BERLIN. Per Mertesacker ist der ideale Arbeitnehmer. Er sagt: "Ich hab' mir immer dann Auszeiten genommen, wenn Urlaub war." Bei der Weltmeisterschaft 2006 hielt er bis zum 0:2 im Halbfinale gegen Italien durch, dann musste er sich wegen einer Schleimbeutelentzündung an der linken Ferse operieren lassen. Nach der Europameisterschaft 2008 bekam er im Urlaub hohes Fieber, danach wurde er am Meniskus operiert. Mertesacker sagt: "Nach den Turnieren, da hat's meistens gekracht bei mir. Da war ich körperlich immer am Limit." Nach der WM 2010 hielt er ein bisschen länger durch - bis zum EM-Qualifikationsspiel Anfang September gegen Aserbaidschan. Dort erlitt er durch den Schlag eines Gegenspielers einen Bruch des Augenhöhlenbodens. Mehr als einen Monat werde er aussetzen müssen, sagten die Ärzte dem Fußballer. Nach zweieinhalb Wochen stand er wieder auf dem Platz.Fünf Tage pausierte er, dann begann er, Rad zu fahren, zu laufen, zu spielen. Weil die Kollegen und sein Trainer Thomas Schaaf nach ihm fragten - und weil er merkte, wie er selbst ungeduldig war. Er trug eine Gesichtsmaske, um sein Auge zu schützen. Er erkannte, dass "die Schweißbildung schon sehr nervig ist". Er prüfte nach jedem Kopfballduell, ob alles richtig sitzt. Aber Angst hatte er nicht. Er erzählt, er habe schon oft Kopf- und Nasenverletzungen gehabt: "Die sind nicht schön, aber sie haben mich gefestigt, so dass ich jetzt keinen Knacks dadurch bekommen habe." Mittlerweile braucht er die Maske nicht mehr und spürt: Die Auszeit, die ihm die Verletzung eingebracht hat, "die war auch mal ganz gut für die Erholung".An der routinierten SchulterSo blickt Mertesacker nun ausgeruhter als mancher Kollege dem EM-Qualifikationsspiel an diesem Freitag gegen die Türkei in Berlin entgegen. Er wird den Abwehrchef der deutschen Nationalmannschaft geben, als sei nichts gewesen - und er wird, dank seinem Sinn für Timing, kein einziges Länderspiel verpasst haben.Seit Jahren ist Mertesacker einfach immer da, wenn er gebraucht wird. Er funktioniert. Er ist verlässlich. Er erträgt all die Irrungen und Wirrungen um sich herum mit bemerkenswerter Gelassenheit. Bei Werder Bremen muss er mal wieder damit leben, dass hinter ihm sein Torwart ständig Bälle aus dem Netz holen darf und er danach die Frage beantworten soll, woran das liegt. Er nimmt es ironisch: "Wir haben viel Entwicklungspotenzial, was unsere Gegentore betrifft." Dass Naldo, sein Partner in der Innenverteidigung, zurzeit wegen eines lädierten Knies fehlt, macht die Sache nur noch komplizierter.Auch in der Nationalmannschaft muss Mertesacker sich permanent umstellen. Er ist die Konstante in der deutschen Viererkette; wer neben ihm spielt, hängt von Formschwankungen und Verletzungen ab. Bei der WM in Südafrika hat Mertesacker sich an der routinierten Schulter von Arne Friedrich anlehnen können, er, der trotz seiner erst 26 Jahre doch meistens selbst eher Lehrer als Schüler ist. Nun, da Friedrich von seinem maladen Rücken geplagt wird und ausfällt, wird Holger Badstuber neben Mertesacker gegen die Türkei verteidigen. Beim FC Bayern habe der Jüngling "als Innenverteidiger immer einen sehr soliden, seriösen Eindruck gemacht", betont Bundestrainer Joachim Löw. Zu Mertesacker muss er nicht viel sagen. Der spielt sowieso, der wird nicht angezweifelt, der spricht für sich.Und außen? Philipp Lahm, der Kapitän, darf rechts in der Viererkette bleiben, er mag nicht mehr ständig die Seite wechseln. Links soll Jérôme Boateng oder Heiko Westermann auflaufen, aber Löw weiß, dass beide keine Lösungen für die Zukunft sind - weil sie diese Position nicht gelernt haben. Mertesacker aber lässt sich davon nicht beunruhigen. Er ahnt, wie wichtig es ist, "dass man ungefähr weiß, was der Partner macht in einer bestimmten Situation". Er sagt aber auch, die Aufgaben in der Abwehr des Nationalteams seien klar verteilt: "Da tut es mir nicht weh, wenn ich wechselnde Partner habe."Ist das wirklich so einfach: immer weiter zu machen, immer stark zu sein, was auch passiert? "Auf der einen Seite ist das natürlich ein gutes Image", sagt Mertesacker. "Das sind ja Grundtugenden für Deutschland." Andererseits kann dieses Image auch zur Last werden: "Das zu halten, ist keine einfache Aufgabe, das sage ich ganz ehrlich." Bisher löst Mertesacker diese Aufgabe konsequent, 71 Länderspiele sind der Beweis. Die Siege, die er mit seinen Teams feiert, geben ihm Kraft - in Bremen zurzeit weniger, in der Nationalmannschaft mehr: "Ein erfolgreiches Spiel, das lässt dich wieder lachen. Das sind Gefühle, die darf man nicht verlieren."Ob die Türken ihm die Glücksgefühle gönnen? "Sie sind spielerisch sehr gut, ballverliebt, klein und wendig", sagt Mertesacker. "Ich hab' damit kein Problem." Dazu hat er schon zu viel erlebt.------------------------------Foto: Sinn fürs Timing: Per Mertesacker, 26 Jahre, 71 Länderspiele.
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