Der Traumtänzer

Renate Rauch
4 Min

Immer noch besser, gegen Papierkörbe und Laternenpfähle zu treten als gegen Menschen. Gleichwohl tritt man auch nicht gegen Mülleimer, die muss die Gesellschaft bezahlen! Die Richterin ist milde gestimmt. Karl-Fritz ist krank. Ein schmales, nervöses Bürschchen mit kindlich gestriegeltem Haar und eloquenter Ausdrucksweise. Er kann seine Krankheit benennen: paranoide halluzinatorische Psychose. Nein, er nimmt keine Medikamente, der Doktor hat festgestellt, dass ich das nicht brauche. Wie oft er den Arzt denn sehe? Einmal im Monat, unregelmäßig, weil der Doktor ja auch mal in Urlaub geht. In der Verhandlungspause berichtet Karl-Fritz, er habe Bewährung. Raubüberfall mit Waffe, sagt er sachlich. Ob es stimmt, weiß man nicht. Karl-Fritz hat seine eigene Sicht auf die Dinge. Er redet viel und schnell und in Bruchstücken, als hüpfe er von einer Erinnerungsinsel zur nächsten.Die Richterin ist behutsam mit dem 22-Jährigen, der nachts nach der Disko am Potsdamer Platz einen der orangefarbenen Einheitspapierkörbe zertrümmerte. Sie fragt nicht, was er sich dabei gedacht hat, weil man in der Regel nicht denkt, wenn man so seine Wut artikuliert. Sie fragt wie eine Therapeutin. Wie er sich gefühlt habe in diesem Moment.Eigentlich gut, sagt Karl-Fritz, weil, ich hab die ganze Zeit getanzt, ich wollte jemanden kennen lernen, ich war fast der einzige Tänzer. Ich hatte viel Hochprozentiges getrunken, halbe Flasche Wodka von Aldi und Bier. Nachher, die Polizisten, ich dachte, dass die mich abziehen wollten, die sagten, Handy her und waren aggressiv, nicht viel älter als ich und in Zivil. Aber dann hab ich die vollgelabert von meiner Familie und dass ich auch Polizist werden wollte.Die Schule mache ich gar nicht mehr. Hätte ich vielleicht geschafft, aber jetzt bin ich zu alt, ist zu schwer. Ich bin erst seit drei Monaten beim Sozialamt komplett. Jetzt bin ich beim Jobcenter. Hatte schon einen Job, den hab ich aufgehört. Jetzt krieg ich noch einen. Dann eine Ausbildung, Einzelhandelskaufmann. Ist aber unwahrscheinlich.Therapie hat erst nicht geklappt, wegen Kostenübernahme. Dann war ich ein Jahr in einer Kleinstadt, eineinhalb Stunden von Berlin, eine Art Villa, ein Gutshaus, finanziert von einem ziemlich Reichen, das war sei Hobby. Da konnte man mit Doppeldiagnose hin, Psychose und Drogen. Sobald ich in Berlin war, hatte ich einen Arzt. Das war Auflage. Die Neuroleptika waren ein Test. Der Gerichtspsychiater wollte das. Ich glaube, zur Sicherheit. Vielleicht hatte er Angst, dass ich Leute angreife. Ich wurde dann auffällig. Sie sind mir nicht bekommen.Knapp vor einem Jahr habe ich wieder mit Drogen angefangen. Cannabis, Speed, Ecstasy. Ist das schlecht für mich, wenn ich das hier sage? Und Alk. Jetzt habe ich aufgehört zu trinken. Ich weiß nicht, die 14-jährigen Mädchen trinken alle Wodka und feiern jeden Tag. Die werden aggressiv. Dann geh ich nach Hause.Diese Sachen sind alle persönlichkeitsverändernd. Ich hab einen Freund angegriffen. Mir wurde gesagt, die Jungs trinken nicht gern mit mir, weil ich aggressiv war. Sie sind alle jünger. Die alten Kumpels sind nicht mehr. Einer studiert, einer ist Koch, die haben Geld und Führerschein. Ich hab kein Geld und Führerschein.Ich habe keine Wahnvorstellungen, Stimmenhören hatte ich nie. Ich hatte Paranoia, dachte, ich werde verfolgt. Dass mich jemand fixiert in der U-Bahn, nach Ecstasy. Vielleicht lass ich das lieber weg bei meiner Grunderkrankung. Ich hab dann kein Marihuana mehr gekauft. Vorher immer ein Gramm zu zehn Euro. Hab dann nur noch bei anderen gezogen.Aus dem unterstützten Programm für psychisch Erkrankte bin ich raus. Bin aus der Wohnung rausgeflogen. Falsche Freunde, Drogen. Die waren aber nicht die schlimmsten. Die wollten, dass ich rausfliege, die sind jeden Tag gekommen, haben im Treppenhaus gesprüht. Es ist meine Aufgabe, solche Leute von mir fern zu halten.Ich wohne jetzt im Heim für Verbrecher und Penner. Ich hab das Glück, dass ich auf meiner Etage saubere Leute habe. Da ist auch einer aus guter Familie. Ich habe heute einen Vorstellungstermin. Ich verkehre eigentlich nur mit Leuten, die rauchen. Ich bin da stark. Ich hab alles, was man unter Alkohol erfahren kann, erfahren. Man ist am nächsten Tag so ausgelaugt, hat Scheiße gequatscht, dummes Zeug. Ich hab immer gedacht, ich kann coole Mädchen kennen lernen, es hat nicht geklappt.Auch nicht in jener Diskonacht, der Tänzer blieb allein. Da hat er sich nicht mehr gut gefühlt, der Mülleimer musste büßen. Die Gesellschaft zahlt für einen neuen. Karl-Fritz muss 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Dann stellt die Richterin das Verfahren ein.

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