Cem Erkisi und Seda Özdayi-Erkisi sind ein normales Berliner Paar. Darüber hinaus wird es kompliziert. Er hat kurdische Wurzeln, aber einen deutschen Pass, sie einen türkischen, hätte aber gern einen deutschen. Beide fühlen sich mit Deutschland verbunden, einem Land, das gerade dabei ist, sich selbst zu finden. Eine Begegnung
Die Nuss ist ein gutes Beispiel. Sie liegt auf einem Teller und der steht auf einem Tisch in einer Berliner Wohnung. Es ist eine Walnuss. Beim Reinbeißen macht sie glücklich. Seda Özdayi-Erkisi hat sie mit einer Schicht aus angedicktem Fruchtsaft umhüllt. Es ist ein türkisches Rezept. Aber abgewandelt. Nicht so süß wie das zuckerige Original, dicht dran an den Geschmacksvorlieben hierzulande. Eine Nuss zwischen zwei Kulturen. Ganz einfach. „Das Schwierigste war, die Walnüsse zum Trocknen auf eine Schnur aufzufädeln“, sagt Sedas Ehemann Cem.
So ähnlich könnte es doch bei den großen Dingen auch laufen in Deutschland. Zum Beispiel mit den Deutschen und den Türken: eine Verbindung zweier Kulturen, die das Gute beider Seiten vereint. Aber so einfach ist es leider nicht.
Eine schwierige Mischung
Wir befinden uns im Wohnzimmer von Cem Erkisi und Seda Özdayi-Erkisi an der Koloniestraße im Berliner Stadtbezirk Wedding. Wir haben uns mit diesem Paar verabredet, um über die Identität von Menschen zu sprechen. Die Debatten in diesem Sommer, seien es die Fußballspieler Özil und Gündogan, die Vorgänge rund um Chemnitz oder das leidige Thema Abschiebungen, haben vor allem eins gezeigt: Es ist wichtiger geworden, Menschen in Schubladen einzusortieren. Wann ist man deutsch, wer darf sich deutsch nennen und was bleibt dann noch von der eigenen Herkunft? Das ist kompliziert.
Cem Erkisi und Seda Özdayi-Erkisi sind ein deutsch-kurdisch-türkisches Paar aus Berlin. Eine schwierige Mischung also, schlagen sich doch immer wieder türkische und kurdische Nationalisten gegenseitig die Köpfe ein, auch in Deutschland. Und dabei gibt es viele Paare wie Cem und Seda. Kurdisch-türkische Paare, aber auch Menschen kurdischer oder türkischer Herkunft, die mit einem deutschen Partner oder einem aus der Türkei zusammen leben. Das ist Berliner Alltag. Aber es ist auch der Beginn existenzieller Fragen.
Emotional aufgeladene Lage im Land
Es ist nicht einfacher geworden für solche Paare, seit der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan sein Land in einen frömmelnden autoritären Staat verwandelt, mit starker Betonung des türkischen Nationalbewusstseins und einer Verfolgung Andersdenkender. Menschen mit türkischen Wurzeln werden hierzulande aufgefordert, sich von Erdogan zu distanzieren. Wenn er in der kommenden Woche Berlin besucht, muss man mit massiven Protesten rechnen. Zehn verschiedene Kundgebungen wurden bereits angemeldet. Alle gegen Erdogan. Die Polizeiführung sieht sich derartig herausgefordert, dass sogar ein Fußballspiel zwischen Hertha BSC und Bayern München verlegt werden soll.
In diesem Sommer hat auch ein ehemaliger Berliner Finanzsenator populistisch über Muslime in Deutschland geschrieben, und er kommt damit an. Ein großer Teil seiner Leser glaubt genau wie er, dass wir kurz vor einer feindlichen Übernahme des Landes durch islamische Horden stehen.
Das sind Dinge, die nur vordergründig nichts miteinander zu tun haben. In Wirklichkeit sind sie Ausdruck der emotional aufgeladenen Lage im Land. Und als deutsch-türkisch-kurdisches Paar? Bietet ein Land in einem solchen Zustand genug Raum für eine eigene Zukunft?
