Wer in Deutschland eingebürgert werden oder eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis erhalten will, muss strenge Hürden überwinden – dazu gehört auch der Nachweis ausreichender Sprachkenntnisse. Für das „Zertifikat Integrationskurs“ müssen Bewerber einen schriftlichen Test, eine mündliche Prüfung und sogar das Verfassen eines deutschen Briefes bestehen. So sieht es das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vor und so führen Sprachschulen und Prüfinstitute diese Verfahren seit Jahren durch.
Doch nicht alle Integrationszertifikate, die in deutschen Ämtern vorgelegt werden, basieren tatsächlich auf bestandenen Prüfungen. Wie eine gemeinsame Recherche von RTL und „Stern“ nun aufgedeckt hat, floriert bundesweit ein Geschäft mit gefälschten Bescheinigungen. Für rund 1500 Euro sollen Interessenten auf Plattformen wie TikTok falsche Dokumente erwerben können – die den Weg zur Einbürgerung oder zu einer Niederlassungsbescheinigung ebnen, ohne jemals eine Prüfung absolviert zu haben.
Spur führt in die organisierte Kriminalität
Besonders brisant: Laut den Recherchen sind die Betrüger offenbar professionell organisiert, das Geschäft trägt Züge der organisierten Kriminalität. Reporterteams des „Stern“ hätten undercover versucht, an solche Bescheinigungen zu gelangen – mit Erfolg. Die deutschen Ausländerbehörden seien diesem Problem vielfach kaum gewachsen. In den meisten Bundesländern gebe es keinen Überblick über das Ausmaß der Fälschungen. Statistiken zur Zahl der Betrugsfälle fehlten nahezu vollständig.
Ein Mitarbeiter einer Ausländerbehörde in Nordrhein-Westfalen, den das Rechercheteam anonym zitierte, schildert die Misere drastisch: „Ein unerfahrener Mitarbeiter wird nicht feststellen, dass daran etwas gefälscht ist. Er hat keine Chance.“ Vor allem die notorisch überlasteten Behörden, die schon mit der alltäglichen Bearbeitung von Anträgen zu kämpfen haben, seien kaum in der Lage, verdächtige Papiere auf Echtheit zu prüfen.
Die Enthüllungen werfen ein Schlaglicht auf eine alarmierende Schwachstelle im deutschen Migrationssystem: Während Migranten, die regulär Prüfungen ablegen, teils monatelang auf ihre Termine warten müssen, reicht anderen offenbar ein Griff ins Darknet oder ein Kontakt über soziale Netzwerke, um binnen Tagen eine gültig wirkende Bescheinigung in den Händen zu halten. Die politische Reaktion auf die Enthüllungen steht noch aus. Klar ist aber: Wenn gefälschte Integrationsnachweise in großer Zahl kursieren, wird nicht nur das Vertrauen in das Einbürgerungssystem erschüttert – es öffnet auch Tür und Tor für Missbrauch durch kriminelle Strukturen.
Angela Merkel über „Wir schaffen das“: Entscheidungen haben die AfD stärker gemacht
Thomas de Maizière gesteht Fehler ein: „Waren nicht gut vorbereitet“
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de