Die letzten Tage Jugoslawiens waren blutig, der Zerfall des Vielvölkerstaats hat zwischen den Völkern des Balkans Wunden geschlagen und Narben hinterlassen. Das Ende Jugoslawiens nahm in den frühen Morgenstunden des 4. August 1995 seinen Lauf: Die groß angelegte militärische „Operation Sturm“ begann.
Es ging um die Vorherrschaft auf dem Balkan angesichts des sich abzeichnenden Ende des Tito-Reichs. Die serbischen Milizen belagerten seit drei Jahren die Stadt Bihac in Bosnien. Wäre die Stadt gefallen, hätte Serbien langfristig den Großteil von Bosnien-Herzegowina beherrscht. Serbien kontrollierte zu diesem Zeitpunkt etwa 70 Prozent des Territoriums von Bosnien. Kurz zuvor hatte das Massaker in der einstigen UN-Schutzzone in Srebrenica die Weltöffentlichkeit schockiert.
Mit Unterstützung durch die Nato gelang der kroatischen Armee nach nur drei Tagen der militärische Durchbruch. Serbiens Einfluss in Bosnien schrumpfte auf knapp 50 Prozent. Mit der „Operation Sturm“ gelang Kroatien die fast vollständige Rückeroberung der von serbischen Milizen besetzten Gebiete Kroatiens. Das war immerhin ein Drittel des kroatischen Territoriums. Es kam, wie so oft beim Jugoslawien-Krieg, zu Umsiedelungen, ethnischen Verschiebungen und Vertreibungen.
Die „Operation Sturm“ war der Wendepunkt im Jugoslawien-Krieg. Die Brüdervölker Serben und Kroaten führten die militärische Auseinandersetzung mit großer Härte.
Warum Jugoslawien zerbrach
Noch heute ist die Sicht auf die Ereignisse der Tage nach dem 4. August sehr unterschiedlich. Die serbische Botschafterin in Berlin, Snezana Jankovic, erklärt, wie Serbien die Operation sieht: „Bei dieser Operation wurden mehr als 220.000 Serben aus ihren jahrhundertealten Heimstätten vertrieben, während die Liste der Toten und Vermissten 1872 Serben aufführt. Davon sind 1200 Zivilisten, darunter neun Kinder unter 18 Jahren sowie 908 Menschen über 60 Jahren. Über 25.000 Häuser, 78 Kirchen, 96 Museen, 920 Denkmäler, 52 Gesundheitszentren wurden zerstört.“
Jankovic weiter: „Die ‚Operation Sturm‘ ist für uns eine schreckliche Erinnerung an all Leiden des serbischen Volkes, das zu Recht als schmerzhafte Ungerechtigkeit empfindet, dass über die Verbrechen an den Serben außerhalb Serbiens fast nicht gesprochen wird. In Serbien wird der 4. August seit 2014 als Tag des Gedenkens an die Toten und Vertriebenen Serben in dieser Militäraktion begangen.“ In Kroatien dagegen ist der 5. August der „Tag des Sieges“, der als Nationalfeiertag begangen wird.
Der kroatische Botschafter in Deutschland, Gordan Bakota, erklärt: „Die Groβoffensive der kroatischen Armee- und Polizeieinheiten Sturm nimmt aus mehreren Gründen einen besonderen Platz in der jüngeren kroatischen Geschichte ein. Nicht nur als erfolgreiche Befreiungsoperation, welche wichtige Voraussetzungen für die Integrität des kroatischen Territoriums geschaffen hatte, sondern auch, das Macht-Gleichgewicht verändernd, als Militäroperation, die den entscheidenden Schlag gegen die langjährigen Eroberungskriege des Regimes von Slobodan Milosevic versetzte hatte. Gleichzeitig, gerade einmal einen Monat nach dem Völkermord in Srebrenica, hat die ‚Operation Sturm‘ dazu beigetragen, strategische Voraussetzungen für die Beendigung des Krieges in Bosnien und Herzegowina zu schaffen.“
Laut Bakota wurde mit der Operation „fast ein Fünftel des kroatischen Territoriums befreit, aus dem in den Vorjahren als Opfer serbischer Expansionen 250.000 kroatische Staatsbürger vertrieben wurden“.
