Seine Schule, von der man keinen verlässlichen Abschluss erwarten kann, blieb das Leben. Bevor der dänische Sozialpädagoge Jesper Juul Erziehungsratgeber schrieb, in denen er einen traditionellen Autoritarismus ebenso ablehnte wie pseudodemokratische Versuche, den Kindern auf vermeintlicher Augenhöhe zu begegnen, fuhr er als Koch zur See und verdiente sein Geld als Barkeeper und Betonarbeiter.
Nach einem Geschichts- und Religionsstudium lernte er den Psychiater und Familientherapeuten Walter Kempler und den dänischen Kinderpsychiater Mogens A. Lund kennen, die seine Lehrer und Therapeuten wurden. Mit Kempler, Lund und dessen Frau Lis Keiser gründete er 1979 das Kempler Institute of Scandinavia, das Juul bis 2006 leitete und in dem sie die gemeinsam entwickelten Erziehungsgrundsätze vermittelten.
Lernen verläuft vor allem über Imitation
Mit seinem unkonventionellen Ansatz argumentierte Juul vor allem geben verbale Strategien, in denen bevorzugt auf Ermahnungen, Anweisungen und Erklärungen gesetzt wird. In seinen Büchern „Die kompetente Familie“ und „Dein kompetentes Kind“ widmete sich Juul vor allem den unterschätzten sozialen Fähigkeiten des Kindes. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen stand der Gedanke, dass Lernen vor allem über Imitation verläuft. Umso wichtiger war ihm wechselseitiger Respekt, mit dem Familienmitglieder einander begegnen sollten.
Jesper Juul prägte in diesem Zusammenhang den Neologismus Gleichwürdigkeit (dänisch: ligeværdighed), mit dem er auch gegen beliebig-liberale Erziehungsmethoden argumentierte. Am Donnerstag ist Jesper Juul nach langer schwerer Krankheit im Alter von 71 Jahren in seinem Haus bei Aarhus in Dänemark gestorben.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de