Der rote Johann geht: Der Choreograf Kresnik verabschiedet sich mit "Frida Kahlo" und "Picasso": Castorf allein zu Haus

Der Rang ist geschlossen, unten im Parkett der Volksbühne aber ist fast jeder Platz besetzt. Ein sehr gemischtes Publikum, Junge und Alte sind gekommen, um zum endgültig letzten Mal Johann Kresniks "Frida Kahlo" an der Volksbühne zu sehen. Morgen, am Freitag gibt es noch ein letztes Mal "Picasso", dann ist Schluss mit Kresnik in Berlin. Johann Kresniks Tanztheater wird aufgelöst. Ab der kommenden Spielzeit gibt es am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin nur noch Schauspiel.Das Geld hat nicht gereicht, deswegen sind Kresnik und seine 17 Tänzer entlassen worden. Acht Jahre war der "Tanzberserker", wie er genannt wurde, in Berlin engagiert, viel Kritik gab es in dieser Zeit, auch hausintern an der Volksbühne. Aber dass es ohne die katastrophale finanzielle Situation des Theaters zu einem solchen Schritt nie gekommen wäre, dass man Kresnik gerne hätte halten wollen, werden die Volksbühnen-Leute nicht müde zu betonen. Sie sagen, dass Frank Castorf sich als Leiter eines Betriebes, der die Volksbühne nun mal auch sei, den marktwirtschaftlichen Strukturen unterwerfen müsse, die er auf der Bühne reflektiere und anprangere. "Kleine kapitalistische Schweinerei" ist der Abschied vom Tanztheater im aktuellen Volksbühnen-Leporello überschrieben. Es werden Krokodilstränen vergossen.Dass es kein anderes Theater in Deutschland gebe, zu dem er so gut passe, hatte Johann Kresnik vor neun Jahren betont. Damals tobte in den Medien und vor allem im Berliner Senat der Kresnik-Krieg. Die Schließung des Schiller-Theaters war kurz zuvor in einer chaotisch verlaufenen Spar-Klausur beschlossen worden, und weil man nicht nur streichen, sondern wenigstens ein bisschen "neue Kunst" ermöglichen wollte, sollte Johann Kresnik, damals erfolgreicher Tanztheater-Chef in Bremen, samt Compagnie an die Spree wechseln. Damit hoffte der damalige Kultursenator Roloff-Momin sein Gesicht wahren zu können.Er würde PDS wählen, wenn er in Deutschland das Wahlrecht hätte, sagte der Österreicher Kresnik in einem Antritts-Interview der BZ. Und dass er verstehe, warum Rechtsradikale Asylantenheime anzünden. Er verstehe, warum es zu einer solchen Entwicklung gekommen sei, präzisierte er später. Wenn Kresnik die Stadt jetzt verlässt, so ist das ein Teil der Geschichte, die er hinterlässt: Er war derjenige, der 1994, vier Jahre nach der Wende, noch einmal die antikommunistischen Reflexe des alten West-Berlin mobilisierte. Eine Attacke wurde gefahren, die nicht nur ihm, sondern indirekt auch Frank Castorf galt, der ungefähr zu diesem Zeitpunkt ein großes "OST" auf das Dach der Volksbühne hieven ließ. Selbst die BZ schlug sich schließlich gegen die CDU auf die Seite der Volksbühne. Eine Senatskrise wurde mit dem Zuschlag für Kresnik beendet. Frank Castorf, sein damaliger Chefdramaturg Mathias Lilienthal und Kresnik - der Osten, hatte sich gemeinsam durchgesetzt.1989, als die Mauer fiel, probte Johann Kresnik in Bremen gerade an dem Stück "Ulrike Meinhof". Heute ist die künstlerische Aufarbeitung der RAF-Geschichte regelrecht in Mode gekommen, vor dreizehn Jahren gehörte Mut dazu, ein Stück zu entwickeln, dass - wenn auch nicht mir ihrer politischen Entwicklung - wohl aber mit den Anfängen und grundsätzlich mit der Person Ulrike Meinhofs sympathisierte. 