Soziologie als Wissenschaft befindet sich in einer andauernden Verlegenheit. Ihr zentrales Thema, die Gesellschaft, bleibt unfassbar.Doch muss das noch lange kein Grund zur Entmutigung sein.Das jedenfalls ist der bleibende Eindruck des gestern in Frankfurt/Main zu Ende gegangenen Soziologentages . Denn auch wenn die Soziologie einen allgemeinen Begriff der Gesellschaft vermissen lässt und damit ihre wissenschaftliche Methodik sehr frei zu handhaben gezwungen ist, nutzt sie dieses Defizit für eine erstaunliche Vielfalt. Wohl keine andere Wissenschaft interessiert sich so sehr für alles wie die Soziologie. Kein Wunder, dass es in Frankfurt wie auf einem Basar der menschlichen Dinge zuging.Bei der Frage, was die Gesellschaft denn nun zusammenhalte, mahnte auch Hans-Georg Seifner (Konstanz) zur Vorsicht. Sie sei mitnichten jene Leitwissenschaft, als die sie sich im 19. Jahrhundert und in den 1960er Jahren noch empfahl. Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) wollte in seiner Eröffnungsrede allenfalls von einer Korrekturwissenschaft wissen, die in ihren Beobachtungen der Wirklichkeit auf Alternativen zum - mitunter sehr schlechten - Bestehenden verweise. Ansonsten gelte nach den totalitären Verlockungen, denen die deutsche Soziologie insbesondere im Nationalsozialismus erlegen ist, politische Zurückhaltung.Erwartungsgemäß ging es auf dem Soziologentag um die Geschichte der eigenen Zunft. Schließlich musste das 100-jährige Jubiläum der DGS gefeiert werden. Zahlreiche Veranstaltungen widmeten sich also den "Klassikern der Soziologie", den "Pionieren, Vorläufern und Zeitgenossen" und dann auch noch der selbstreferenziellen Frage, was einen Klassiker überhaupt zum Klassiker mache. Eigentlich aber stand das Frankfurter Zunfttreffen unter dem Motto "Transnationale Vergesellschaftungen" und hatte sich damit - auf gut soziologisch - nur unscharf auf einen bestimmten Fokus festgelegt. Vergesellschaftung, nun gut, darum geht es in der Soziologie immer, und transnational, na ja, klingt nach international und also zeitgemäß.100 Jahre SoziologieIn dieses begriffliche Umfeld passten auch Vorträge, wie die überaus anregenden Ausführungen Thomas Bohne (Gießen) zur "transmortalen Vergesellschaftung" am Beispiel des Vampirs Arnold Paolo im östlichen Habsburger Reich des frühen 18. Jahrhunderts. Es geht geschmeidig zu in der Soziologie. Die Klassenfrage ist den "komplexen Ungleichheiten" gewichen, weil, was früher als Nebenwiderspruch galt, längst zum analytischen Bestand gehört - etwa die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts oder der ethnischen Zugehörigkeit.Der Frankfurter Soziologiebasar bot von Weltklima und Riester-Rente über Facebook und Kochsendungen bis zum "Gefühlskapitalismus der Banken" alles. Die Künstlerin und Soziologin Amalia Balboa (Frankfurt) stellte uns sogar "soziologische Kunst" vor. Die Zeiten der großen Entwürfe scheint indes vorbei. Von der Klassengesellschaft war in Frankfurt kaum noch die Rede, auch die starken Thesen von der Risikogesellschaft oder Erlebnisgesellschaft suchte man vergebens. Stattdessen haben sich die Bindestrichsoziologien - heißen sie nun Religions-, Wissens-, Rechts, Arbeits-, Familien-, Marken-, Elite-, Musik-, Raum- und Zeit- und Haste-nicht-gesehen-Soziologie - als diverse Sonderunternehmen in eine kaum noch zu überblickende Vielfalt zersplittert.Pluraler dürfte kaum ein anderes Fach sein. Die Grenzen zu Marktforschung und Politikberatung sind fließend. Dennoch gibt es immer noch