Ich hielt mich für abgebrüht. DDR-Zöllner konnten mich nicht irritieren, zu viele hatte ich kennengelernt, ungehobelte Schlafwagen-Störer, die uns im Zug Budapest-Berlin aus den Betten holten und jedes neue Buch penibel untersuchten. 1987 war ich Anfang 30, hatte Familie mit Kind in Ost-Berlin, eine Oma in West-Berlin und die sollte ich plötzlich besuchen dürfen. Zum ersten Mal in den Westen - höher fällt ein Hochgefühl selten aus. Ich ließ die Ost-West-Abschiednehmer in dem schäbigen Vorbau des Tränenpalastes hinter mir, betrat den Ausreisepavillon und das Hochgefühl wich. Es starb unter Tonnen von Unbehagen, die das Klima in der Halle vergifteten. Menschen in langen Schlangen schwiegen unruhig, unregelmäßig brummte der Türöffner, zack, knall, Tür zu, einmal war ein "Folgen Sie mir!" zu hören, der Rentner vor mir wischte sich Schweißperlen vom Nacken. Das waren also die glücklichen Menschen, die in den Westen durften. Als der Kontrolleur endlich schweigend meinen druckfrischen Pass nahm, hörte ich meinen Puls, ich, die sturzbrave Bürgerin. Sicher darf man Oma keine Rouladen in Rotweinsauce mitnehmen - solchen Unfug wollte ich nicht denken. Aber die Umgebung oder auch nur die Erzählungen darüber taten ihre Wirkung.Wie mir ging es zu Mauerzeiten Millionen Menschen am Ost-West-Grenzübergang Friedrichstraße, bekannt als Tränenpalast. Meist ist nichts passiert, außer, dass sich Gefühle von Ausgeliefertsein breitmachten. Ab sofort stehen diese hässlichen Sprelacart-Abfertigungskabinen wieder genau an ihrem alten Platz, irritierend echt. Eine davon ist original, das Haus der Geschichte Bonn hatte sie in seinem Depot aufbewahrt und präsentiert sie in der Dauerausstellung "GrenzErfahrungen. Alltag der deutschen Teilung", am Mittwochabend von Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnet.Der Tränenpalast erinnert also wieder an das, was er bis vor 21 Jahren war: Ein schwerstens bewachter Grenzübergang, den jeder ohne Auto passieren musste, der in den Westen durfte. Das waren die West-Besucher, die ihre Ost-Verwandten zurückließen, die DDR-Reisekader und die Stasi-Spione, die im Westen ihre Arbeit erledigten, die aus der DDR-Staatsbürgerschaft Entlassenen, die das Land für immer verließen, die Millionen Rentner, die reisen durften, weil ihr Land keinen Wert mehr auf ihr Bleiben legte.Natürlich kann eine Ausstellung keine Atmosphäre nachstellen, das Einschüchternde, das sich selbst auf unbescholtene Grenzgänger übertrug. Zumal, wenn sie in einem jetzt so freundlichen lichten Pavillon residiert, bei dem ja zu DDR-Zeiten die unteren Fenster abgeklebt waren und Neonlampen leuchteten. Aber es wird doch ein Eindruck vermittelt von Methoden, mit denen die DDR jeden unkontrollierten Grenzübergang verhinderte. An diesem Bahnhof vereitelte sie etliche Fluchten, nur wenige gelangen. Es gab mehrfache Kontrollen, fast jeder Koffer wurde geöffnet, in die engen, überwachten Durchgänge für Passanten trat man einzeln, Gepäck hatte kaum Platz. Dann aber kam noch eine Tür, und man war mitten in dem kafkaesken Labyrinth Bahnhof Friedrichstraße, das streng und uneinsehbar in West und Ost getrennt war. Ein vier Quadratmeter großes Modell versucht beherzt, der Verwirrung und Verbarrikadierung beizukommen, indem es Menschen im Osten, auf dem Weg in den Westen und in den Osten farblich markiert. Was dabei plötzlich klar wird: Auf dem Bahnsteig war man zwar