Der Tod seines Mädchens

Renate Rauch
4 Min

Es scheint, als gehörten sie nicht zusammen, der Junge und der Anzug. Nicht, dass der nicht passen würde, aber er sieht trotzdem unpassend aus an dem sportlichen jungen Mann, schwarz und fremd, ein Beerdigungsanzug. Das Mädchen ist seit acht Monaten tot. Der Junge hat die Vorfahrt missachtet, als er mit dem Seat über die Kreuzung fuhr. Der Mercedes kam von rechts und krachte in die Beifahrerseite des Seat. Dort saß das Mädchen, sein Mädchen. Es war 23.43 Uhr, am 1. November 2000. Sie kannten sich von der Schule, in diesem Sommer hatten sie Abitur gemacht, seit zwei Jahren waren sie ein Paar. Der Sommer war vergangen, das Leben wurde ernst. Adrian, adrett und geradlinig, hatte sich für das Lehramtsstudium Sport/Englisch eingeschrieben, er jobbte an der Rezeption eines Fitnesscenters, er machte Karate, trainierte mit Kindern und bereitete sich auf die Prüfung für den Schwarzen Gürtel vor. Dieser Tag, ein Mittwoch, war mit Materialstudien vergangen, Adrian setzte sich immer Ziele für den Tag, er lebte nach Plan. Auch für die Entspannung. Der Plan für diesen Abend war, Juliane bei ihren Eltern abzuholen und zu Burger King zu fahren, dem billigen Vergnügen im Dreieck der knappen Spaßkultur zwischen Kaulsdorf, Marzahn und Hellersdorf. Schlafen wollten dann beide bei Adrian, auch er wohnte bei den Eltern. Wir hatten am nächsten Tag noch was vor, sagt er. Am nächsten Tag war das Leben ein anderes geworden. Julianes Eltern waren schon im Bett, als Adrian kam. Hatten der Tochter vielleicht Tschüs gesagt und fahrt vorsichtig, leichthin, wie das Eltern oft tun, weil immer eine diffuse Angst da ist, der aber Besitzergreifung nicht gestattet wird. Die Eltern mochten Adrian, er war schon so was wie der Schwiegersohn. Um ein Uhr war Juliane tot. Sie starb im Krankenhaus. Adrian wurde operiert, die Milz entfernt. Seine Verletzungen sind heute ausgeheilt. Der Fahrer des Mercedes, der in den Seat krachte, in die Beifahrerseite, auf der das Mädchen saß, war nur gering verletzt. Er sei aber immer noch im Schock, sagt er. Es war wie eine Bombe auf mein Auto. Er ist ein kleiner, untersetzter Mann mit grauem Bart. Ein Inder mit deutschem Pass, Textilkaufmann, ein dicker Turban krönt den Kopf. Wie ich zur Besinnung gekommen bin, hab ich das Mädchen gesehen, voll Blut. Es tut mir Leid, sagt er, schon im Gehen, ich habe auch eine Tochter.Zeuge M., Lagerarbeiter aus Altlandsberg fuhr hinter dem Mercedes und langsamer als dieser: Mir zitterten die Knie. Das hat so gekracht. Hab ich gedacht: der zehn Sekunden später, ich zehn Sekunden früher - wäre ich dran gewesen. Wäre, hätte, wie oft wird das gesagt. Biografie ist kein Spiel, es gibt sie nur einmal, ohne Wenn und Aber. Mit dem Zeugen M. war der Zufall gnädig, mit Adrian nicht. Wäre die Karate-Theorie an diesem Abend nicht ausgefallen, hätte er keine Zeit gehabt für Juliane. Wäre er schneller über die Kreuzung gebrettert, hätte er es vor dem Mercedes geschafft. Wäre der Mercedes nicht so schnell gefahren, wäre er nicht in den Seat geknallt. Aber das Mitverschulden des Mercedes-Fahrers tritt hinter Adrians Schuld zurück. Im Plädoyer des Staatsanwalts gerinnt sie zu anklagenden Wortverbindungen: Unbedachter Fahrstil. Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr. Bedenkenlosigkeit, Fahrlässigkeit, Rücksichtslosigkeit. Aber dennoch: die Schwere der Schuld und die Schwere der Folgen, das ist nicht dasselbe. Eine Sekunde Unaufmerksamkeit. Wieso, weiß Adrian nicht mehr. Sein Gedächtnis verweigert die Erinnerung. Es setzt vor Burger King aus. Nach dem Erwachsenengesetz müsste er zu Gefängnis verurteilt werden oder einer Geldstrafe. Aber: Ein besonnener Erwachsener verhält sich nicht so, sagt der Richter und urteilt nach dem Jugendgesetz, das allein der Erziehung, nicht der Bestrafung zu dienen habe: 80 Stunden gemeinnützige Arbeit, Verkehrskurs, neun Monate Führerscheinentzug. Alle sind erleichtert. Er ist doch noch jugendlich, sagt die Mutter. Er will auf zwei Beinen stehen, aber er braucht Rückhalt, sagte der Vater. Die Eltern umarmen Adrian, der kleine Bruder mit dem gegelten Haar streichelt ihm den Arm. Eine nette, adrette Familie, sie drücken dem Anwalt die Hand. Das Leben muss weitergehen, hatte der gesagt. Sein Leben muss weitergehen.

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