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Heute bemühen sich beide Staaten um eine Aussöhnung. Botschafterin Jankovic betont den Willen der serbischen Seite. Sie sagt: „Der Aussöhnungsprozess dauert praktisch seit Anfang dieses Jahrhunderts an, ist aber leider mit zahlreichen, noch ungelösten Fragen belastet. Um alle noch offenen Fragen zu lösen und den Aussöhnungsprozess voranzutreiben, wurden die Bemühungen in den letzten Jahren verstärkt. Serbien und Kroatien haben mehrere gemeinsame Kommissionen und Arbeitsgremien gebildet, die sich aus Experten in relevanten Bereichen zusammensetzen. Wir legen besonderen Wert auf die Arbeit der Kommission für Vermisste, denn das ist vor allem eine zivilisatorische und humanitäre Frage.“
Auf kroatischer Seite verweist Botschafter Bakota auf bereits gesetzte Zeichen von beiden Seiten: „Im vergangenen Jahr nahmen Staatspräsident Zoran Milanovic und Premierminister Andrej Plenkovic am Gedenken serbischer ziviler Opfer in den Dörfern Varivode und Grubori teil. Im selben Jahr nahm der stellvertretende Premierminister Boris Milosevic, aus den Reihen der Unabhängigen Demokratischen Serbischen Partei, zuständig für Gesellschaftsfragen und Menschenrechte, hingegen als ranghoher Vertreter der serbischen nationalen Minderheit an der zentralen Gedenkfeier zum 25. Jahrestag der ‚Operation Sturm‘ teil.“
Für beide Staaten steht außer Frage, dass eine europäische Orientierung diesen Prozess unumkehrbar machen soll. Kroatien ist bereits EU-Mitglied. Serbien strebt nach der Mitgliedschaft, und Zagreb will in diesem Prozess eine konstruktive Rolle spielen. Die „aktive Unterstützung der Erweiterungspolitik ist schon jahrelang eine klare außenpolitische Priorität der Republik Kroatien“, sagt Bakota. Botschafterin Jankovic sagt, das „wichtigste außenpolitische Ziel dieser und aller serbischen Regierungen in den letzten zwanzig Jahren ist die EU-Mitgliedschaft“.
Die Botschafterin weiter: „Um dieses Ziel zu erreichen, zählt die Republik Serbien auf die Hilfe ihrer Nachbarn, der EU-Mitglieder, darunter Kroatien. Serbien ist das größte Land des Westbalkans und in diesem Sinne entscheidend für die Stabilität der gesamten Region. Es gehört geografisch, kulturell und wertemäßig zur europäischen Völkergemeinschaft. Die derzeitige Stagnation in der Erweiterungspolitik wird unsere Reformbemühungen nicht beeinträchtigen, da Serbien auf dem europäischen Weg ist.“
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Serbien sieht in der regionalen Zusammenarbeit und stärkeren Verbindungen zwischen den Regionen eine seiner Hauptprioritäten. Belgrad möchte auf diesem Weg die europäische Ausrichtung auch in anderen Ländern unterstützen. Botschafterin Jankovic: „Serbien ist einer der aktivsten Teilnehmer des ‚Berliner Prozesses‘, den wir als äußerst nützliches Format der Zusammenarbeit in der Region betrachten.“ Aus Belgrad kämen neue Initiativen und Ideen zur Stärkung der regionalen Zusammenarbeit, wie etwa die „Open Balkan“-Initiative.
Jankovic: „Es ist eine Initiative, an der derzeit drei Länder teilnehmen – Serbien, Nordmazedonien und Albanien. Wir hoffen, dass die gesamte Region, ermutigt durch die konkreten Vorteile, die sich daraus ergeben werden, ihre Bereitschaft zum Ausdruck bringt, sich ihr anzuschließen.“ Serbien will „die teilnehmenden Länder besser miteinander vernetzen, damit sie alle ihre Entwicklungskapazitäten nutzen, attraktiver für ausländische Investitionen werden und den Lebensstandard der Bürger verbessern, bzw. sich besser auf das gemeinsame Ziel – den EU-Beitritt – vorbereiten“.
Auch der kroatische Botschafter Bakota sieht eine weitergehende Perspektive für die Balkan-Staaten, wenngleich dazu Veränderungen und ein grundlegender Kulturwandel erforderlich sein könnte. Die „Unterstützung der Reformbemühungen der Westbalkanländer auf ihrem Weg in die EU“ sei einer der thematischen Schwerpunkte der ersten kroatischen EU-Ratspräsidentschaft im vorigen Jahr gewesen: „Von kroatischer Seite wird besonders auf die Bedeutung nachhaltiger Reformfortschritte bzw. des anhaltenden politischen Willens der EU-Beitrittskandidaten für die Durchführung der notwendigen Reformprozesse hingewiesen sowie auf alle Bemühungen, die zum Ausbau gegenseitigen Vertrauens und gutnachbarschaftlicher Beziehungen in Südosteuropa beitragen können.“
Dazu gehöre „selbstverständlich die äußerst wichtige Fähigkeit mit dem negativen Erbe jener Kriegspolitik umzugehen, die für die zahlreichen Verbrechen und den Tod Zehntausender Menschen sowie Vertreibung Hunderttausender im ehemaligen Jugoslawien verantwortlich ist“.
Das vollständige Interview mit der serbischen Botschafterin finden Sie hier.
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Das vollständige Interview mit dem kroatischen Botschafter finden Sie hier.
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