BERLIN. Es ist ein außergewöhnlicher Moment im voll besetzten Saal der Bundespressekonferenz. Minutenlang haben die Fotografen den Mann vor der blauen Wand belagert. Als sie endlich den Blick freigeben auf das Podium, verkündet SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier eine ganz und gar unpolitische Nachricht: "Mir und meiner Frau geht es gut", sagt der Mann mit dem schlohweißen Haar. Erst später sieht man, dass sein Sakko etwas schlackert. Die Transplantation, berichtet der 54-Jährige, sei aus heutiger Sicht gelungen. Wahrscheinlich werde seiner Frau "die Rückkehr in ein normales Leben ermöglicht".Für einen Augenblick verstummt das unerbittliche Klackern der Kameras, und die Uhr an der Stirnseite des Saales scheint stillzustehen. Das empfindet offenbar auch Sigmar Gabriel so, der links neben dem Rekonvaleszenten sitzt. Er berichtet von einem Telefonat, das er im Beisein seiner Lebensgefährtin im August mit Steinmeier führte. Seine Partnerin habe anschließend das Gefühl gehabt, mit Steinmeier stimme etwas nicht. "Vielleicht muss man gelegentlich ein bisschen innehalten, wie wenig sensibel man im politischen Alltag ist", zeigt sich der Mann aus Goslar, der gemeinhin als Raubein gilt, nachdenklich.Zwei Monate ist es her, dass Steinmeier sich überraschend von der politischen Bühne verabschiedete, um seiner schwer erkrankten Frau Elke Büdenbender eine Niere zu spenden. Acht Wochen lang sind auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin keine Interviews, keine Fotos von ihm und keine Homestorys erschienen. Im schnelllebigen Geschäft der Tagespolitik ist das eine lange Zeit. Doch als er nun zu einem Vortrag über "Ein Jahr Schwarz-Gelb", dem eigentlichen Thema der Pressekonferenz ansetzt, fühlt man sich unwillkürlich zwölf weitere Monate zurückversetzt."Gehen Sie davon aus, dass Sigmar Gabriel und ich hier keine großen Nettigkeiten zu verteilen haben", leitet der Jurist im gewohnten Duktus seine Ausführungen ein. Dann folgen ein paar schlagwortartige Seitenhiebe gegen die Koalition. Doch wenn man die Augen schließt, hört man immer deutlicher den Vizekanzler der großen Koalition heraus, der über die "Ernsthaftigkeit eines Regierungsauftrags", über Projekte, Ideen und den "inneren Zusammenhalt" eines Bündnisses spricht."Wer das mal hinter sich hat, der weiß, dass Regieren mehr ist, als eine Koalition zusammenzuhalten", sagt Steinmeier irgendwann. Man spürt sein Befremden über die mangelnde Professionalität der aktuellen Regierung, die sich "streitet wie die Kesselflicker", und seine Enttäuschung über Kanzlerin Angela Merkel, die nun gegen Multi-Kulti mobilisiert: "Gegen wen ist das gerichtet?", fragt Steinmeier. Otto Schily als rot-grüner Innenminister könne wohl nicht gemeint sein. Steinmeier redet so ruhig und erfahren, dass man gut nachvollziehen kann, weshalb er bei Umfragen so gut abschneidet und viele Bürger ihn gerne wieder in einem Regierungsamt sähen.Gabriel hingegen ist eher auf dem Feld der Attacke zu Hause. "Erstens, zweitens, drittens" listet er die Fehler von Schwarz-Gelb auf: "Diese Regierung denkt im Wesentlichen darüber nach, welche Lobby-Interessen sie am besten bedienen kann", lästert er. Die FDP steckt er gemeinsam mit der Linkspartei in einen Sack und schilt sie "Fundamentalisten". Und nebenbei spuckt er ein Wahlkampfmotto aus, mit dem die SPD in Baden-Württemberg reüssieren könne: "Wir verstehen mehr als nur Bahnhof!"Wenn man die beiden SPD-Spitzenpolitiker beobachtet, dann möchte man Gabriels Diktum durchaus glauben: "Gemeinsam sind wir ein besseres Gespann als jeder für sich alleine." Das Problem ist bloß, dass der Karren der guten alten Sozialdemokratie derzeit trotz Rückenwind von der Regierung nicht recht vom Fleck kommt. Seit Wochen pendelt die Quote um 28Prozent, während die Grünen durch die 20-Prozent-Marke schießen.Steinmeier gesteht offen, dass die Schwäche von Schwarz-Gelb der Opposition "in unterschiedlicher Weise nützt". Seine wichtigste Aufgabe in den nächsten Wochen wird es sein, mit der Fraktion konkrete politische Vorhaben zu entwickeln, die bei der SPD einzahlen. Die Überschriften hat Gabriel schon fertig: "Die SPD ist eine Infrastrukturpartei für Soziales, Bildung, Verkehr und Versorgung", formuliert er und reklamiert den Begriff Fortschritt kurzerhand für seine Partei.Einstweilen aber stehen die Genossen vor allem unter dem Schock ihres wankenden Führungsanspruchs im linken Lager. "Wir sind kein Grünen-Bekämpfungskommando", versichert Gabriel, um wenig später unmissverständlich zu erklären: "Ich möchte nicht, dass ein grüner Ministerpräsident die Richtlinien der Politik bestimmt." Das klingt genauso wenig freundlich, wie es die Einordnung der Grünen als "Projektionsfläche" enttäuschter FDP-Wähler und der Hinweis auf das "verkürzte Verständnis" der Öko-Konkurrenz von Fortschritt sind. Immer wieder grenzt sich der Parteichef ab, und so hat er am Ende fast so viel über die Ökopartei wie über die Regierung gesprochen.Beim Herausgehen wird Steinmeier dann gefragt, ob er nicht zumindest einen freundlichen Satz über Schwarz-Gelb sagen könne. Er zögert ein paar Sekunden und sagt dann doch nur, dass er sehr enttäuscht von der Koalition sei. Der politische Alltag hat ihn wieder.------------------------------Foto: Das Gespann: Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier.
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