Cem Erkisi lächelt. „Ich finde die Diskussion, wer Deutscher ist und wer nicht, die in Deutschland gerade abläuft, sehr gut“, sagt Cem mit einer Leichtigkeit in der Stimme, die überrascht. Man fragt sich, warum er nicht beleidigt reagiert? Es schwingt doch viel Ablehnung in dieser Debatte mit, die auch ihn treffen soll. Und da überspringt er kulturelle und nationale Gräben einfach so. „Aber es ist doch gut, wenn endlich mal alles auf den Tisch kommt“, sagt er. Auch die Vorbehalte und Abgrenzungen. Die Gegensätze und unterschiedlichen Erwartungen, die an deutsche, kurdische, türkische Menschen geknüpft werden. Leicht sei ja auch das Aussprechen solcher Vorbehalte gar nicht.
Debatte um Fußballspieler spaltet türkische Gemeinschaften
Die Härte, mit der in diesem Sommer die Debatte nach den Erdogan-Fotos der Fußballnationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan geführt wurde, war erschreckend kompromisslos. Im herkunftsdeutschen Teil der Gesellschaft gipfelte sie in ultimativen Forderungen an die Fußballspieler, sich zu erklären und klar zu bekennen – entweder als Türken, dann hätten sie sofort aus der deutschen Nationalmannschaft austreten sollen, oder aber als Deutsche. Ein solches Bekenntnis hätte allerdings Reue verlangt, die Sportler hätten quasi im Kniefall um Entschuldigung bitten müssen für die Fotos.
Die Fußballspieler haben durch ihr Posieren mit dem türkischen Präsidenten etwas freigelegt, was entweder schon lange unbearbeitet vor sich hin gärt, oder aber, und das wäre die zweite Möglichkeit, das Verhältnis zwischen der herkunftsdeutschen Bevölkerung und jenen Menschen mit türkischen Bezügen hat sich eklatant verschlechtert. Vielleicht mischt sich auch beides.
Die Erwartung jedenfalls an Migranten und auch die nachfolgenden Generationen, alles Türkische abzulegen und doch bitte endlich eine vollständige Assimilation anzustreben, wurde noch nie so deutlich formuliert wie gerade jetzt. Und in türkischstämmigen Kreisen? Dort spaltet die Episode um die beiden Fußballspieler kleine Gemeinschaften in Vereinen, Gruppen und Familien immer noch weiter.
Deutscher, Kurde, irgendetwas dazwischen?
Cem und Sedas Wohnung in Wedding hat zwei Zimmer, Küche und Bad. Draußen auf den Bürgersteigen laufen Menschen herum, denen man eine türkische Herkunft ansieht. Cem ist 36 Jahre alt, Seda 33. Cem ist Erzieher in einem Kindergarten in Berlin-Neukölln. Er ist 1981 in Duisburg geboren und in Dinslaken im Ruhrgebiet aufgewachsen. Seine Eltern und Großeltern kamen Ende der 70er-Jahre nach Deutschland. Sie sind Kurden und konservierten diese Identität. Mit den Jahren sei sie ihnen sogar immer wichtiger geworden, sagt Cem. Irgendwann gingen die Großeltern in die Türkei zurück.
Für hier geborene oder sehr jung eingewanderte Kinder gibt es eine solche Eindeutigkeit nicht. Cem hat die deutsche Staatsbürgerschaft. „Als Kind habe ich mir keine Gedanken gemacht, wer ich bin. Das kam erst später“, sagt Cem. Er macht den Umbruch an einer einzelnen Begebenheit während der Schulzeit fest.
