Berlinale

Diese deutschen Regisseure sind erstmals im Bären-Rennen

Emily Atef, Philip Gröning und Thomas Stuber konkurrieren um die begehrte Trophäe.

Cornelia Geißler
5 Min
Emily Atefs Film „Das Fremde in mir“ erzählte von postnataler Depression. 

Emily Atefs Film „Das Fremde in mir“ erzählte von postnataler Depression. 

© AFP

Am Mittwoch hat Philip Grönings Film „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ Weltpremiere. Der Regisseur ist damit erstmals auf der Berlinale vertreten. Doch da Preise anderer Festivals seinen Weg säumen, mag man den 58-Jährigen wirklich nicht als Neuling vorstellen. Das eint ihn mit der 1973 geborenen Emily Atef, die am Montag im Wettbewerb debütierte. Sie weiß schon, wie wohlwollend ihr Film „3 Tage in Quiberon“ aufgenommen wurde.

Und Thomas Stuber, mit 36 Jahren der jüngste der drei, ist zwar ein „Frischling“ im Wettbewerb, doch war er bereits auf der Berlinale vertreten: vor zehn Jahren in der Perspektive Deutsches Kino , und vor zwei Jahren erhielt er hier den Deutschen Drehbuchpreis. Darauf, wie das ausgezeichnete Script sich in der Realität bewährt, muss er bis Freitag warten, dann läuft „In den Gängen“.

Philip Gröning hat am Rand des Schwarzwalds eine Tankstelle bauen lassen und zehn Hektar Land gepachtet. Für die Aussaat der Pflanzen beriet er sich mit zwei Landwirtschaftsprofessoren, um im August genau den Farbverlauf der Felder zu erhalten, den er für seine Bilder brauchte. Philip Gröning hat mit seinem Team „bestimmt 5000 Leute angeschaut“ auf der Suche nach dem Zwillingspaar, das in „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ die Hauptrollen bekommen sollte, „unfassbar anstrengende Castings“. Während er davon erzählt in der Golden Bear Lounge in Berlin, stockt er ein bisschen: „Da muss ich echt um Verzeihung bitten.“

Philip Gröning und seine Behaarlichkeit

Philip Gröning erreichte mit  der Dokumentation „Die große Stille“ aus einem Kloster einen lang anhaltenden Erfolg. 

Philip Gröning erreichte mit  der Dokumentation „Die große Stille“ aus einem Kloster einen lang anhaltenden Erfolg. 

© imago/Future Image

Aber um ein Zwillingspaar zu besetzen, reiche es nicht, zwei gute Schauspieler zu finden, sondern man besetze eine „gemeinsame Energie“. Julia Zange und Josef Mattes, auf die schließlich seine Wahl fiel, wirken wie miteinander aufgewachsen, so echt in ihrer Innigkeit und in ihrem Streit. Sie sehen sich nicht ähnlich. „Am Schluss ist es die Entscheidung, welche Farbe der Film bekommt.“ Am Drehbuch hat die Schauspielerin Sabine Timoteo mitgearbeitet, für die er die erste Fassung geschrieben hatte. Der Junge sollte das Kind aus seinem ersten Film „Sommer“ von 1986, sein.

Doch in den 90er-Jahren bekam Gröning das Geld für den Film nicht zusammen. Dass er seinem Projekt treu blieb, passt zum Thema Zeit, deren Vergehen er im neuen Film sehr sichtbar macht und das auch seine Dokumentation „Die große Stille“ über das Leben im Kloster bestimmt, für die er den Europäischen Filmpreis erhielt. Es spricht auch für seine Beharrlichkeit. „Wenn es heißt, jemand sei ein kompromissloser Regisseur, klingt das oft so, als sei das eine Qualität“, sagt Philip Gröning. In Wirklichkeit aber sei es eine Art Deformation: „Wir können leider keine Kompromisse machen. Daher können wir Projekte auch nicht so einfach aufgeben. Das ist qualvoll, aber nicht möglich.“

Franz Rogowski spielt die Hauptrolle in "In den Gängen"

Emily Atef trat am Wochenende auf einer Podiumsdiskussion zur Geschlechtergerechtigkeit in der Filmbranche auf. Sie sprach davon, dass sie immer auf die Begegnung mit Menschen aus sei, jede davon könne ihr nutzen. „3 Tage in Quiberon“ ist ihr vierter Spielfilm, erstmals habe sie das Drehbuch allein geschrieben. Die Anregung kam aus Gesprächen mit Freunden Marie Bäumers, die auf deren Ähnlichkeit mit Romy Schneider hinwiesen. Emily Atef ist in Berlin geboren und hat hier studiert, aufgewachsen ist die Tochter eines Iraners und einer Französin in den USA und Frankreich, gearbeitet hat sie zunächst in London am Theater. Im Berlinale-Wettbewerb zählt sie als deutsche Regisseurin.

Thomas Stuber (r.)  wurde bekannt durch „Herbert“ über einen Boxer.

Thomas Stuber (r.)  wurde bekannt durch „Herbert“ über einen Boxer.

© BrauerPhotos / J.Reetz

Thomas Stuber erhält für seinen Film „In den Gängen“ schon deshalb viel Aufmerksamkeit, weil auch bei ihm Franz Rogowski eine Hauptrolle hat. Er ist der „Frischling“ in einem Großmarkt, muss noch angelernt werden. Thomas Stuber fand den Markt mit den langen Gängen in einer Kurzgeschichte von Clemens Meyer, mit dem er jetzt zum dritten Mal zusammenarbeitete. Er fand ihn für den Dreh in Wittenberg und Bitterfeld, also im Osten Deutschlands, wo der Regisseur sein Schaffen verankert sieht. „Wir versuchen universelle Geschichten zu erzählen, die auch anderswo verstanden werden, die aber grundsätzlich das Fundament dort haben. Das ist unser Zuhause.“ Während das Leben seiner Figuren in dem Markt spielt, sieht man draußen Ödnis.

Der Osten hat den Medien viele Rätsel aufgegeben seit Pegida. Auch Stuber wird gefragt, wie die zu lösen sind. „Meine Antwort liegt in den Filmen, die ich mache“, sagt er bei einem Treffen am Rande des Festivals. „Ich möchte grundsätzlich gar nichts erklären, meine Filme nicht, nicht die Figuren, das ist von Minute eins bis zur letzten das, was ich anbiete.“ Und das sind keine einfachen Antworten, aber sehr sehenswerte.

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