Der Tränen des Amerikaners Hunter Mahan sind ein Zeichen für den Beginn einer neuen Ryder-Cup-Ära

Blick ins Leere

Florian Haupt
4 Min

NEWPORT. Team USA erschien geduscht und gestriegelt zu seinem letzten Auftritt beim 38. Ryder Cup. Die Spieler trugen beige Anzüge auf blauem Polohemd, echte Gentlemen, dezent im Auftreten, so wie es ihr Sport verlangt. Allerdings ist ihr Sport ein bisschen anders, wenn sich alle zwei Jahre die Kontinente zum Ryder Cup treffen. Dann ist es auf dem Platz mit der Zurückhaltung vorbei, und dann lässt sich auch die Enttäuschung nicht mit einem Duschgang abwaschen oder unter professionellen Floskeln verstecken. Dann brechen die Gefühle so rein und hemmungslos durch wie bei Hunter Mahan.Der 28-jährige Kalifornier, rotblonde Haare, breites Grinsen, immer die Sonnenbrille auf der Kappe, gilt eigentlich als Sonnyboy. Vor zwei Jahren beim amerikanischen Sieg in Kentucky hatte er kein Match verloren, er hatte sich nervenstark gezeigt und deshalb eingewilligt, dieses Mal die schwierigste Position zu bekleiden und im letzten Ryder-Cup-Einzel auf den Platz zu gehen. Wenn der Stand so knapp ist wie dieses Mal in Celtic Manor, hängt plötzlich der Erfolg des ganzen Teams an einem Schläger. Auf einmal kondensieren sich 24 Matches, vier Tage, unzählige Emotionen, auf einmal gibt es nur noch dieses eine Spiel. Bernhard Langer hat 1991 in ähnlicher Lage einen Putt vergeben, er bezeichnet das bis heute als schlimmsten Moment seiner Karriere. Auch Hunter Mahan werden die Bilder von Loch 17 ein Leben lang verfolgen. Wie sein System komplett abstützte. Wie er statt dem Ball den Boden traf. Amerika verlor um einen halben Punkt.Später war er deshalb natürlich der gefragte Mann, doch schnell wurde klar, dass Hunter Mahan nichts würde sagen können. Beim ersten Versuch schaffte er anderthalb Sätze, bevor er in Tränen ausbrach. Seine Schultern waren zu schmal, als der neben ihm sitzende Ausnahmegolfer Phil Mickelson seine kräftigen Pranken auf sie legte und Mahans Antwort zu Ende sprach. Beim zweiten Mal drehte Mickelson einfach das Mikrofon vom schluchzenden Teamkollegen weg. Als Hunter Mahan trotzdem noch einmal um eine Erklärung gebeten wurde ("war der Druck mit irgendetwas vergleichbar?"), starrte er aus seinen rot geheulten Augenschlitzen nur noch ins Leere. Wieder reagierte Mickelson väterlich-gescheit, er übernahm jetzt das Amt des Pressesprechers: "Nächste Frage bitte, vielleicht da hinten, der Kollege in Blau?"Revanche in MedinahSeine Teamkollegen ließen ihn nicht allein, das war vielleicht das Bemerkenswerteste an diesem selten brutalen Einblick in die Intensität des Ryder Cup. "Es ist schrecklich zu sehen, was Hunter durchmacht, wir müssen ihm da jetzt alle helfen", sagte Steve Stricker. Und Stewart Cink bat von sich aus um das Wort. "Wenn Sie alle Spieler in Europa und den USA fragen würden, wer gern in dieser Position auf den Platz geht, würde weniger als die Hälfte Ja sagen und weniger als zehn Prozent würden es wirklich meinen." Mahan habe es getan, für das Team, "all right?!" Alle hatten begriffen. Cinks Rede bekam Applaus.In ein paar Jahren wird man über Mahans Tränen vielleicht als einem Beginn einer Ära sprechen und über die Bekenntnisse danach als einen Schwur auf die Zukunft. Den Amerikanern ist nach zwei Rekordpleiten 2004 und 2006 (jeweils 9,5:18,5) oft vorgeworfen worden, ein Haufen von Egoisten zu sein, nicht dieselbe Leidenschaft wie die Europäer entwickeln zu können, letztlich mehr an den nächsten Scheck bei irgendeinem PGA-Turnier zu denken. Doch eine neue Generation, Spieler wie Hunter Mahan oder die starken Debütanten Jeff Overton und Rickie Fowler, haben "Charakter und Einstellung" mitgebracht, wie Phil Mickelson sagte. Das war schon 2008 sichtbar, das hat sich im Drama von Wales verstärkt. Auch Veteranen wie Mickelson sprachen nun davon, "so viel Enttäuschung wie nie" zu spüren. Jim Furyk, vorige Woche noch Gewinner von zehn Millionen Dollar für den Sieg bei den US-Playoffs, beschied: "Bei keinem anderen Turnier weine ich nach einer Niederlage". Auch er hatte rote Augen.Der Ryder Cup, vor ein paar Jahren wegen des vermeintlichen amerikanischen Desinteresses schon tot gesagt - er lebt. 2012 geht es in Medinah bei Chicago weiter, die USA werden dann ihre Wunde heilen können. Am Montagnachmittag hatte man jedenfalls den Eindruck, sie werden jeden Tag bis dahin zählen. "Wir wissen, was der Ryder Cup für uns bedeutet" sagte Furyk. "Ich bin froh, dass das jetzt vielleicht alle mitbekommen haben." Die Mitspieler applaudierten. "Und ich bin traurig, dass es auf diese Art geschehen ist."------------------------------Foto: Tränen sind immer das Ende: Routinier Phil Mickelson unterstützt seinen Teamkollegen Hunter Mahan beim Trocknen.

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