Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Russisch ist derzeit bei allen out – bei mir ist es in. Mein Schulrussisch erfährt geradezu eine Renaissance, der allgemeinen Russophobie zum Trotz. Denn die kollektive Ablehnung ist absurd, wie diese Geschichte hier zeigt. Seit ein paar Wochen singe ich im Chor „Бирюса“ – Birjusa, das ist ein Fluss in Russland, nordöstlich von Krasnojarsk. Konnte ich in Schule und Uni nur auswendig gelernte Floskeln über Frieden und Freundschaft herunterrasseln, so nähere ich mich heute mit jedem neuen Lied einem lebendigen Russisch.
In den Proben, die in Königs Wusterhausen südlich von Berlin stattfinden, stehen Shenja, Alena, Irina, Wolodja und Sascha neben mir. Viele sind russischsprachig und dennoch Deutsche. Ihre Familien haben Furchtbares hinter sich. Die meisten der Chormitglieder – oder ihre Vorfahren – kamen als Wolgadeutsche nach dem Fall der Mauer und dem Anschluss der DDR an die BRD nach Deutschland, in der Hoffnung auf ein besseres Morgen.
Der Birjusa-Chor
© pricat
Doch ihre Tragödien setzen sich in gewisser Weise bis heute fort: Galten die Wolgadeutschen in Russland als Deutsche und Faschisten, so sind sie heute hier Russen. Und Russen, auch wenn es sich um russischsprachige Deutsche handelt, haben es spätestens seit dem Ausbruch des Ukrainekrieges 2022 sehr schwer. Genau genommen will kaum jemand etwas mit ihnen zu tun haben.
Es gibt natürlich Ausnahmen. Im Chor singen Wolgadeutsche, Deutsche von hier, Russen und Ukrainer. Man begegnet sich sehr freundschaftlich. Es werden Lieder auf Russisch und Deutsch gesungen – die Lieder erzählen vom Leben, Lieben und Leiden – vor allem der Wolgadeutschen.
Mutig und feinsinnig: Antje Leetz erzählt von ihrer „schmerzlichen Liebe zu Russland“
Im 18. Jahrhundert folgten sie einer Einladung von Katharina der Großen, mit Sack und Pack an die Wolga zu ziehen. Wagemutige aus dem territorial zersplitterten Deutschland folgten dem Ruf der deutschstämmigen Zarin und schufen an der unteren Wolga eine neue Heimat. Über Hundert Dörfer wurden gegründet. Die fernen Steppengebiete zu besiedeln und zu kultivieren – das war nun die Aufgabe der Wolgadeutschen. Ihr Tatendrang lohnte sich – bald konnten sie ihr Getreide auch in andere Gebiete Russlands verkaufen.
Das seinerseits zeigte sich den Wolgadeutschen gegenüber zunächst dankbar und verlieh ihnen einen Sonderstatus. Sie durften Deutsch als Verwaltungssprache behalten und brauchten nicht beim Militär zu dienen. Doch die guten Zeiten gingen bald zu Ende. Kaum ein Jahrhundert nach dem Lockruf der berühmten Katharina schränkte Zar Alexander II. im Jahr 1871 deren Rechte ein. Drei Jahre später hob er die Selbstbestimmung der Wolgadeutschen ganz und gar auf.
Wolgadeutsche in Russland, Anfang des 20. Jahrhunderts
© Everett Collection/imago
Eine lange Geschichte der Vertreibung
Mit der Gründung der Sowjetunion wurde es für die Wolgadeutschen noch schlimmer, obwohl sie 1918 nach der Oktoberrevolution in Russland politische Autonomie erlangt hatten. Wladimir Iljitsch Lenin, der politische Führer der kommunistischen Sowjetunion, nahm den Wolgadeutschen 1920/21 die gesamte Getreideernte ab. Das war nicht nur ein wirtschaftlicher Knockout für die Menschen, sondern für viele das Todesurteil, denn über sie brach eine furchtbare Hungersnot herein; Tausende Wolgadeutsche starben.
