Als die gesunden Nationalspieler schon lange in den abgedunkelten Limousinen zum Mittagessen ins nahe gelegene Hotel gefahren worden waren, schlug Forsyth auf dem Trainingsplatz noch lange Bälle, die einen willigen Abnehmer fanden, bis der einsetzende Regen sie vertrieb: Bastian Schweinsteiger musste, wie schon am Vortag, ein individuelles Programm absolvieren. Er hatte dabei blaues Tape auf seiner rechten Wade kleben und offensichtliche Probleme mit seinen Fußballschuhen, die wohl irgendwo drückten und die er deshalb mehrfach neu schnürte, aber immerhin: Schweinsteiger kann, so viel steht nun fest, nicht nur geradeaus laufen, wie noch am Vortag, er kann sogar Bälle mit der Brust annehmen, und er kann sie über mehr als zehn, zwölf Meter halbhoch passen.
Kein Bender in Brasilien
Das ist schon mal ein erster bedeutender Fortschritt in einer Phase, in der Unpässlichkeiten deutscher Fußballer dringlich seismographisch präzise registriert werden. Ob der 101-fache Nationalspieler bei seinem fußballerischen Basisprogramm noch Schmerzen an linkem Knie und rechtem Sprunggelenk verspürt, kann nur aber gemutmaßt werden.
Die Besorgnis um den Gesundheitszustand des 29-Jährigen ist größer denn je. Ganz besonders jetzt, da sich zu allem Überfluss auch noch der allseits geschätzte Backup fürs defensive Mittelfeld, Lars Bender aus Leverkusen, für die Weltmeisterschaft abmeldete. Der 25-Jährige, dessen Zwillingsbruder Sven bereits im Vorfeld wegen einer hartnäckigen Schambeinentzündung passen musste, verletzte sich im Trainingsspiel schwerwiegend. Bei einer MRT-Untersuchung wurde eine kombinierte Muskel-Sehnen-Verletzung im oberen Bizepsanteil des rechten Oberschenkels diagnostiziert. Genau am Knochenansatz, dort also, wo die Durchblutung geringfügiger als im weichen Muskelgewebe und die Heilung deshalb umso langwieriger ist.
Sven und Lars Bender ganz raus, Schweinsteiger und Real Madrids Sami Khedira, der heute noch beim Champions-League-Finale in Lissabon weilt, noch längst nicht fit für 90 Minuten – die Lücke im zentralen defensiven deutschen Mittelfeld droht eine klaffende zu werden.
Verzicht auf Goretzka
Zumal kaum angenommen werden darf, dass Bundestrainer Joachim Löw auf dieser zentralen Position, die er aus guten Gründen für die wichtigste im modernen Fußball hält, gleich zwei große Fragezeichen mit nach Brasilien nimmt. Schweinsteiger, der für sein Spiel unbedingte Fitness benötigt, hat mit diversen Verletzungen und zwei Operationen am Sprunggelenk nicht weniger als 99 Tage der abgelaufenen Saison verpasst.
Bender wurde um zehn Uhr verabschiedet und von einem Chauffeur in die Münchner Praxis von Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt gefahren. Der DFB informierte unmittelbar Benders Arbeitgeber Bayer Leverkusen, der wegen der versicherungstechnischen Dinge nun mit der Fifa korrespondieren muss, da Benders Unfall unter das erst seit vier Jahren existierende Fifa-Schutzprogramm fällt. Soweit die Bürokratie. Mit der sportlichen Faktenlage muss nun vor allem Löw klarkommen, der darauf verzichtete, den Schalker Leon Goretzka nachzunominieren.
Benders Aus ist auch deshalb schmerzhaft, weil er flexibel einsetzbar ist und etwa bei der Europameisterschaft 2012 einen überaus soliden rechten Verteidiger abgab, der gegen Dänemark nach einem fulminanten Sprint über den ganzen Platz gar den 2:1-Siegtreffer erzielte. Der gebürtige Bayer wäre also ein Kandidat gewesen, Philipp Lahm auf rechts zu ersetzen, falls dieser ins zentrale Mittelfeld versetzt würde. Zudem galt Bender bis gestern wegen seiner körperlichen Spielweise und seiner ungeheuren Laufbereitschaft als möglicher Khedira-Klon. Diese Alternativen fallen nun jeweils weg.
Die Stimmung bei Benders Abfahrt nach München, so hieß es aus DFB-Kreisen, sei nicht nur beim betroffenen Spieler ausgesprochen niedergeschlagen gewesen.
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