Als Napoleon im Jahre 1809 Österreich besiegt, sich in Wien einquartiert hatte und Deutschland unter seinem Zepter hielt, beschloss ein 17-jähriger Student aus Sachsen, Napoleon zu töten.
Die jungen Menschen in Deutschland hatten es satt, von den Großmächten herumgeschoben zu werden, weil sie zu schwach waren, ihnen Paroli zu bieten. Als Napoleon eine Parade abnahm, rannte der junge Friedrich Stapß mit einem Messer auf ihn zu. Die Garde Napoleons fing ihn schnell ab. „Wenn ich Sie jetzt begnadige, wie werden Sie es mir danken?“, fragte Napoleon, worauf Stapß antwortete: „Dafür werde ich Sie nicht minder töten.“
Daraufhin ordnete Napoleon seine Hinrichtung an: „Es lebe die Freiheit! Es lebe Deutschland! Tod dem Tyrannen!“, rief Stapß den Umstehenden als letzte Worte entgegen. Man mag von Menschen wie Stapß halten, was man will. Aber sie glaubten noch an etwas und waren bereit, dafür ihr Leben zu geben. Heute ist das anders.
Frankreich: Schaubühnen-Intendant versteht die Wut auf Erben, die mit ihren Jachten protzen
Ausgerechnet im Autoland Sachsen: Applaus für die „Letzte Generation“
Die deutsche Führung hat keine Ziele mehr
Nach einer Umfrage würde jeder dritte bis vierte Deutsche im Falle eines Krieges Deutschland so schnell wie möglich verlassen, und nur jeder zehnte Deutsche würde kämpfen. Eine Nation, für die niemand kämpfen will, ist zum Scheitern verurteilt. Staaten scheitern meist nicht, weil sie besiegt werden, sondern weil sie sich selbst aufgeben. So waren amerikanische Intellektuelle aufgrund der ethnischen Heterogenität der USA stets von der Angst getrieben, der Staat könne zerfallen.
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD)
© Markus Schreiber/AP
Der bedeutende Historiker Arthur M. Schlesinger schrieb in seinem Buch „The Disuniting of America“: „Was passiert, wenn Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft, die verschiedene Sprachen sprechen und verschiedene Religionen praktizieren, in derselben geografischen Region und unter derselben politischen Autorität miteinander zusammenleben? Wenn kein gemeinsames Ziel sie verbindet, werden ethnische Feindseligkeiten sie auseinandertreiben. (...) Die Frage, die Amerika sich als einer pluralistischen Gesellschaft stellt, ist, wie man wertgeschätzte Kulturen und Traditionen verteidigt, ohne die Bande der gesellschaftlichen Zusammengehörigkeit zu lösen: gemeinsame Ideale, gemeinsame politische Institutionen, eine gemeinsame Sprache und Kultur, ein gemeinsames Schicksal.“
Christian Hardinghaus: Auch ukrainische Propaganda gelangt ungefiltert in unsere Medien
Kulturelle Aneignung: Rainald Grebe verzichtet ab sofort auf Indianerschmuck
Dieses Zitat lässt sich heute besser auf Deutschland als auf die USA anwenden. Deutschland, seine Eliten und Bundeskanzler verfolgen kein größeres, moralisches Ziel mehr, was das Land zu einer Einheit schmiedet. Interessant ist, dass Deutschland unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1989 den Willen für strategische Notwendigkeiten verlor, während es bis dahin wie ein fein aufeinander abgestimmtes Orchester mit dem Bundeskanzler als Dirigenten an der Spitze für das Überleben und den Wiederaufstieg Deutschlands als führende Macht in Europa erfolgreich gearbeitet hatte. Was ist mit der deutschen Gesellschaft passiert, dass sie heute die großen Dinge aus den Augen verloren hat? Es kam eine Generation an die Macht, die keine Katastrophen kennt.
Das oberste Ziel wurde Ruhe in einer immer lauteren Welt
Nach 1989 setzte so etwas wie Gemütlichkeit ein. Für die Industrie floss Milch und russisches Gas, deutsche Unternehmen verdienten gutes Geld mit billiger Energie als Wettbewerbsvorteil. Deutschland glaubte, seinen Wohlstand erhalten oder mehren zu können, indem es sich vom Rest der Welt abkapselte und Handel trieb. Oberstes Ziel waren nicht mehr Entwicklung, Innovation, Wachstum und Wehrhaftigkeit, sondern Wohlstand in der ewigen Ruhe vor einer immer lauter werdenden Welt.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) winkt am Dienstag im jahr 2011.
