Der Wortmeister

Dem Theaterregisseur und Textforscher Peter Stein zum 80. Geburtstag

Peter Stein hat das Regie-Theater begründet und gehört heute zu seinen Verächtern.

Dirk Pilz
5 Min
Der Publikumszuspruch ist ungebrochen: Peter Stein wird am 1. Oktober 80 Jahre alt

Der Publikumszuspruch ist ungebrochen: Peter Stein wird am 1. Oktober 80 Jahre alt

© imago/GlobalImagens

Kürzlich auf einem Gartenfest in der Stadt: Wir sprechen über „Torquato Tasso“, dieses seltsame, frühe Goethe-Stück, in dem ein junger Künstler seinen Ort in höfischer Umgebung nicht finden mag.

Ja, solches geschieht mitunter: Gartengespräche über Goethe. Und dann sagt eine ältere Dame in unserer lockeren Runde: „Bremen! Peter Stein! Ach.“ Auch das geschieht immer wieder, wenn man mit den Betagteren vom Theater spricht: Sie reden von Stein mit einem Leuchten in den Augen und einer Sehnsucht in der Stimme, die keinen Einspruch dulden.

Peter Stein hat „Torquato Tasso“ 1969 in Bremen inszeniert, weit vor meiner Zeit. Aber wenn man die Dabeigewesenen erzählen hört, wenn man die Kritiken von damals liest und den Erinnerungsbüchern nachschlägt, kann es keinen Zweifel geben: Das muss eine große, umstürzlerische Inszenierung gewesen sein. Und wie heftig seinerzeit darüber gestritten wurde! Das gibt es heute allenfalls bei Regisseuren wie Vegard Vinge oder Frank Castorf.

Leiden an der Kunst

Peter Stein war damals Anfang Dreißig, seine Schauspieler Jutta Lampe, Edith Clever, Bruno Ganz waren nicht älter. Er hatte seinen Rausschmiss an den Münchner Kammerspielen hinter sich, weil er in den Aufführungen von Peter Weiss’ „Vietnam-Diskurs“ Spenden für Waffen an den Vietcong sammeln ließ.

Dem Dramaturgen Ivan Nagel verkündete er, er wolle den „Tasso“ machen; das sei ein „angemessener Stoff“ für ihn. Nagel hielt das für eine schlechte Idee; das Stück war für ihn „auf jegliche Wirklichkeit hin undurchdringlich“. Aber Stein ließ so sprechen und gehen und Augen machen, dass es laut Nagel zum „Poem über den Willen zur eigenwilligen Kunst und über das Leiden an nur gut gelittener Kunst“ wurde. Zudem ein immens politischer Abend, einer über das schwierige Glück der Erwählten, das auf dem Ausschließen aller Unglücklichen beruht.

Bezug zur Gegenwart

Der Bremer „Tasso“ gilt bis heute als eine der Geburtsstunden des Regietheaters, eines Theaters, das nicht einfach Texte aufsagen, sondern sie in die Gegenwart hineinragen lässt. Dass damals die Frage gestellt wurde, was das Theater, die Literatur, die Kunst in der Gegenwart überhaupt soll, ist dabei kein Zufall: Es ist bis heute die zentrale Theater-Frage, sie wird es auch bleiben. 

Nach dieser Inszenierung war Peter Stein berühmt. Bereits ein Jahr später wurde er, anfangs gemeinsam mit Claus Peymann, künstlerischer Leiter an der Schaubühne. Sie erfanden ein neues und heute wieder vielfach diskutiertes, mitunter neidvoll bestauntes Modell eines Kollektivtheaters: Einheitslohn, innerbetriebliche Demokratie, für alle Beschäftigten dieselben Möglichkeiten der direkten Einflussnahme auf die künstlerischen und ökonomischen Fragen. Sie mussten sich als „Kommunistentheater“ beschimpfen lassen und ließen sich nicht beirren, probten viel, lasen viel, stritten auch viel.

