Fast zehn Jahre musste Troja belagert werden, bis Brad Pitt die entscheidende Wende erzwingen konnte. Ähnlich schleppend vollzieht sich derzeit der Krieg um die Wohnung. Genauer: der Krieg der Geräte um die Vorherrschaft im Wohnzimmer und um die Position des Fernsehers als Haupteinfallstor der Mediennutzung. Lange Zeit schien diese zentrale Bastion im Kampf um Aufmerksamkeit uneinnehmbar. Das hatte mit den wohl geordneten Nachschubwegen zu tun: Wasser kam aus der Leitung, Strom aus der Steckdose, Telefon aus der Telefonleitung, Fernsehen aus der Antennensteckdose - und die befand sich nun mal meist im Wohnzimmer. Erst in letzter Zeit kriechen die Medien durch alle Öffnungen in die Wohnung: Das Internet kommt aus der Steckdose, Daten per UMTS aus der Luft, Bluetooth und WiFi sorgen für die Mobilmachung. Schon stehen die PC-Hersteller mit neuen, hochgerüsteten Geschwadern von kleineren und nicht mehr ganz so hässlichen Geräten an der Schwelle des Arbeitszimmers, das sie im letzten Jahrzehnt zur gut abgesicherten Rückzugsbasis ausbauen konnten. "Schlacht ums Wohnzimmer" und "Computerbranche will Wohnzimmer mit digitaler Technik erobern" lauteten die Schlagzeilen zur letzten CeBIT. Und Bill Gates ist sich sicher, der Personal Computer werde in Kürze zur "Schaltzentrale multimedialer Unterhaltung" werden.Die mauen Absatzzahlen sprechen dafür, dass dieser Angriff fürs Erste pariert wird. Offenbar sind die Konsumenten wenig erpicht darauf, dass demnächst auch der Fernseher abstürzen könnte. Historisch gesehen ist die viel beschworene "Konvergenz", die Verschmelzung mehrerer Geräte zu einem einzigen, nur in bescheidenster Form begrüßt worden. Wo bloß eine Funktion vorhanden ist, kann auch nur eine kaputtgehen, vergleiche etwa die geringe Zahl von Amphibienfahrzeugen. Zum Totschlagargument wird dieser Einwand bei Komponenten, die divergierende Halbwertzeiten aufweisen, so beim "intelligenten Haus", wo Technik mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von kaum zehn Jahren mit einer Immobilie verschmolzen wird, deren Abschreibungszeitraum gesetzliche 50 Jahre beträgt. Auch die "intelligente Kleidung" scheitert aus ähnlichen Gründen.Schwerer wiegt, dass die Attacke als Frontalangriff geführt wurde und das Gros der Kombattanten eine entscheidende Finte nicht begriffen hatte: die Strategie der indirekten Annäherung, das napoleonische man uvre sur les derrières. Dabei könnten die Computerbauer aus ihrer Historie lernen, dass der Weg zu den entscheidenden Positionen der Wohnung durchs Kinderzimmer führt. Der Vormarsch des PCs im privaten Raum wäre nicht denkbar gewesen, hätten nicht zuvor Commodore und Amiga den Brückenkopf im Kinderzimmer erobert. Spät hat Microsoft mit seiner internetfähigen X-Box sich dieser Strategie besonnen. Nächster aussichtsreicher Kandidat ist Sony, der seine PlayStation 2 ab Sommer über eine Breitbandplattform zur Videoabspielstation und zum "TV-basierten Breitbandkommunikator" aufrüsten will. Mittels der EyeToy genannten Sony-Variante der Webcam soll so endlich die Videotelefonie Einzug halten. Damit könnte das Kinderzimmer endgültig zur Schaltzentrale multimedialer Unterhaltung werden. Abgeschlagen scheinen hingegen die anderen Schauplätze: Nur letzte, versprengte Trupps einsamer Väter müssen ihren wenig familien- und trendkompatiblen Hobbys (Amateurfunk, Modelleisenbahnbau) auf unattraktiven Außenposten im Keller nachgehen. Noch nie hat vom Keller ein Weg ins Herz der Wohnung geführt, umgekehrt sind es die absteigenden Techniken des Kinderzimmers, die auf dieses Abstellgleis geraten. Als Sackgasse hat sich auch das Bad erwiesen: zwar gelingt es immer wieder abgewirtschafteten Zweit- und Drittgeräten, das geflieste Terrain nahezu unbemerkt einzunehmen, allein, das feuchte Klima hat früher oder später noch jede Besatzungsmacht zermürbt. Einzig der Küche, die dem US-Kolumnisten David Brooks zufolge ohnehin das neue Wohnzimmer ist, werden noch Außenseiterchancen eingeräumt. Allerdings wird der Weg bei aller Liebe nicht durch den "intelligenten Kühlschrank" führen. Begründung siehe oben.Die Kolumne erscheint ab sofort regelmäßig am Ende des Monats.
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