übergreifende Fragestellungen: Wie kommt der Soziologe eigentlich an sein empirisches Material? Natal Mangold (Mannheim) stellte ihre Erkenntnisse zu den "Antwortskalen in sozialwissenschaftlichen Umfragen" vor. Erstaunlich, aber auch ein Fragebogen will erst einmal gestaltet sein: Operiert er mit Zahlenskalen von 1 bis 6, Ja-nein-Oppositionen oder Antwortfeldern von "stimme zu" bis "lehne ab", mit vielen oder wenigen Kategorien, mit Symbolen oder Farben, Schattierungen im Layout oder gar Bildern? Und wie vermeidet man, dass Menschen in unseren Kulturkreisen zu den Antworten tendieren, die sich auf dem Zettel weiter oben und links befinden?Zahlen, Daten, Fakten: In der Anwendung entwickelte so manche Präsentation ihren ganz eigenen Charme. Hilke Beckmann (Bremen) machte sich auf die Suche nach dem "Glück der Migranten" und landete bei dem Fußballer Mesut Özil. Dabei türmte sie imposante Nummerngebirge auf, verwies auf signifikante Abweichungen (rot) und Kurvenverläufe (blau).Die Probleme von heuteDoch sind Migranten nun in der neuen Heimat glücklicher, weil es ihnen materiell bessergeht? Oder leiden sie an den ihnen weniger vertrauten Lebensverhältnissen? Antwort: Je länger sie in ihrem Zielland leben, desto bedeutender wird der soziale Vergleich in der neuen Heimat. Alles nur eine Frage der Gewöhnung. Das sagt auch der gesunde Menschenverstand. Dabei könnte gerade die Migrantenforschung vor dem Hintergrund der gegenwärtigen, fast empiriefreien, dafür aber umso ressentimentfreudigeren Diskussion einen wichtigen, zumal versachlichenden Beitrag leisten. Fremdheit als soziologisches Problem: In Frankfurt zeichnete sich zunehmendes Interesse für die "Exklusions- und Inklusionsprobleme im Migrantenkontext" ab. Und zwar in deutlicher Distanz zu den eher postkolonialistischen oder internationalistischen (marxistischen) Ansätzen; bevorzugt wurde eher das Instrumentarium der empirischen Alltagsforschung.Wer mehr sieht, hat mehr Recht - zurück in die pralle Lebenswelt! Vor allem wissen wir immer noch zu wenig über unsere Parallelgesellschaften. Mit seiner "Soziologie der Zahlen" spürte Herbert Kalthoff (Mainz) dem "Sinn des ökonomischen Rechnens" nach, so wie er sich in Befragungen von Finanzmathematikern und Fondsmanagern ermitteln ließ. In welchem Zimmer arbeitet eigentlich der Cash-Flow einer Bank? Warum vertrauen wir dem, was nur als Zahl existiert? Und was, wenn der Sinn des unternehmerischen Rechnens das Nicht-Rechnen wäre? Kalthoffs Vortrag war eine Einführung in die paradoxen Denk-, Zahlen- und Wertesysteme neoliberaler Akteursherrlichkeit.Von solcher Feldforschung wünschte man sich mehr. Denn sie macht aus der Not eine Tugend: Wenn das Problem der Unschärfe in der Soziologie daher rührt, dass sie Teil der Gesellschaft ist, die sie beschreibt, dann bleibt nur: Genau hinschauen! Ein Teil des zu beschreibenden Problems zu sein, begründet auch, warum man sich etwas schwerer mit den soziologischen Großentwürfen tun sollte.Aber keine Sorge, die werden schon wieder kommen, wenn es mit der transnationalen Vergesellschaftung durch neoliberale Regime - Staaten wie Konzerne - so weiter geht. Im Jahre 1922 stellte sich das dritte Treffen der DGS unter dieses Motto: "Das Wesen der Revolution".Mensch, ist das lange her.------------------------------Foto: Rente, Facebook und Geldsorgen: Wie kommt der Soziologe zu seinem empirischen Material? Studenten im Hörsaal der Martin-Luther-Uni (Halle-Wittenberg).
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