1993, als die Verachtung der DDR-Bevölkerung als ein Volk der IM-Duckmäuser in den Medien ihren Höhepunkt erreichte, brachte Kresnik "Wendewut" heraus. "Mitläufertum ist ein Menschenrecht", sagte er. Die gnadenlose Weise in der sich ehemalige Mitläufer aus dem Westen über die Mitläufer aus dem Osten hermachen, sei moralisch verwerflich.Damals schenkte er dem verarmten Rostocker Theater das Stück "Familiendialog", seine 1980 in Heidelberg entstandene Auseinandersetzung mit dem schwelenden Altfaschismus in den bundesrepublikanischen Haushalten. Kresnik half selbst bei den Proben und bekam zum Dank einen roten Trabant geschenkt, mit dem er begeistert durch Bremen kutschierte. Es war der einzige, der in Bremen fuhr.Später wurde in Bremen ein Trabi-Club gegründet, aber da war der Trabantfahrer Kresnik längst an den Prenzlauer Berg gesiedelt, in den Osten Berlins, dem Zentrum des Geschehens, dorthin, wo er seiner Auffassung nach unbedingt hin gehörte. Vielleicht ist Johann Kresnik inzwischen einfach etwas müde geworden. Neben Pina Bausch ist Johann Kresnik der bedeutendste Erfinder des modernen Tanztheaters. Fünfmal war er insgesamt zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Von den an der Volksbühne entstandenen Arbeiten ist "Hotel Lux" (1998) die politisch wichtigste, seine Auseinandersetzung mit den stalinistischen Säuberungen der dreißiger und vierziger Jahre in der Sowjetunion, der auch viele deutsche Kommunisten zum Opfer fielen.Für dieses Stück war er nach Moskau gereist, hat mit den Kindern der Lux-Insassen geredet, deren Briefe und Bücher gelesen. Der Kresnik-Fan Rainald Goetz formulierte: "Terror, im Namen des Guten. Das Pathos von Kresniks politischer Passion, aber diesmal nicht wütend, sondern klagend, als Elegie gesungen sozusagen. Aus der Perspektive der Richtigkeit und Größe der anfänglichen Ideale, ohne aufstampfend trotzig zu sagen, aber wir müssten daran doch noch glauben können heute. Sondern einfach nur megarealistisch und traurig: so war das gewesen, das ist diese Geschichte, so ist das heute." Dass einen Kresniks in Bilder gesetzte politischen Statements (die aus ihrer Eindeutigkeit immer auch große Kraft zogen), irgendwann zu langweilen begannen, dass man das Fehlen postmodernen Ironie zwar als richtig empfinden wollte, aber gleichzeitig die Ästhetik veraltet fand . kurz gesagt, dass man mit diesem Wut-Theater immer weniger anfangen konnte, ist wohl auch wahr. "Frida Kahlo", Kresniks unpolitischstes Stück, hat sich bis heute auf dem Spielplan gehalten. 1992 wurde es in Bremen uraufgeführt, jetzt gaben es die Tänzer mit Inbrunst ein allerletztes Mal.Am Ende blinzeln sie erfreut, aber auch nachdenklich in den Zuschauersaal. Es ist ihr Abschied vom Berliner Publikum. Stehende Ovationen gibt es nicht, solch pathetische Gesten passen auch nicht recht in dieses Haus, aber es gibt begeisterten, lang anhaltenden Applaus. Einige von ihnen werden ab der Spielzeit 2004 mit Kresnik nach Bonn ziehen. Eigentlich hatte man geglaubt, dass Kresnik, der seit 32 Jahren ununterbrochen eine eigene Compag-nie geleitet hat, nun die neue Freiheit genießen wolle, dass er Regie-Aufträge nur noch nach Gusto annimmt und möglichst viel Zeit in seinem geliebten Südamerika verbringen wolle.Aber Kresnik, 62 Jahre alt, will es noch einmal wissen. Ab der Spielzeit 2004 wird er in Bonn ein neues Tanztheater aufbauen.Kresniks Produktionen an der Volksbühne // 1993: "Rosa Luxemburg" (Libretto von George Tabori) 1994: "Ernst Jünger" 1995: "Hänsel und Gretel" "Gründgens" 1996: "Pasolini" 1997: "Gastmahl der Liebe" 1998: "Hotel Lux" 1999: "Goya - der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" "Richard III" (Schauspiel) 2000: "Don Quijote" 2001: "Schöne neue Welt" 2002: "Picasso" .Foto: ARCHIE KENT "Picasso", Johann Kresniks jüngstes Stück, ist morgen zum letzten Mal zu sehen. Mit Krzysztof Raczkowski und Przemyslaw ...