Vernarrt ins Genaue

Legendär sind die Schauspielerseminare von Dieter Sturm, Mitbegründer der Schaubühne, Mitglied im Stein’schen Leitungsteam. Legendär auch die so entstandenen Inszenierungen. Mit Brechts „Die Mutter“ und Therese Giehse in der Titelrolle wurde die Stein-Schaubühne eröffnet, es folgten maßstabsetzende Arbeiten, überbordend gepriesen, vielfach erinnert: Ibsens „Peer Gynt“, Tschechows „Drei Schwestern“, Gorkis „Sommergäste“ und „Groß und Klein“ von Botho Strauß, damals Dramaturg am Haus. Das müssen rebellische Zeiten gewesen sein, in dem das Theater Hochamt der politischen und künstlerischen Ansprüche gleichermaßen war.

1985 verließ Stein die Schaubühne, man warf ihn raus, so seine Lesart. Bereits zuvor hatte sich das Haus verwandelt, weil Stein sich gewandelt hatte: Er wurde immer vernarrter ins Genaue, erforschte jede Silbe, ehe er zu inszenieren begann. Es gibt wenige, die so viel und so genau über die Literatur Bescheid wissen. Er wurde zum Wortmeister, zum Texterforscher. Das entsprach seiner Theaterauffassung; mit 13 schon, so erzählt er gern, hat er seine erste Sophokles-Tragödie übersetzt, die Vorlage für seine „Orestie“ 1980 stammte selbstredend auch von ihm.

Moden in der Kunst

Man hat ihn deshalb als „Fußnotenmensch“ verspottet und sein seitheriges Literaturtheater gern altmodisch geschimpft, wie Peter Stein selten eine Gelegenheit auslässt, alle zu beschimpfen, die weniger wissen und wollen als er, Kritiker und konkurrierende Regisseure besonders.

Aber man sollte sich davon nicht blenden lassen: In seinem „preußisches Auftreten“, so sein Freund, der vor zwei Jahren verstorbene Regisseur Luc Bondy, verberge sich „eine Tiefe, eine Beobachtungsgabe und Erkenntniskraft“ und eine „hochsensible Künstlerseele – alles Eigenschaften, die in seinem Werk natürlichen Ausdruck finden“.

Peter Stein wurde in Berlin geboren, er lebt heute auf seinen Ländereien in der Nähe von Rom, hat sich dort ein eigenes Theater gebaut, produziert hervorragende Olivenöle, liest, übersetzt und inszeniert noch immer viel, Opern vor allem. Und „Monsterprojekte“, wie er sagt. 

Zweite Naivität

Es war ihm wichtig, den ganzen „Faust“ (2000) zu machen und von Schillers „Wallenstein“ (2007) keinen Vers zu streichen. Er ließ Klaus Maria Brandauer den Dorfrichter Adam in Kleists „Zerbrochnen Krug“ am Berliner Ensemble (2008) so sprechen, als stammten die alten Verse von ihm selbst, um die Regie zum Verschwinden zu bringen, um, wie Stein sagt, „zu einer neuen, künstlichen oder zweiten Naivität“ zu finden.

Das ist in der Tat aus der Mode derzeit, aber Moden gelten nicht viel in der Geschichte der Künste. Zudem: An Publikumszuspruch hat es Stein nie gefehlt. Dass das „erfolgreiche Leben von ununterbrochenen Niederlagen und Misserfolgen gekennzeichnet“ sei, wie Stein einmal sagte, stimmt zumindest in dieser Hinsicht nicht.

Stein auf der Agora

Es gibt kaum einen erfolgreicheren: Er hat das Gegenwartstheater erst möglich gemacht. Dass er dieses heute mit Schaudern und – leider auch – Hochmut verachtet, gehört zu den dialektischen Volten, die die Geschichte immer wieder gern schlägt.

Im Sommer 2009, als vor der Volksbühne eine Agora errichtet war, trat Peter Stein dort auf und hielt einen Vortrag über sein Lieblingsthema: die Tragödie. „Alles im Theater“, so verkündete er, „ist am Anfang innovatorisch und dann versteinert es.“ Auch darin hat er recht.

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