Nur bei einfachen Sachen sollte man bewusst nachdenken. Sobald es etwas komplexer wird, sollte man den Verstand möglichst abschalten und das Denken dem Unbewussten überlassen." Kühne Sätze, die wir da lesen. Und das, wird betont, sei "jetzt nicht als Provokation gemeint".Der Wissenschaftsjournalist Bas Kast ist um die Welt gereist mit der Frage, "wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft". Er hat Psychologen, Neurologen und Hirnforschern von Amsterdam bis Sydney besucht; davon und von ihren Forschungen berichtet er in einem unterhaltsamen Text. Von "Bauch" ist dabei freilich nie die Rede. Alles dreht sich um den Kopf respektive das Gehirn, um "bites" und Informationsverarbeitung. "Bauch" steht für Gefühle, Intuition und das Unbewusste.Intuition etwa meint die Impulse zu spontanem Entscheiden statt explizitem Abwägen von Vor- und Nachteilen. Mit Intuitionen lägen wir oft richtiger als mit langem Grübeln. Spontanentscheider zeigten sich in Experimenten langfristig zufriedener mit ihrer Wahl als Grübler. Das erklärt sich nach Bast damit, dass wir bewusst nur eine begrenzte Menge von Informationen verarbeiten können - unbewusst jedoch viel mehr; zwar weniger präzise, aber auf jeden Fall schneller. Sein Rat geht so weit, nicht nur die Schnelligkeit des Unbewussten zu nutzen, sondern auch dessen größere Kapazität: Es kann sich lohnen, über die Wahl der Wohnung mindestens eine Nacht zu schlafen, ohne daran zu denken.Insofern also: Verstand abschalten. Aber nicht ganz! Natürlich muss man bewusst nachdenken, schiebt Bast nach, um die relevanten Informationen überhaupt zu sammeln, die für die Entscheidung wichtig sein können. So gesehen erinnert der Ratgeber Kast an den Philosophen Hume: Der Verstand als Diener der Leidenschaften.Obwohl also diese Thesen durchaus Vorläufer in der Philosophie und in Sprichwörtern haben, so ist doch gerade jetzt eine "emotionale Wende" in der Geistesgeschichte zu konstatieren, schreibt Kast. Denn neu sei, dass die "Ratio" selbst für sie eintrete - womit er die Naturwissenschaftler meint. Aber sagt das nicht vor allem etwas darüber, wen wir heute als Wissensautoritäten anerkennen?So oder so fragt sich, ob die Wissenschaftler mit ihrer Erkenntnis nicht an dem Ast sägen, auf dem sie selbst sitzen. Aber keine Sorge: Intuition und Unbewusstes helfen in erster Linie bei Geschmacksurteilen oder persönlichen Vorlieben, beim Ikea-Einkauf oder der Partnerwahl. Anders sieht es mit Entscheidungen aus - so müsste man Kasts Gedankengang ergänzen -, die für viele Menschen gelten sollen, wie im Recht. Oder mit der Ausarbeitung einer wissenschaftlichen Theorie. Für Denken in Sprache oder Denken über etwas, das sprachlich ausgedrückt werden soll, brauchen wir bewusstes Denken. Noch einmal etwas anderes ist wiederum künstlerische Kreativität - da kann, wie Bast zeigt, eine gewisse "Irrationalität" förderlich sein. Mangelnde Ausrichtung auf das Ziel eines Prozesses hält offen für Ungewöhnliches, und Mikro-Manien und -Depressionen machen unbewusste Assoziationen zugänglich.Empfohlen sei das Buch jedenfalls all jenen, die darunter leiden, dass sie jede ihrer Entscheidungen meinen ausführlich begründen zu müssen.------------------------------Foto: Bas Kast: Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft. Die Kraft der Intuition. S.Fischer, Frankfurt am Main 2007. 217 S., 17,90 Euro.
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