Sein Mal-Vokabular hätte gereicht für zwei lange Leben. Wolfgang Frankensteins Bilder waren immer Fortsetzung und Synthese früherer Arbeiten. Als alles neu begann nach dem Krieg, da war der "Halbjude", der Nazizeit und Krieg wie durch ein Wunder überlebt hatte, eine der ersten und wichtigen Abstrakten im damaligen Westberlin. Er war Mitbegründer und Motor der legendären Galerie Rosen - zusammen mit Werner Heldt, Alexander Camaro, Heinz Trökes, Hans Uhlmann, ein Ort für Kunst, in der sich die Gier nach Leben mit dem ungläubigen Gefühl, überlebt zu haben mischte.Frankensteins frühe Bilder zählen zur "Berliner Avantgarde der Trümmerjahre", spröde, splittrige, vom Kubismus und Surrealismus geprägte, doppelbödige Poesie. Ein "Selbstporträt" von 1945 belegt den Willen zu Ordnung des Bildgefüges, mit dem der Künstler das Chaos der Welt zu beherrschen sucht.Später zog den Schüler von Paul Kuhfuß und Max Kaus und den engen Freund Schmidt-Rottluffs das Gegenständliche an. Frankenstein wechselte die Himmelsrichtung, wegen einer jungen Frau und auch wegen der politischen und sozialen Ideale. Die Neugier und zugleich der Ekel vor revanchistischen Tendenzen im Westen trieben den Antifaschisten 1952 nach Ostberlin.Schon in seinen frühen abstrakten Motiven tat sich ein surreal-romantischer Kosmos auf, den ständig ein leiser Schrecken erzittern ließ. Er wurde an der Akademie der Künste bei Heinrich Ehmsen Meisterschüler. Die Utopie von einem Staat der Gleichen und Brüderlichen faszinierte ihn. Die Möglichkeit des Scheiterns war ihm bewusst. Viele spätere Bilder, in denen Mauern und Käfige zu sehen sind, verraten, wie er dieses Versagen der Kommunisten erlebte, wie er am Verrat der Ideale litt.Wolfgang Frankenstein wurde zum Maler zwischen den Systemen, die Gratwanderung bekam nicht seiner Seele, dafür aber seiner Kunst: Er malte die Welt nie, wie man sie doch so gern hätte, nämlich schön und gut. Gestern kam die Nachricht von seinem Tod, der 91-Jährige starb am 7. März im Berliner Elisabethstift. Dort sollte eigentlich die Reha-Therapie nach einem Oberschenkelhalsbruch beginnen.Etliche vielbeachtete Ausstellungen - vor sieben Jahren in Berlin, dann in Gießen und Weimar und Düsseldorf - hatten noch einmal den Bogen vom Früh-zum Spätwerk geschlagen. 800 Bilder, dazu ungezählte Zeichnungen und Grafiken zählt sein Oevre. Etliches befindet sich in Museen, allein 700 Gemälde, dazu Grafiken und Dokumente haben Familie und Freunde nun in einem Depot als Nachlass geordnet - mit dem Ziel, am 5. Mai, wenn der Maler 92 Jahre alt geworden wäre, eine kleine Gedenkfeier zu organisieren, vielleicht auch die Frage zu stellen, was aus dem großen Nachlass wird, welches Berliner Museum all die kraftvollen Werke verdiente.Es war still um diesen energetischen Maler im kunstlauten Berlin geworden. Aber was er noch bis 2003 malte und zeichnete, ist alles andere als unaktuell. Bis zuletzt lag die Herausforderung seiner Malerei in den suggestiven Farben und in der Expression. Verschlüsselt bleibt die oft wie skizzenhafte, zerfaserte, sich auflösende und in Farbflächen einmündende Kontur, die sich aber Dingfestem verweigert. Stets widersetzt sich in den Motiven etwas Sprödes dem harmonischen Klang, so leidenschaftlich wie dissonant. Diesen Maler hielt ein innerer Widerstand davon ab, sich Zeitlosem oder Beliebigem hinzugeben. Hinter der Aura stillleben-hafter Motive in kontrastierenden Farben lauert eine abgründige Unruhe, die aus der kippenden Perspektive kommt. Diese Bilder sind heiß und kalt, ihre grotesken Inhalte paradox, widersprüchlich und trotzig. "Attentat", "Kräftespiel" oder "Häusermenschen" sind Paradebeispiele: Abstraktion und Figurales verbinden sich, dieser Maler suchte nicht die Alternative, er wollte die Synthese, auch in der symbolischen Überhöhung. Alles ist zur Chiffre verkürzt, klassische Ausgewogenheit sucht man vergebens. Frankensteins unverwechselbarer Stil verband wilde Formauflösung mit der ruhigen Fläche und Exzessives oft mit tiefer Trauer.Ab 1968 leitete der Maler für 15 Jahre das Institut für Kunsterziehung der Humboldt-Universität - und er beschäftigte sich mit Wandmalerei. Inspiriert von den mexikanischen Murales wagte er sich an Fresken. Die Wände des U-Bahnhofs Magdalenenstraße mit ihren auf Meißner Kacheln gebrannten abstrakt-figurativen Szenen zur deutschen Geschichte ist ein Beispiel. Diese Arbeit realisierte Frankenstein zusammen mit seinem Schüler Hartmut Hornung.Seinem expressiven Gestus zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit gab der Maler bis ins hohe Alter immer eine eigene, eher schmerzhaft-melancholische, mystische und zweiflerische Note. Das war in ihm und das bleibt in seinen Bildern: Inmitten all der Emotionalität ist so viel Skepsis.------------------------------Foto (2): Abstraktes und Gegenständliches verband sich, symbolisch überhöht, verdichtet zur Chiffre. Wolfgang Frankenstein (1918-2010) malte spröde, splittrig, vom Kubismus und Surrealismus geprägt, so auch "Häusermenschen II" 1987.
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