Als er 17 Jahre alt war, habe er im Unterricht auf die Frage nach einem Berufswunsch gesagt, er wolle Bundeskanzler werden, erzählt er. Ein Klassenkamerad schockierte ihn damals. „Der sagte, ,Cem, du musst in der Türkei Bundeskanzler werden’, das fand ich echt scheiße“, sagt er. Cem Erkisi versuchte dann tatsächlich erstmal, Kurde zu sein. Für eine Weile jedenfalls. „Ich habe mich gefragt, deine Kultur ist kurdisch, was macht das dann aus dir? Da gibt es ein Gefühl der Zugehörigkeit, vieles läuft ja über Kultur, Kleidung, Essen. Kurden haben auch einen Hang zur Folklore.“
Aber seine Freunde fanden, da stimme etwas nicht, er sei eindeutig Deutscher. Auch das war ja nicht falsch. Cem Erkisi hat sich seitdem immer wieder gefragt, wer er nun ist: Deutscher, Kurde, irgendetwas dazwischen, einfach nur ein Mensch? Das Thema treibt ihn immer noch um. Man spürt das im Gespräch, wenn er insistiert. Und es ist ja auch eine schwierige Frage. Manchen Menschen hier reicht es längst nicht, wenn einer einen deutschen Pass hat und sich mit dem Land verbunden fühlt. Dann sei er noch lange kein Deutscher, sagen sie.
Identitätsfragen im Alltag
Wenn es nach dem türkischen Staatspräsidenten geht, sind solche Fragen überflüssig. Assimilation sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sagte Erdogan im Jahr 2008 vor 18.000 Menschen in einer Veranstaltungsarena in Köln und er hat seine Botschaft zur Integration der türkischstämmigen Minderheit in Deutschland seitdem oft wiederholt. Diesmal soll er nach dem Willen der Bundesregierung keine Gelegenheit für den großen Auftritt bekommen. Er darf eine Moschee in Köln eröffnen. Das wird es dann sein. Zum Glück scheint auch Erdogan kein Interesse an einer weiteren Verschlechterung des Verhältnisses zu haben.
Identitätsfragen kommen im Alltag normalerweise als Geplänkel unter Freunden oder beim Bäcker vor. Ist in den türkischen Frikadellen Weizengrieß, sind sie plötzlich kurdisch. „Das Streiten um Begriffe ist ja noch in Ordnung, aber wenn daraus ein nationalistisches Narrativ wird, ist es problematisch“, sagt Cem. Mittlerweile findet er das ganze Konzept von Nationen fragwürdig. „Wenn mich einer fragt, wo ich herkomme, gehe ich in die Diskussion.“
Cem Erkisi ist es heute wichtig zu sagen, er sei Deutscher. Dann kann er sehen, wie das Gegenüber reagiert. „Ich sehe das als Lackmustest“, sagt er. Er macht einen Test mit seinem Gegenüber. Ist der andere offen für die Identitätsfrage oder nicht. Oder vielleicht noch nicht? Seda ist in Istanbul geboren und aufgewachsen. Sie ist Türkin, das ist für sie klar. Vielleicht sollte man sagen: noch.
„Die Türkei ist nicht mehr meine Heimat“
Cem und Seda haben sich in Istanbul kennengelernt, als Cem dort ein Praktikum absolvierte. 2010 haben sie geheiratet und Seda kam nach Deutschland. Sie kommt aus einer Akademikerfamilie. Fast alle Familienmitglieder wählten CHP, sagt sie. Für Seda ist das eine Partei, in der sie sich nicht wiederfindet, eine Partei, die kemalistisch, liberal aber auch nationalistisch gegen Minderheiten eingestellt sei.
In ihrer Familie wird viel diskutiert. Sie will lieber nicht sagen, wen sie wählt. Noch nimmt Seda teil an den Wahlen, interessiert sich für das, was zurzeit in der Türkei vorgeht, aber das Band wird lockerer. Gerade waren Freunde aus der Türkei da. Sie haben viel über den Alltag in der wirtschaftlich desaströsen Lage in der Türkei gesprochen, die hohen Preise für Zwiebeln und Kartoffeln, die fehlende Freiheit, sich auf der Straße so zu benehmen, wie man will. Aber sie selbst betrifft das schon nicht mehr.
„Die Türkei ist nicht mehr meine Heimat“, sagt sie. Seda ist dabei, ihr Land zu verlieren. Sie empfindet das allerdings nicht als Verlust. Das mag zum einen daran liegen, dass sie sich wohlfühlt in Deutschland, ihrem neuen Land. Es ist aber auch eine Entwicklung, die viel mit der Türkei zu tun hat. Seda schafft jetzt Fakten. Vor einem Jahr hat sie die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt, nun läuft in der Türkei ihr Antrag auf Ausbürgerung.