© Jens Wolf dpa
Dem konnte man sich hingeben, weil der mächtigste Staat der Welt seinen Schutzschirm über das Land gespannt hatte. Wie aus heiterem Himmel musste es für den größten Staat Europas zum Management einer Reihe von Krisen kommen, deren Folgen wie eine Reihe fallender Dominosteine schließlich zu mehr innenpolitischer Instabilität führten und die Deutschen aus ihrem Dornröschenschlaf rissen. Im Jahr 2008 die Wirtschafts- und Finanzkrise und der russische Überfall auf Georgien, im Jahr 2011 Fukushima und der Atomausstieg, im Jahr 2014 die russische Annexion der Krim, im Jahr 2015 die Flüchtlingskrise, im Jahr 2022 der russische Einmarsch in die gesamte Ukraine. 2008 wurde das Wirtschaftswachstum in Deutschland erschüttert. 2011 hatte der Atomausstieg das Land von der Gasversorgung aus Russland abhängig gemacht, 2015 wurden der soziale Zusammenhalt überfordert und Identitätskonflikte hervorgerufen, und 2022 wurden alle durch die vorherigen Krisen ausgelösten Effekte verschärft: Inflation, Identitätskonflikte, teure Energieversorgung, Deindustrialisierung und schließlich militärische Wehrlosigkeit, die beinahe die europäische Sicherheitsordnung zerstört hätten.
„Es hat eher wenig mit der DDR zu tun“: Forscher über Rechtsextremismus in Ostdeutschland
Zwei Personen tragen für die heutigen wirtschaftlichen, innen- und geopolitischen Verwerfungen die größte Verantwortung: Gerhard Schröder und insbesondere Angela Merkel. Sicherlich ist es im Nachhinein einfach, es besser zu wissen. Deshalb muss man die Kritik präzisieren. An dieser Stelle muss man die Genese des Ukraine-Konflikts ausblenden und sich ausschließlich auf Deutschland konzentrieren. Es ergab wirtschaftlich und sicherheitspolitisch Sinn, eine Strategie der Kooperation mit Russland zu verfolgen. Was keinen Sinn ergab, war, militärisch nicht aufzurüsten und sich wirtschaftlich und energiepolitisch in existenzielle Abhängigkeit zu begeben.
Zwei Erklärungen für das Versagen deutscher Politiker
In der jüngeren Geschichte Deutschlands ist dieses Maß an Unvorbereitung beispiellos. Die zentrale Frage lautet daher: Warum waren Schröder und Merkel auf diese Situation nicht vorbereitet? Eine Erklärung könnte sein, dass durch die Zersplitterung der Parteienlandschaft eine Konzentration der Macht in den Händen des Bundeskanzlers für die Verabschiedung strategischer Projekte nicht mehr gegeben war. Es bleibt die Frage, ob unser demokratisches System in seiner jetzigen Form mit dem Verhältniswahlrecht große Entscheidungen unmöglich macht. Oder ob es an der mangelnden Führungsstärke der Bundeskanzler liegt. Die Wahrheit wird wohl irgendwo in der Mitte zu finden sein.
Ein europäisches Imperium? Ein ewiger Traum französischer Präsidenten
Die zweite und wahrscheinlichere Erklärung wäre, dass Aufrüstung und Emanzipation von Russland, obwohl die Sicherheit der Bürger und Interessen die höchste staatsmännische Pflicht ist, ein zu großes Risiko für die eigene Macht dargestellt hätten. Möglicherweise hätten die Koalitionspartner Schröders und Merkels die Maßnahmen blockiert. Aber gerade in solchen Augenblicken, in denen es keine Alternative zum strategischen Interesse Deutschlands gab, hätten die Kanzler die Vertrauensfrage stellen und ins Risiko gehen müssen, weil es ihre staatsmännische Pflicht gewesen wäre. Bisher hatte jeder Bundeskanzler das Land vor sich selbst gestellt.
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) im Jahr 2005.
