hoffe wirklich, dass die Grünen bei der Wahl wirklich gut abschneiden, aber mir geht es jetzt nicht darum, auf den Sieger zu setzen. Ich möchte sicherstellen, dass ich tue, was ich kann als ein Bürger in dieser Welt, als Europäer, um die Partei in Deutschland zu unterstützen, die den besten Standpunkt hat, um Deutschland und damit auch Europa in eine nachhaltigere Zukunft zu führen.

Verfolgen Sie den deutschen Wahlkampf?

Ich verfolge das durchaus, wenn auch nicht in allen Einzelheiten, auch weil ich absolut kein Experte für deutsche oder gar europäische oder niederländische Politik bin. Aber ich denke, dass die Wähler in Deutschland sich der Notwendigkeit eines langfristigen Denkens und damit der Bedeutung eines nachhaltigeren, grüneren Wahlergebnisses sehr bewusst sind. Und ich glaube, dass es in Deutschland sehr viele Wähler gibt, die sich noch nicht entschieden haben. Ich möchte, dass die Grünen mit der Spende die Möglichkeit haben, ein wenig mehr Sichtbarkeit zu schaffen und so ihre Botschaft an mehr Menschen zu bringen, was nur gut sein kann.

Kennen Sie Annalena Baerbock oder Robert Habeck persönlich?

Ich habe sie noch nicht persönlich getroffen. In der Zeit vor der Spende wollte ich natürlich ein tieferes Verständnis für ihre politische Agenda und ihre Position zur Nachhaltigkeit in Europa und zur internationalen Zusammenarbeit gewinnen. Also habe ich mit einigen Leuten von den deutschen Grünen gesprochen. Ich habe einmal mit Robert Habeck telefoniert und ich hatte ein Telefonat mit Annalena Baerbock. Ich habe mit verschiedenen Leuten von den Grünen gesprochen, die mir natürlich sehr viele Fragen zu meinen Ansichten über Nachhaltigkeit und die Zukunft gestellt haben und warum ich das mache. Es war also ein gemeinsamer Prozess, der zwei Zielen diente.

Welche waren das?

Ich denke, dass wir uns erstens ein bisschen kennenlernten. Aber ich glaube, sie wollten vor allem verstehen, warum ich das tue, was ich tue, und ich wollte natürlich auch wissen, wie sehr sie selbst motiviert sind. Und das war wunderbar und sehr wichtig für mich, herauszufinden, dass dies für sie ein echter Versuch ist, Dinge zum Besseren zu verändern. Das ist es, was sie wollen.

Haben Sie auch Eindrücke von den anderen Parteien gewonnen?

Wenn ich mir die Bundestagswahl anschaue, dann höre ich nur, dass Armin Laschet nicht wirklich für Veränderungen ist. Er ist eher dafür, dass alles beim Alten bleibt. Ich denke, dass Olaf Scholz einen Versuch unternimmt, die Dinge besser zu machen, aber er ist auch sehr konservativ. Bei den Grünen sehe ich, dass sie einen sehr pragmatischen Sinn für Dringlichkeit haben, was großartig ist. So sollte es auch gemacht werden. Es ist ein globales Problem, es ist nicht nur auf Deutschland bezogen, es ist nicht einmal nur auf Europa bezogen. Ich denke, dass die Grünen mit sehr pragmatischen Lösungen aufwarten, die eben nicht business as usual sind, und das ist der richtige Antrieb für Pläne für die Zukunft.

Was denken Sie, was die Grünen tun werden, wenn sie gewählt würden?

Sie werden es zum Beispiel den Menschen leichter machen, Zugang zu Dingen wie grüner Energie zu bekommen, und natürlich ist es wichtig zu erkennen, dass man ein System nur ändern kann, wenn man auch die Unternehmen ändert. Wenn sich die Unternehmen ändern, bedeutet das manchmal, dass die Preise steigen, was in Ordnung ist. Ich denke, was die deutschen Grünen unbedingt wollen, ist, einen fairen und gerechten Übergang zu schaffen, der den Unternehmen gerecht wird, aber auch den Verbrauchern, was ich für sehr wichtig halte. Eine Entschädigung für die, die vorangehen, ist ein wichtiger Teil des Weges zu mehr Nachhaltigkeit. Sie planen zum Beispiel einen Industriepakt. Das ist absolut notwendig, weil es sonst nicht gelingt, 2035 kohlenstoffneutral zu sein.