Zurzeit kommen viele Türken nach Deutschland, die es zu Hause nicht mehr aushalten. Die meisten sind jung und gut ausgebildet: Lehrer, Juristen, Journalisten, Menschen mit Berufsverboten. Nicht alle werden hier reibungslos an ihr altes Leben anknüpfen können. Juristen zum Beispiel. Türkisches Recht ist in Deutschland nicht anwendbar.
Seda ist schon vor vielen Jahren in Opposition zu ihrem Land gegangen. Das Nationalistische, die Gewalt gegen Minderheiten stößt sie ab. In Deutschland fühlt sie sich außerdem sicherer. „Mir wurde erst hier klar, wie bedroht ich mich in der Türkei gefühlt habe. Ich habe dort früher von der Bushaltestelle nach Hause ein Taxi genommen, weil ich Angst hatte, überfallen zu werden“, sagt sie. Mittlerweile fühlt sie sich in der Türkei grundsätzlich unwohl und angespannt – auf der Straße wie auch in Gegenwart vieler Menschen, die dort leben.
Im Kindergarten wird Identität am Essen festgemacht
Seda ist Psychologin. Sie arbeitet in einer bezirklichen Erziehungs- und Familienberatungsstelle und leitet außerdem Selbsthilfegruppen im Verein „Aufbruch Neukölln“ des Sozialarbeiters Kazim Erdogan. Die Identitätsfrage führt auch in den Gruppen dort immer wieder zu heißen Diskussionen. Nach den Erdogan-Fotos von Özil und Gündogan ist die Männergruppe in zwei Lager zerfallen, solche, die sich auf die Seite des Fußballprofis Özil schlagen und sich selbst weiter von Deutschland entfremden, und die anderen, die gerade diese Haltung schlimm finden.
Seda sagt: „Ich finde es schade, dass Menschen sich hier nicht angekommen fühlen und, obwohl sie seit 20 oder 30 Jahren hier leben, Deutschland hassen. Ich frage mich, was ist da schief gegangen. Beide Kulturen mitnehmen zu können, ist doch etwas Wunderbares.“ Viele hätten durch ihre ablehnende Haltung sogar körperliche Beschwerden, würden darauf warten, dass es Frühling wird, weil sie dann wieder in die Türkei reisen können. „Und dieses Gefühl, dieses Hier-nicht-Ankommen und die Sehnsucht nach der wahren Heimat geben sie auch ihren Kindern mit“, sagt sie.
Im Kindergarten, wo Cem arbeitet, wird Identität am Essen festgemacht. Der Kita-Träger hat zwar entschieden, kein Schweinefleisch zu servieren. Trotzdem halten manche Eltern, die sich an konservativen islamischen Glaubensregeln orientieren, ihre Kinder an, in der Kita lieber gar nichts zu essen. Seit vier oder fünf Jahren würden solche ablehnenden Haltungen zunehmen, sagt Cem.
Ordnung und Freiheit
Vier- oder fünfjährige Kinder behaupten in seinem Kindergarten von sich selbst, Türke zu sein. „Ich muss die Kinder immer wieder erinnern, dass sie Deutsche sind. Sie sagen, nein, ich bin türkisch, ich bin albanisch, ich bin arabisch. Ich sage dann, ja, aber ihr seid auch Berliner und auch Deutsche. Ich versuche es über dieses ’auch’, aber es ist, wie gegen Windmühlenflügel anzukämpfen“, sagt Cem. Er kann aber auch nur schwer ertragen, dass im Berliner Bildungsprogramm Menschen wie er selbst, die Cem heißen, aber Deutsche sind, überhaupt nicht vorkommen. Auf diese Weise blieben die Kinder ja auch für die Erzieher immer nur weiter Ausländerkinder.
