Das Papier sei als "gute Beratungsgrundlage" einmütig begrüßt worden, ließ Kulturstaatsminister Bernd Neumann am Montag nach der konstituierenden Sitzung des Rates der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (SFVV) verlauten. Ein Anfang also, nach einer langen Phase nicht abreißender Querelen und Verwerfungen. Oder nur deren Fortsetzung? Der Zentralrat der Juden ist jedenfalls nicht gewillt, seine vorgesehenen Plätze im Stiftungsrat einzunehmen. Wegen revanchistischer Tendenzen zweier stellvertretender Mitglieder des Bundes der Vertriebenen (BdV) lasse man die Mitgliedschaft ruhen. Zentralrats-Vize Salomon Korn bemängelte ferner, dass die Vertreibung der Juden in dem Konzept nicht ausreichend gewürdigt sei. Die Politik des leeren Stuhls bleibt das markante Zeichen der Stiftung, die doch ursprünglich als "sichtbares Zeichen" die deutsche Erinnerungspolitik ergänzen sollte.Das Wort Beratungsgrundlage klingt denn auch skeptisch genug, und was Manfred Kittel, Gründungsdirektor der Stiftung auf 28 Seiten als "Eckpunkte für die Arbeit der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung und die geplante Dauerausstellung" nun vorgestellt hat, ist kaum dazu geeignet, einfach zu den Akten geheftet zu werden.Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. Der Münchener Historiker Martin Schulze Wessel, der vor einigen Wochen mit Kollegen einen alternativen Entwurf verfasst hatte, bezeichnete Kittels Konzept als "gedanklich schwach durchgearbeitet", und selbst der Bund der Vertriebenen (BdV) stellte fest, dass bis zur Verabschiedung einer endgültigen Fassung noch erheblicher Korrekturbedarf bestehe.Was also steht drin in dem Papier, auf dem nicht zuletzt die Hoffnung ruhte, eine verlässliche Arbeitsgrundlage für die SFVV zu bilden. Gleich zu Beginn des Eckpunktepapiers geraten semantische Fragen und inhaltliche Ungereimtheiten in den Blick. Sie sind den Autoren keineswegs verborgen geblieben. Unter Punkt 2 heißt es: "Das in Deutschland üblich gewordene Begriffspaar Flucht und Vertreibung steht für historisch sehr unterschiedliche Vorgänge." Stimmt, aber statt Begriffe wie Zwangsmigration, Deportation, ethnische Säuberung, Umsiedlung etc. zu klären, wird in dem Papier an dem als üblich bezeichneten Begriffspaar festgehalten. Flucht und Vertreibung aber stehen symptomatisch für den spezifisch deutschen Blick auf die Phänomene und ist kaum dafür geeignet, die europäische Dimension zu erschließen, die man sich doch vorgenommen hatte.An dieser und anderen begrifflichen Ungenauigkeiten leidet der ganze Entwurf. Zwar geht aus der Präambel des Eckpunktepapiers deutlich hervor, dass die deutsche Verantwortung für die nationalsozialistische Expansions- und Vernichtungspolitik den Ausgangspunkt des Ausstellungskonzeptes bilden soll, doch hat die Erweiterung der Perspektive auf die europäische Dimension sowie der Blick auf ethnopolitisch motivierte Vertreibungen und Genozide nie überzeugend den Verdacht zerstreuen können, dass es dabei auch um eine Relativierung der deutschen Verantwortung gehen könnte. Unter der Oberfläche der guten Absichten türmen sich Fragen auf. Zwar ist wiederholt von einer Multiperspektive die Rede, aber was durchgängig zum Vorschein kommt, ist eine deutsche Opferperspektive, die durch die Auswahl der so genannten Fallbeispiele noch verstärkt wird.Martin Schulze Wessel kritisiert ausdrücklich, dass es in einem solchen Fallbeispiel um den unter Historikern bis heute umstrittenen so genannten "Bromberger Blutsonntag" gehen soll. In der polnischen Stadt war es am 3. September 1939, also unmittelbar nach Kriegsbeginn, zu einem Massaker an Deutschen gekommen. Dieser Fall stehe in der Anfangszeit des Krieges ganz singulär da, sagt Schulze Wessel. Dass er in dem Ausstellungskonzept Kittels nun den Zweiten Weltkrieg einleiten soll, kehre die Verhältnisse um, so Schulze Wessel im Deutschlandradio Kultur.Die Beispiele sind in dem Papier keineswegs festgeschrieben. Durchgehend ist von möglichen Fallbeispielen die Rede, so als sei man geneigt, dem Konzept, falls nötig, auch noch einmal eine ganz andere Richtung zu geben. Leider ist die politische Brisanz, die die Entstehungsgeschichte der Stiftung begleitet hat, nun auf beinahe jeder einzelnen Seite des Konzeptentwurfs zu spüren. Es ist schon erstaunlich, dass ein Projekt, das unter so enormer gesellschaftspolitischer Beobachtung stand und steht, nun derart vage ausbuchstabiert ist. Das Eckpunktepapier Manfred Kittels ist jedenfalls kaum geeignet, sich von dem Vorwurf einer tendenziösen Geschichtspolitik zu befreien. Wie es aussieht, gelingt es der SFVV nicht, einen nennenswerten Beitrag zu einer europäischen Erzählung der Vertreibungspolitik im 20. Jahrhundert zu leisten. Die gute Beratungsgrundlage, die Kulturstaatsminister Bernd Neumann in dem Papier erkannt hat, dürfte noch für so manchen Misston sorgen.------------------------------Foto: Gründungsdirektor Manfred Kittel
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