BLZ
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Der Rang ist geschlossen, unten im Parkett der Volksbühne aber ist fast jeder Platz besetzt. Ein sehr gemischtes Publikum, Junge und Alte sind gekommen, um zum endgültig letzten Mal Johann Kresniks "Frida Kahlo" an der Volksbühne zu sehen. Morgen, am Freitag gibt es noch ein letztes Mal "Picasso", dann ist Schluss mit Kresnik in Berlin. Johann Kresniks Tanztheater wird aufgelöst. Ab der kommenden Spielzeit gibt es am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin nur noch Schauspiel.Das Geld hat nicht gereicht, deswegen sind Kresnik und seine 17 Tänzer entlassen worden. Acht Jahre war der "Tanzberserker", wie er genannt wurde, in Berlin engagiert, viel Kritik gab es in dieser Zeit, auch hausintern an der Volksbühne. Aber dass es ohne die katastrophale finanzielle Situation des Theaters zu einem solchen Schritt nie gekommen wäre, dass man Kresnik gerne hätte halten wollen, werden die Volksbühnen-Leute nicht müde zu betonen. Sie sagen, dass Frank Castorf sich als Leiter eines Betriebes, der die Volksbühne nun mal auch sei, den marktwirtschaftlichen Strukturen unterwerfen müsse, die er auf der Bühne reflektiere und anprangere. "Kleine kapitalistische Schweinerei" ist der Abschied vom Tanztheater im aktuellen Volksbühnen-Leporello überschrieben. Es werden Krokodilstränen vergossen.Dass es kein anderes Theater in Deutschland gebe, zu dem er so gut passe, hatte Johann Kresnik vor neun Jahren betont. Damals tobte in den Medien und vor allem im Berliner Senat der Kresnik-Krieg. Die Schließung des Schiller-Theaters war kurz zuvor in einer chaotisch verlaufenen Spar-Klausur beschlossen worden, und weil man nicht nur streichen, sondern wenigstens ein bisschen "neue Kunst" ermöglichen wollte, sollte Johann Kresnik, damals erfolgreicher Tanztheater-Chef in Bremen, samt Compagnie an die Spree wechseln. Damit hoffte der damalige Kultursenator Roloff-Momin sein Gesicht wahren zu können.Er würde PDS wählen, wenn er in Deutschland das Wahlrecht hätte, sagte der Österreicher Kresnik in einem Antritts-Interview der BZ. Und dass er verstehe, warum Rechtsradikale Asylantenheime anzünden. Er verstehe, warum es zu einer solchen Entwicklung gekommen sei, präzisierte er später. Wenn Kresnik die Stadt jetzt verlässt, so ist das ein Teil der Geschichte, die er hinterlässt: Er war derjenige, der 1994, vier Jahre nach der Wende, noch einmal die antikommunistischen Reflexe des alten West-Berlin mobilisierte. Eine Attacke wurde gefahren, die nicht nur ihm, sondern indirekt auch Frank Castorf galt, der ungefähr zu diesem Zeitpunkt ein großes "OST" auf das Dach der Volksbühne hieven ließ. Selbst die BZ schlug sich schließlich gegen die CDU auf die Seite der Volksbühne. Eine Senatskrise wurde mit dem Zuschlag für Kresnik beendet. Frank Castorf, sein damaliger Chefdramaturg Mathias Lilienthal und Kresnik - der Osten, hatte sich gemeinsam durchgesetzt.1989, als die Mauer fiel, probte Johann Kresnik in Bremen gerade an dem Stück "Ulrike Meinhof". Heute ist die künstlerische Aufarbeitung der RAF-Geschichte regelrecht in Mode gekommen, vor dreizehn Jahren gehörte Mut dazu, ein Stück zu entwickeln, dass - wenn auch nicht mir ihrer politischen Entwicklung - wohl aber mit den Anfängen und grundsätzlich mit der Person Ulrike Meinhofs sympathisierte. 