Als Volker Braun im Oktober 1989 gefragt wurde, ob er glaube, dass die Wende die Gewähr für eine bessere Zukunft biete, sagte er: „Es war einmal ein geschichtlicher Augenblick, der fast eine Gewähr bot: der Prager Frühling 1968. Was für eine ideale, sozialistische Erneuerung, verglichen mit den polnischen und ungarischen Reformen! Das Volk und die Partei verbunden: welch unwiederbringlicher Moment. Jetzt leckt man sich die Finger danach. So einfach ist der Sozialismus nicht mehr zu haben.“ Es waren tschechische Intellektuelle, die diesen fast perfekten Moment möglich gemacht hatten.
Die Vordenker des Reformpolitikers Alexandr Dubcek hatten sich in die marxistische Theorie eingearbeitet, auf der Suche nach dem guten Kern. Als sie fündig wurden, kamen die sowjetischen Panzer und walzten die Tschechen nieder: Die Intellektuellen waren nämlich zu der Erkenntnis gelangt, dass der Sozialismus gelingen könne, wenn das System mit maximaler Freiheit geflutet würde. Die Sowjets sahen sich jedoch vom tschechischen Sonderweg, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu schaffen“, maximal provoziert.
Der Historiker Michal Reiman, einer der jungen Vordenker des Prager Frühlings, sagte später in einem Interview, die Hardliner fragten empört, ob denn ihr Sozialismus etwa ein unmenschliches Gesicht habe. Reiman musste später am eigenen Leib erfahren, wie brutal das System zurückschlägt: Er hatte seine kritische Betrachtung der Oktober-Revolution in der Zeitung der italienischen Kommunisten, der Rinascita, veröffentlicht. Er wurde von der Partei vorgeladen. Die Kommissare warfen ihm vor, einer der „führenden Ideologen der Rechten“ zu sein. Als er Beweise für diese Anschuldigung verlangte, wurde er gefragt, wie er zum Einmarsch der Sowjets stand. Er antwortete, der Einmarsch sei aus seiner Sicht ganz und gar unnötig gewesen. Kurz darauf erhielt er eine Mitteilung der Partei, in der es hieß: „Michal Reiman – einer der führenden Ideologen der Rechten – wird jegliche Arbeit in seinem Beruf verboten, nur körperliche Arbeit ist zugelassen.“ Reiman musste die Tschechoslowakei verlassen, die Staatsbürgerschaft wurde ihm entzogen. Er emigrierte nach Deutschland, zuerst nach Tübingen, dann nach Berlin, wo er an der Freien Universität unterrichtete.
Wolfgang Eichwede, einer der führenden Osteuropa-Forscher Deutschlands sagt: „Reiman fühlte sich eng mit der sozialistischen Idee verbunden und wurde von der sozialistischen Realität abgestoßen.“ Er sah sich noch lange als Sozialist, erst viel später nannte er sich „links-liberal“, wegen der Freiheit. Er litt sein Leben lang unter Heimweh, konnte erst 1989 zurückkehren. Neben Prag blieb Berlin sein Lebensmittelpunkt, auch das war keine einfache Sache: Seine jüdische Familie hatte aus der Tschechoslowakei vor den Nationalsozialisten fliehen müssen. Der Vater ging nach London. Den 1930 geborenen Reiman nahm seine Mutter mit nach Moskau. Er blieb den Russen zeitlebens dankbar für die Rettung vor den Deutschen, auch wenn er mit der Entwicklung Russlands haderte: Ein bedeutender Teil seiner wissenschaftlichen Arbeit ist der Stalinismus, den Reiman als „Konterrevolution“ einstufte. Er setzte große Hoffnung in Michail Gorbatschow, sah die Jelzin-Jahre als Katastrophe: Auf „diesen wilden, korrupten Kapitalismus würde man keine Demokratie aufbauen können“, sagte er laut Eichwede schon sehr früh.
Michal Reiman war trotz all der Brüche und erzwungenen Neuanfänge ein heiterer Mann. Er ist am 10. März in Berlin gestorben. Im Nachruf der Prager Karls-Universität heißt es: „Wir wünschen Ihnen, Herr Professor, dass Sie in den himmlischen Archiven finden, was Sie in den irdischen nicht gefunden haben, und wir bedauern, dass Sie uns nicht darüber schreiben können.“
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de