Eine Studie zur kollektiven Identität türkischer Migranten, die die Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht hat, förderte bereits im Jahr 2002 solche Probleme zutage. Man fragt sich, ob sich seitdem denn rein gar nichts verändert hat. Die Autorinnen der Studie führten 100 Interviews mit türkischen Migranten der ersten und zweiten Generation. Ein Drittel hatte die deutsche Staatsbürgerschaft. Einige wenige lehnten die Bezeichnungen Türke, Deutsch-Türke oder Deutscher ab. Sie wollten nur als Menschen gesehen werden, andere sahen sich in erster Linie als Muslime. Die meisten aber, rund 45 Prozent, bezeichneten sich als Türken, etwa 30 Prozent sahen sich immerhin als Deutsch-Türken. Nur zwei der Interviewten sahen sich als Deutsche.
Aus dem Bezug auf die Herkunft ergab sich für die Befragten allerdings kein grundsätzlicher Widerspruch zu einer positiven Orientierung auf die deutsche Gesellschaft. Sie äußerten sich dankbar für Ordnung und Verlässlichkeit sowie Freiheitsrechte und wiesen auf die große Bedeutung hin, die Deutschland und das Leben hier für sie habe. Wenn sie gefragt wurden, ob und warum sie stolz seien Türken zu sein, schienen viele keine nationalistische Gesinnung ausdrücken zu wollen, sondern eher die eigene Herkunft betonen zu wollen in Abwehr gegenüber fremdenfeindlichen Haltungen oder überzogenen Assimilationszumutungen in der deutschen Gesellschaft, so die Autoren dieser Erhebung. Die Migranten der zweiten Generation wählten sehr viel bewusster Traditionen und Kulturelemente aus, die sie für gut hielten, und erwarteten mehr gesellschaftliche Anerkennung, als sie erlebten.
Ist also alles nur ein großes Missverständnis? Ein Kommunikationsproblem?
Erwärmende Worte von CDU-Politikern
Cem Erkisi treibt das Thema um. Er verfolgt die deutschen Debatten zum Thema Migration wie auch jene, die jetzt durch die Lage in der Türkei neu ins Land getragen werden. Die neue Situation, in der Deutschland zum Zufluchtsort für viele Türken wird, die sich in der Türkei politischer Verfolgung oder Berufsverboten ausgesetzt sehen, sieht er kritisch. Cem bezeichnet die Neuankommenden als Erdogan-kritische Diaspora-Türken, die hier in deutschen Medien für eine demokratische Türkei kämpfen. „Ich kann das verstehen, es ist ihr Land, aber es ist auch eine schwierige Haltung. Sie sehen sich weiter als Türken, glauben, sie sind nur vorübergehend hier, beschweren sich aber gleichzeitig, dass sie nicht als Deutsche akzeptiert werden“, sagt Cem. Das eine bedinge aber doch das andere.
Cem ist Mitglied der CDU und engagiert sich auf Bezirksebene. Früher habe er bei linken Gruppen Mitwirkungsmöglichkeiten gesucht. Dort störte ihn jedoch, dass ständig einsortiert werde, wer rassistisch ist und wer nicht. Bei der CDU hat er außerdem anders als bei linken Parteien eine klare Aussage gefunden, wer eigentlich Deutscher ist, nämlich jeder mit einem deutschen Pass. „Ich finde es total toll, dass in Deutschland plötzlich diskutiert wird, was eigentlich ein Deutscher ist. Ein Nazi ist es nicht, sagt die CDU, wenn er gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung und unsere Werte steht. Er ist weniger deutsch als derjenige, der einen Migrationshintergrund hat, aber das Land liebt und bereit ist, hier zu arbeiten. Das sind Worte von Politikern einer konservativen Partei. Das ist erwärmend. Mir gefällt auch immer besser, dass man offensiv einfordern kann, als Deutscher akzeptiert zu werden. Nee, ich habe einen deutschen Pass, ich bin deutsch, darüber diskutiere ich gar nicht mehr“, sagt er.