1993, als die Verachtung der DDR-Bevölkerung als ein Volk der IM-Duckmäuser in den Medien ihren Höhepunkt erreichte, brachte Kresnik "Wendewut" heraus. "Mitläufertum ist ein Menschenrecht", sagte er. Die gnadenlose Weise in der sich ehemalige Mitläufer aus dem Westen über die Mitläufer aus dem Osten hermachen, sei moralisch verwerflich.Damals schenkte er dem verarmten Rostocker Theater das Stück "Familiendialog", seine 1980 in Heidelberg entstandene Auseinandersetzung mit dem schwelenden Altfaschismus in den bundesrepublikanischen Haushalten. Kresnik half selbst bei den Proben und bekam zum Dank einen roten Trabant geschenkt, mit dem er begeistert durch Bremen kutschierte. Es war der einzige, der in Bremen fuhr.Später wurde in Bremen ein Trabi-Club gegründet, aber da war der Trabantfahrer Kresnik längst an den Prenzlauer Berg gesiedelt, in den Osten Berlins, dem Zentrum des Geschehens, dorthin, wo er seiner Auffassung nach unbedingt hin gehörte. Vielleicht ist Johann Kresnik inzwischen einfach etwas müde geworden. Neben Pina Bausch ist Johann Kresnik der bedeutendste Erfinder des modernen Tanztheaters. Fünfmal war er insgesamt zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Von den an der Volksbühne entstandenen Arbeiten ist "Hotel Lux" (1998) die politisch wichtigste, seine Auseinandersetzung mit den stalinistischen Säuberungen der dreißiger und vierziger Jahre in der Sowjetunion, der auch viele deutsche Kommunisten zum Opfer fielen.Für dieses Stück war er nach Moskau gereist, hat mit den Kindern der Lux-Insassen geredet, deren Briefe und Bücher gelesen. Der Kresnik-Fan Rainald Goetz formulierte: "Terror, im Namen des Guten. Das Pathos von Kresniks politischer Passion, aber diesmal nicht wütend, sondern klagend, als Elegie gesungen sozusagen. Aus der Perspektive der Richtigkeit und Größe der anfänglichen Ideale, ohne aufstampfend trotzig zu sagen, aber wir müssten daran doch noch glauben können heute. Sondern einfach nur megarealistisch und traurig: so war das gewesen, das ist diese Geschichte, so ist das heute." Dass einen Kresniks in Bilder gesetzte politischen Statements (die aus ihrer Eindeutigkeit immer auch große Kraft zogen), irgendwann zu langweilen begannen, dass man das Fehlen postmodernen Ironie zwar als richtig empfinden wollte, aber gleichzeitig die Ästhetik veraltet fand . kurz gesagt, dass man mit diesem Wut-Theater immer weniger anfangen konnte, ist wohl auch wahr. "Frida Kahlo", Kresniks unpolitischstes Stück, hat sich bis heute auf dem Spielplan gehalten. 1992 wurde es in Bremen uraufgeführt, jetzt gaben es die Tänzer mit Inbrunst ein allerletztes Mal.Am Ende blinzeln sie erfreut, aber auch nachdenklich in den Zuschauersaal. Es ist ihr Abschied vom Berliner Publikum. Stehende Ovationen gibt es nicht, solch pathetische Gesten passen auch nicht recht in dieses Haus, aber es gibt begeisterten, lang anhaltenden Applaus. Einige von ihnen werden ab der Spielzeit 2004 mit Kresnik nach Bonn ziehen. Eigentlich hatte man geglaubt, dass Kresnik, der seit 32 Jahren ununterbrochen eine eigene Compag-nie geleitet hat, nun die neue Freiheit genießen wolle, dass er Regie-Aufträge nur noch nach Gusto annimmt und möglichst viel Zeit in seinem geliebten Südamerika verbringen wolle.Aber Kresnik, 62 Jahre alt, will es noch einmal wissen. Ab der Spielzeit 2004 wird er in Bonn ein neues Tanztheater aufbauen.Kresniks Produktionen an der Volksbühne // 1993: "Rosa Luxemburg" (Libretto von George Tabori) 1994: "Ernst Jünger" 1995: "Hänsel und Gretel" "Gründgens" 1996: "Pasolini" 1997: "Gastmahl der Liebe" 1998: "Hotel Lux" 1999: "Goya - der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" "Richard III" (Schauspiel) 2000: "Don Quijote" 2001: "Schöne neue Welt" 2002: "Picasso" .Foto: ARCHIE KENT "Picasso", Johann Kresniks jüngstes Stück, ist morgen zum letzten Mal zu sehen. Mit Krzysztof Raczkowski und Przemyslaw Kubicki

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