Die sozialmedial miteinander vernetzten Freunde der Volksbühne, die mehrheitlich Feinde des derzeitigen Intendanten Chris Dercon sind, zeigen sich empört. Das heißt, sie zeigen sich erst einmal vor ein Rätsel gestellt, aber dies von Anfang an mit felsenfester Empörungsbereitschaft. Für die sich dann auf jeden Fall später noch eine genaue Begründung findet.
Es geht um ein Bild, das in dem neuen Spielzeitbüchlein von der nicht mehr vorhandenen Dramaturgie (das machen jetzt die Kuratoren, Produktionsleiter oder Programmmacher mit) kommentarlos zwischen die mehr oder minder gefloppten Programmhighlights geheftet wurde. Darauf ist ein gut gefülltes Volksbühnenfoyer zu sehen. Jemand steht auf einem Podium und hält eine Rede. Die Leute hocken auf dem Fußboden, lesen, trinken Bierchen. Ein Hund steht im Gedränge.
Ein Philosoph erkennt sich wieder
Das Foto wird von besagten Freunden im Internet geteilt und mit Kommentaren versehen. Schnell wird klar, dass es ein Bild von der Besetzung der Volksbühne ist. Ein stadtbekannter Philosoph weist sogleich auf die Möglichkeit hin, dass es sich um ein Reenactment handeln könnte, bis er sich selbst im Publikum entdeckt und mithin den Beweis, dass es die echte Besetzung sein muss, denn seitdem war er „selbstverständlich“ nie mehr da.
Auch die Besetzer selbst melden sich zu Wort und entdecken auf einmal ihren Sinn für Recht und Gesetz. Sie haben eine Unterlassungsaufforderung aufgesetzt, in der sie die Rückrufung der Printexemplare und die Entfernung des Bildes fordern. Sie berufen sich lustigerweise auf ein Fotografierverbot, das das Plenum damals beschlossen habe. Dass die Rechtsgrundlage wacklig ist, ist ihnen offenbar aufgefallen, angekommen sei in der Volksbühne kein derartiges Schreiben, so deren Pressesprecher.
Abdruck genehmigt, Honorar gezahlt
Wer das Bild überhaupt gemacht habe?, bohren die Volksbühnenfreunde weiter. Könne der die Nutzung nicht untersagen? Irgendwann kommt die Schwarmintelligenz auf die Idee, im Bildverzeichnis nachzuschauen. Das Bild stammt von Roland Owsnitzki, einem verdienten Fotografen der Berliner Zeitung, den wir zur Klärung des Sachverhalts anriefen und nun bestätigen können: Abdruck genehmigt, Honorar überwiesen.
Als diese erbsenzählerischen Anwürfe aus der Welt geschafft sind, werden Moralgeschütze fetteren Kalibers aufgefahren. Man schmücke sich mit dem einzigen Moment, in dem das Foyer der Dercon-Volksbühne mal voll war. Indem sie das Foto unkommentiert abdrucke, verleibe sie sich den Protest gegen sie einfach ein: „Das ist wie im Neoliberalismus. Alles aneignen und zu veganem Hackfleisch verarbeiten.“
Es finden sich auch Stimmen, die die Selbstironie der neuen Theaterleitung würdigen. Stimmt! Gleich der erste Satz lässt einen lächeln über den sportlich sarkastischen Umgang mit einem tiefen Selbstzweifel: „Liebes Publikum“, steht da, „vor uns liegen fünf Jahre“. Wohl kaum, wenn es so weiter geht wie bisher.
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