© Oliver Weiken/dpa
Helmut Schmidt verlor seine Macht wegen des Nato-Doppelbeschlusses, Gerhard Schröder wegen seiner Agenda 2010. Weil die mittel- und langfristigen Interessen wichtiger waren als das Amt des Bundeskanzlers. Man hätte sie nicht dafür kritisieren können, wenn sie es gewagt hätten, den Versuch einer strategischen Vorbereitung zu unternehmen – und wenn sie damit gescheitert wären. Aber dafür, dass Angela Merkel es nicht einmal versucht hat, muss man sie kritisieren. Damit hat sie de facto die Unfähigkeit zur Verteidigung und die Abhängigkeit bereitwillig in Kauf genommen, weil sie offensichtlich der Ansicht war, es werde schon nichts passieren. Was ist nun die Ursache für das Fehlen einer strategischen Politik? Es liegt weniger an der Natur der fehlenden strategischen Kontinuität in einer Demokratie als vielmehr am Verfall der Moral.
Die deutsche Führung verfolgt keine großen Ziele mehr
Die deutsche Führung verfolgt keine großen Ziele mehr, für die sie einen Machtverlust in Kauf nehmen würde. Die Bundeskanzler bis Helmut Kohl sind alle vor 1945 geboren. Sie haben die Nachkriegszeit unmittelbar erlebt. Ihre Prioritäten waren aufgrund auch traumatischer Erfahrungen andere als die der nach 1945 geborenen Kanzler. Denn es ging um das Überleben des Landes. Das ist heute anders, weil Bundeskanzler den Luxus haben, zwischen den mittel- und langfristigen Interessen des Landes, wo die Folgen ihres Handelns nicht unmittelbar spürbar sind, und der persönlichen Macht, der Wiederwahl, wählen zu können.
Über Leben und Tod entscheiden die Einwanderer selbst
Der Niedergang der Geschichte
Kanzler entscheiden sich für die zweite Option, weil die Umstände nicht existenzbedrohend sind. Große Dinge scheitern also nicht an mangelnder Analyse der Problemlage, sondern am politischen Willen. Und der Bundeskanzler ist derjenige, der diesen Willen verkörpert und durchsetzt. Es ist erstaunlich, dass deutsche Bundeskanzler bis 1989 kaum strategische Fehler gemacht haben, während sich diese nach 1989 bis zur Decke stapeln. Die Umstände, um die Existenz kämpfen zu müssen, scheinen eine Wirkung gehabt zu haben, die nach 1989 fehlte, weil man nur den Aufstieg kannte. Wohlstand verändert Gesellschaften, die nicht kämpfen müssen, um zu existieren. Die Werte verschwimmen, das Nebensächliche wird zum Hauptsächlichen. Das Gleichgewicht zwischen Individualismus und Kollektiv gerät außer Kontrolle, der persönliche Vorteil wird zum dominierenden Faktor. Transzendente Phänomene wie Glaube, Ideologie und Religion haben in Europa kaum noch öffentliches Gewicht. Sie sind aber wesentliche Vermittler von Moral und Werten.
Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU).
© Tim_Brakemeier/dpa
Es ist kein Zufall, dass beides gleichzeitig schwindet. Für Stapß und seine Zeitgenossen waren Katastrophen ein ständiger Begleiter. Moral war präsenter, denn schwierige Zeiten lassen den Menschen nach geistiger Orientierung suchen und sich auf ein übergeordnetes Ziel verpflichten. Schließlich werden dadurch alle Kräfte des Landes mobilisiert, um sich aus der misslichen Lage zu befreien. Wenn im Moment der Katastrophe jeder auf den Vorrang seiner persönlichen Interessen pochen würde, wäre das das Ende des Staates. Deshalb müssen die Eliten durch Vorbild führen.
Es gab diese Zeiten. Im Ersten Weltkrieg stellte die britische Elite aus dem obersten einen Prozent der Gesellschaft zehn Prozent aller im ersten Kriegsjahr gefallenen Offiziere. Viele aristokratische Familien, die unzählige Ländereien besaßen, verloren in diesem Krieg ihre Erben. Daran mangelt es uns heute: Eliten, die ihre persönlichen Interessen einer größeren Sache opfern. Das fällt uns heute am schwersten.
Muamer Bećirović forscht zu Diplomatiegeschichte und internationaler Politik. Im Januar 2024 erscheint von ihm eine Biografie über den österreichischen Diplomaten und Staatsmann der postnapoleonischen Epoche Fürst Klemens von Metternich.
Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de