Die Regierungsparteien erfinden das Einwanderungsgesetz mal wieder neu
Ihren Urlaub haben die beiden in diesem Jahr in Bayern verbracht. Gewöhnungsbedürftig fanden sie das ständige Läuten von Kirchenglocken. Am Sonntag seien dann auch viele Menschen zum Gottesdienst gegangen, aber andere einfach nur zum Bäcker um die Ecke. „Wir hatten nicht das Gefühl, unbedingt dazu gehören zu müssen, weil man sonst tatsächlich nicht dazu gehört“, sagt Cem. „In der Türkei, diese Befürchtung habe ich jedenfalls, wird es irgendwann soweit sein, dass jeder zum Freitagsgebet gehen muss“, sagt Seda. Als Zwang. Das gebe es in Deutschland nicht. Nicht mehr, muss man vielleicht sagen. Vor 60 oder 70 Jahren hat es einen solchen Zwang durchaus vielerorts gegeben. Den Einwand lässt Seda allerdings nicht gelten. „Aber wir haben in der Türkei auch auf eine Säkularisierung gehofft und jetzt geht es wieder in die umgekehrte Richtung“, sagt sie.
Aber auch in Deutschland sind die politischen Prozesse lang und Notwendigkeiten werden an gefühlten Krisen gemessen. Die Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichte 2002 einen ganzen Komplex zum Thema Zuwanderung. In einem Text heißt es, die Zuwanderung könne nicht mehr alleine nationalstaatlich gesteuert werden. Sie sei grenzüberschreitend und global.
Das Zuwanderungsgesetz wurde 2005 reformiert. Die Bestimmungen der Migrations- und Integrationspolitik sowie des Aufenthaltsrechts von Nichtdeutschen wurden vereinfacht und Aufenthaltstitel an den Spracherwerb geknüpft. 2018 erfinden die Regierungsparteien gerade das Einwanderungsgesetz mal wieder neu. Man hat den Eindruck, es habe bisher noch nie eins gegeben. Aber das stimmt natürlich nicht. Kriterien für die Einwanderung sollen jetzt die Qualifikation, das Alter, Sprachkenntnisse, der Nachweis eines konkreten Arbeitsplatzangebots und die Sicherung des Lebensunterhalts sein. Es geht darum, als Gesellschaft von Zuwanderung stärker als bisher zu profitieren, vor allem in Hinblick auf einen Fachkräftemangel.
Das Verhältnis verschlechtert sich
Dabei ist nichts wirklich ausdiskutiert. Laut einer Umfrage unter 2800 Türkeistämmigen in Deutschland, die das ARD-Magazin Panorama Ende vergangenen Jahres veröffentlichte, sagen 44 Prozent, Kritik am türkischen Präsidenten Erdogan sei nicht gerechtfertigt. Immerhin fühlt sich mittlerweile der Großteil der Befragten in Deutschland wohl und angekommen, doch habe sich in den letzten Jahren der Umgang zwischen Deutschen und Deutschtürken verschlechtert. Schuld seien die Regierungsstreitigkeiten und auch die Berichterstattung darüber, glaubte mehr als die Hälfte. Über 80 Prozent hatten starke Heimatgefühle für die Türkei, für Deutschland etwas weniger als die Hälfte. Das ist ja immerhin etwas.
Wenn nicht wieder einer Öl ins Feuer gießt. Ursprünglich wollte der türkische Staatspräsident auf einer Großveranstaltung in einer Eventhalle wie dem Berliner Tempodrom oder der Düsseldorfer Westfalenhalle vor Tausenden Deutschtürken sprechen. Bilder von Erdogan zujubelnden Menschen sind der deutschen Gesellschaft aber derzeit nicht vermittelbar. Die gegenseitige Entfremdung könnte sich weiter verstärken.
Und dabei kann man überall in deutschen Großstädten auf Paare wie Cem und Seda treffen, modern und aufgeschlossen, unabhängig, vorwärts blickend – Teil der Gesellschaft. Und wenn es vielleicht doch viel mehr mit einer deutschen Haltung zu tun hat, als wir uns bisher eingestehen wollen? Ein sich Abgrenzen. Eine Verweigerung der vollständigen Anerkennung.
„Es ist schon eine sehr deutsche Diskussion“, sagt Cem. Aber er findet, man soll sie einfach zulassen. „Auch die, die sagen, ich bin Türke und sonst gar nichts, stoßen damit ja eine Diskussion an“, sagt er. Und was ist mit der Frage, wer sich überhaupt Deutscher nennen darf? „Die natürlich auch“, sagt Seda. Dann füllt sie die Nüsse in eine Tüte und schenkt sie den Besuchern zum Abschied.
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