noch im Osten, aber schon die nächste Station - Lehrter Bahnhof - lag im Westen, dort kontrollierte kein Mensch. Dies war der einzige Ort, an dem RAF-Leute mit neuer Identität ungestört in den Westen pendeln konnten.Nach dem Mauerfall ist der Tränenpalast von einem Kulturunternehmer vor dem Abriss bewahrt und unter Denkmalschutz gestellt worden, während die Stadt fast alle anderen Berliner Mauerspuren nahezu besinnungslos beseitigte. Insofern ist nun glücklicherweise ein guter Erinnerungsort gelungen (Kurator: Steffen Reiche). Streng zu tadeln ist allein der Abriss des Vorbaus - der Ort, an dem die Tränen flossen, weil nur dort die Abschiednehmer hin durften -, aber diesen Frevel verantwortet der Berliner Senat.Die Ausstellung ist nützlich und hoch informativ, zeigt Grenzpfosten, Schilder, Fotos, Ton- und Filmaufnahmen, Zeitzeugen in Videos und illustre Fundstücke in Schubladen, Schranktüren und Koffern. So eins zum Beispiel: ein Dauervisum für einen MfS-Spion. Gekennzeichnet mit Kreuzchen, Kugelschreiberschrift und fehlender Gebührenmarke - so wusste der Kontrolleur: den Mann nicht kontrollieren. Insgesamt wirkt die Ausstellung etwas überfüllt, ja rahmensprengend, weil sie das Thema vom Kriegsende bis zum Mauerfall spannt. Man sollte seinen Rundgang rechts beginnen, sonst wird es irritierend. Aber die Absicht wird schnell klar: Der Tränenpalast ist als Anschauungsunterricht für Schulklassen gedacht, Eintritt frei. Die Historiker schlossen schon Wetten ab über künftige Sensations-Zahlen.Meine Oma brachte irgendwann keine Bücher mehr mit über die Grenze, versteh mal, Kind, das Herz, sagte sie. Richtig verstanden habe ich sie wohl erst nach meinem ersten West-Besuch. Es gab etwa 200 Tote am Grenzübergang Friedrichstraße, erklärt die Ausstellung. Nein, das waren keine Mauertoten, keine Unfälle, es fielen keine Schüsse. Die meist älteren Menschen hatten einfach diese beklemmende, oft schikanöse Art der Abfertigung nicht ausgehalten, körperlich oder psychisch, sie starben an Herzversagen, Aufregung, Erschöpfung. Obwohl sie diesen begehrten Pass in der Tasche hatten.Ab heute Di-Fr 9-19, Sa, So 10-18 Uhr, Eintritt frei. Tel. 647777911------------------------------Das ZollabfertigungsgebäudeIm September 1961 plante die Stadtverwaltung ein "Zollabfertigungsgebäude", im Sommer 1962 wurde es in Betrieb genommen.Für 750 000 Mark (DDR-Mark, Kostenvoranschlag) baute der Architekt Horst Lüderitz den 630 Quadratmeter großen lichten Pavillon, genutzt als Ausreisehalle für Besucher aus West-Berlin und der Bundesrepublik.Nicht im Tränenpalast wurden Abschieds-Tränen geweint - da kam der DDR-Bürger nicht hin -, sondern in seinem Vorbau. Der wurde für die Bauvorhaben ringsherum abgerissen.Von 1990 bis 2006 nutzte der Veranstalter Marcus Herold den Tränenpalast als Veranstaltungsort, dann wurde er dort herausgedrängt.Für 915000 Euro verkaufte der Senat das Grundstück 2006 an den Unternehmer Harm Müller-Spreer.Das Haus der Geschichte Bonn mietete 2010 das sanierte Gebäude von Müller-Spreer auf 20 Jahre für 239400 Euro jährlich (Kaltmiete) zurück, investierte 500 000 Euro in den Innenausbau und richtete für 880 000 Euro die Dauerausstellung "GrenzErfahrungen. Alltag der deutschen Teilung" ein.------------------------------Foto: Ausgeliefert, klein, von oben im Spiegel beobachtet: Die Grenzabfertigung.
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