Die Grünen sind Spitzenreiter bei Großspenden in diesem Jahr. Liegt das daran, dass sie die praktikabelsten Lösungen haben?

Wir Unternehmer sind es gewohnt nach vorne zu schauen, weil wir ein bisschen planen müssen. Nach Ansicht der Wissenschaftler segeln wir in einen Sturm hinein. Wir wissen genau, was auf uns zukommt. Die extremen Wetterlagen werden Auswirkungen auf alle möglichen Dinge haben. Und es wird viel kosten. Schauen Sie sich an, was es die Regierung bereits kostet, eine Katastrophe zu beheben, wie sie die Überschwemmung in Deutschland angerichtet hat. Diese Dinge werden noch viel schlimmer werden, wenn wir nichts tun, und das kostet ein Vermögen, das der Wirtschaft nicht wirklich zugute kommt.

Wer den Klimawandel ernst nimmt, macht gute Wirtschaftspolitik?

Es gibt zwei Dinge, die den Unternehmern klar sind: Wenn wir nichts ändern, wird es negative Auswirkungen auf die Wirtschaft haben. Aber wenn wir uns ändern, wird es einen positiven Effekt haben, weil dies einen ganz neuen Markt für die Zwecke der Nachhaltigkeit schafft. Das sind sehr viele, von der Energiewende bis hin zur Mobilitätsumstellung. Es geht um nachhaltigeres Bauen, um alle möglichen Dinge. Und ich denke, dass die Unternehmer die Risiken kennen und die Probleme vermeiden wollen, bevor sie noch schlimmer werden, als sie heute schon sind. Und sie wollen auch von den Chancen profitieren, die die Nachhaltigkeit tatsächlich bietet.

Glauben Sie, dass Deutschland ein wichtiges Land ist, um in Sachen Klimapolitik voranzukommen? Hier heißt es oft, im nationalen Alleingang ist das nicht zu schaffen.

Veränderung braucht Führungspersönlichkeiten. Und Menschen mit einem gewissen Maß an Visionen – das ist genau das, was ich bei den Grünen in Deutschland sehe. Aber wenn man sich Deutschland als Land genauer ansieht, dann ist Deutschland wirtschaftlich und politisch wohl eines der oder das wichtigste einflussreiche Land in der Europäischen Union und im größeren Europa. Und wenn das der Fall ist, dann ist Deutschland automatisch mit den meisten wichtigen Ländern der Welt verbunden. Und was wir in den letzten 16 Jahren unter Angela Merkel gesehen haben, ist, dass es zwar Stabilität, aber auch keinen Fortschritt gab. Jetzt aber wird kein Stabilitätsmanager gebraucht und daher definitiv nicht Laschet und auch nicht Scholz. In der heutigen Welt braucht man Politiker, die neue Wege gehen.

Was bedeutet Ihnen Geld?

Geld bedeutet für mich ein gewisses Maß an Freiheit, was natürlich schön ist. Aber wenn der Reichtum ein gewisses Niveau überschreitet, wird er zu einer Verantwortung. Man sollte etwas bewirken. Ich möchte meine Ressourcen dafür einsetzen, eine bessere Welt für künftige Generationen zu schaffen. Geld schafft für mich diese Möglichkeit. Es ist daher vor allem ein Mittel zum Zweck.

Leben Sie selbst umweltbewusst?

Ich versuche, so klimaneutral zu leben, wie ich kann. Aber wenn ich ein Flugzeug nehmen muss, dann nehme ich natürlich ein Flugzeug. Ich fahre ein Elektroauto, was natürlich wenig ist. Aber ich denke, mein größter Beitrag liegt weniger in diesen Dingen als vielmehr Unterstützung zu geben bei dem Versuch, einen systemischen Wandel in großem Umfang herbeizuführen. Deshalb unterstütze ich auch die Grünen, weil sie die Herausforderung des Klimawandels nicht nur aus der Unternehmensperspektive betrachten, sondern ganzheitlich und auch auf internationaler Ebene. Frau Baerbock hat sehr deutlich gemacht, dass sie transatlantisch arbeiten will, und das ist der Weg, wie wir echte Veränderungen erreichen können. Und in der Zwischenzeit versuchen wir alle, ein wenig verantwortungsbewusster mit dem Fisch- und Fleischverzehr umzugehen und wann immer wir können, mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zu fahren.

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