Dennoch gründeten die Wolgadeutschen 1924 – Lenin starb in diesem Jahr – die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen, die jedoch 1941 wieder aufgelöst wurde. In jenem Jahr griff Adolf Hitler mit der Wehrmacht die Sowjetunion an. Der Oberste Sowjet der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) beschloss unter Federführung von Josef Stalin aus Rache die Vertreibung – offiziell „Umsiedlung“ genannt – der Wolgadeutschen. Sie wurden der kollektiven Kollaboration mit den Deutschen beschuldigt und nach Sibirien sowie Zentralasien deportiert. Wieder starben Tausende – die menschlichen Tragödien, die sich hinter diesen Fakten verbergen, sind nicht vorstellbar. In Deutschland kennt sie kaum jemand. Doch die Eltern und Großeltern meiner Chorsängerinnen und -sänger haben all das erlebt.
Werden Russen in Berlin diskriminiert?
Sollten deutsche Künstler in Russland noch auftreten? Eine Reportage
Erst mit dem Ende der Ära Chruschtschow wurden die Wolgadeutschen im Jahr 1964 vom Vorwurf der kollektiven Kollaboration – wenn auch halbherzig – frei gesprochen. Das hatte zur Folge, dass sie zwar an die Wolga zurückkehren durften, jedoch nicht in die Siedlungsgebiete, aus denen sie deportiert worden waren. So gelangten einige auch in die Gegend vom Birjusa-Fluss, nachdem mein Chor benannt ist. Die BRD erlaubte seit den 1970er-Jahren mithilfe des Bundesvertriebenengesetzes die Rückkehr von Wolgadeutschen in ihre ursprüngliche Heimat. Doch erst mit dem Zerfall der Sowjetunion im Zuge der „Perestroika“ machten sich viele auf den Weg nach Deutschland.
Wolgadeutsche Aussiedler aus der Sowjetunion im Aufnahmelager Friedland, 1988
© Rainer Unkel/imago
Im Chor wird vornehmlich Russisch gesprochen. Die Älteren sprechen trotz der vielen Jahre, die sie inzwischen hier wohnen, nur gebrochen Deutsch. Es wird sich des Google-Übersetzers bedient, wenn der eigene Wortschatz nicht für das ausreicht, was man sagen möchte. Erst die dritte und vierte Generation, die Jungen, die hier in Deutschland aufgewachsen sind, sprechen ein akzentfreies Deutsch und dürfen sich als wirklich integriert betrachten. Lediglich an ihren Vornamen ist manchmal zu erkennen, welchen schweren Rucksack der Weltgeschichte sie mit sich schleppen.
Wer sich mit den Älteren unterhalten möchte, muss sein Schulrussisch aus der Schublade hervorkramen. Ich habe Russisch in der Oberschule und später beim Abitur gelernt. Auch während des Studiums in der DDR war Russisch, die Sprache der Befreier vom Faschismus, Pflichtfach. Ich konnte es an der Uni erst abwählen, als ich anfing, Bulgarisch zu lernen. Später lernte ich noch Polnisch, das ich fließend spreche.
Das Trio an slawischen Sprachen hilft mir bei der Kommunikation mit meinen neuen russischsprachigen Freunden. Die Lieder der Wolgadeutschen auf Russisch, die wir singen, lerne ich nicht nur, sondern übersetze sie mir auch. Dadurch lerne ich viele neue Worte.
Mein neues Russisch ist aber auch eine Trotzreaktion gegenüber dem gegenwärtigen Umgang mit allem, was auch nur nach Russisch „riecht“. Allein der Fakt, dass diese Menschen Deutsche sind, führt das Framing gegen sie, nur weil sie Russisch sprechen, ad absurdum. Die Vergangenheit mit den alten Traumata abschütteln, das bleibt für viele von ihnen wohl ein Traum. Sie bleiben ungeliebt – manch einer hadert mit seinem Schicksal. In einem melancholischen Lied über einen Fluss (vielleicht die Birjusa?) heißt es in der letzten Zeile „Ах, я сама, наверно, виновата, что нет любви хорошей у меня“ - „Ach, ich bin wohl selbst schuld, dass die Liebe nicht gut zu mir ist.“
Andrea-Yvonne Müller wuchs im thüringischen Gotha auf, machte ihr Abitur an der Kinder- und Jugendsportschule in Zella-Mehlis und studierte nach der Schule in Leipzig Journalistik. Sie arbeitete 34 Jahre bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung. Darüber hinaus ist sie Buchautorin und Übersetzerin aus dem Polnischen.
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de