Deutsches Fernsehballett

Lange Beine und lange Gesichter

Das Deutsche Fernsehballett steht vor dem Aus. Schuld daran soll der Mitteldeutsche Rundfunk sein, der der Truppe um Manager Peter Wolf zu wenig Aufträge zugesichert habe. Doch der MDR will sich die Schuld nicht zuschieben lassen.

Torsten Wahl
5 Min
Und hoch das Bein: Das Fernsehballett hat seine beste Zeit wohl hinter sich.

Und hoch das Bein: Das Fernsehballett hat seine beste Zeit wohl hinter sich.

© dpa Lizenz

„Es geht mir gut, Cheri“, schmetterte die unverwüstliche Mireille Mathieu am Sonnabend in der ZDF-Show „Willkommen bei Carmen Nebel“ – und vier Paare des Deutschen Fernsehballetts tanzten um sie herum. Auch beim „Adventsfest der 100.000 Lichter“ am nächsten Sonnabend in der ARD und bei der ZDF-Spendengala „Die schönsten Weihnachtshits“ wenige Tage später werden Tänzer des Fernsehballetts zu sehen sein.

Doch trotz dieser Dauerpräsenz in der Vorweihnachtszeit scheint es dem Ensemble nicht gut zu gehen. Am Wochenende überraschte Manager Peter Wolf mit der Ankündigung, den Ballettbetrieb bis spätestens Ende März 2014 einzustellen. Der Fernsehproduzent hatte das Fernsehballett Anfang 2012 von einer MDR-Tochter übernommen.

Das Soll übererfüllt

Die Schuld für das drohende Ende sucht Peter Wolf ausgerechnet beim MDR, jenem Sender also, der die traditionsreiche Tanztruppe des eingestellten Deutschen Fernsehfunks 1991 gerettet und über zwanzig Jahre lang getragen hatte. Wolf wirft dem MDR vor, zugesagte Aufträge für das kommende Jahr nicht einzuhalten. So habe der MDR für 2014 erst Zusagen über insgesamt 360.000 Euro gemacht, dann aber zurückgezogen. Statt 24 Shows sollen es nur noch sieben Auftritte sein.

Der Mitteldeutsche Rundfunk aber ist von diesen Anklagen „in höchstem Maße befremdet“, wie Sprecher Walter Kehr betont. „Wir hätten eher ein Dankeschön erwartet!“ Denn der Sender habe nach dem Verkauf seiner Anteile am Fernsehballett an Peter Wolf noch zwei Jahre lang eine feste Anzahl von mindestens 15 Auftritten garantiert, und dieses Soll sogar übererfüllt. In diesem Jahr war und ist das Ensemble in elf Sendungen des MDR, dazu in sechs großen, vom MDR verantworteten ARD-Shows zu sehen. Hinzu kommt ein knappes Dutzend Auftritte im ZDF sowie Gastspiele in anderen Sendern.

Allen Beteiligten aber war schon 2012 klar, dass diese TV-Präsenz rückläufig sein wird. Auch Peter Wolfs erklärte Absicht war es, das Ensemble unabhängiger vom Fernsehen zu machen – zum Zeitpunkt der Übernahme machten die Gagen vom Fernsehen etwa die Hälfte der Einnahmen aus. Dass Wolf nun erklärt, er habe allein vom MDR 24 Auftritte für 2014 zugesagt bekommen, also alle zwei Wochen eine Show, passt nicht recht ins Bild. Denn so viele waren es ja selbst in den letzten beiden Jahren nicht.

Dass der MDR zudem Shows einstellt, die nicht die Erwartungen erfüllten, etwa „Inka Bause Live“, ist sein gutes Recht. Dass Showstars zu anderen Sendern wechselten, etwa Helene Fischer zum ZDF, kann man dem MDR ebenfalls nicht vorwerfen. Überhaupt setzt der Sender mit seiner jüngeren Führungsriege weniger auf traditionelle Unterhaltung. So verantwortete der neue Unterhaltungschef Peter Dreckmann, ein gelernter Reporter, das Aufklärungsmagazin „Make Love“, das neue Akzente setzte. Für das Fernsehballett und die gute, alte Fernsehrevue ist da künftig wohl weniger Platz. Für das kommende Jahr hatte der Sender Wolfs Fernsehballett mit elf bis zwölf Auftritten zwar etwas weniger als bisher, aber „ausreichend viele“ zugesichert, so Sprecher Walter Kehr.

Peter Wolfs Schuldzuweisungen an seinen bislang wichtigsten Auftraggeber bleiben eher das Eingeständnis des eigenen Scheiterns. Denn der ballettbegeisterte Manager, der selbst mit einer Tänzerin verheiratet ist, wollte das Ensemble eigentlich wieder moderner, provozierender, auch erotischer auftreten lassen und plante, das „berühmteste Ballett Europas“ auf Tourneen durch ganz Europa zu schicken.

Im Osten ein Star

Zwar begleiteten die Tänzerinnen und Tänzer im Mai Geiger David Garrett auf dessen Live-Tour. Doch eine Stellung wie die Truppe von „Riverdance“, die selbst der Star des Abends ist, besaß das Deutsche Fernsehballett allenfalls im Osten Deutschlands. Hier waren Solistinnen wie Emöke Pöstenyi und Susan Baker dank ihrer Auftritte im „Kessel Buntes“ einst tatsächlich populär. Nur der MDR stellte das 1962 gegründete Ensemble noch einmal ganz in den Mittelpunkt. „Die große Show der langen Beine“, inszeniert zum 50. Jubiläum im vergangenen Jahr, wurde kürzlich im MDR wiederholt und läuft demnächst im RBB. Es könnte sein, dass man hier das letzte feste Fernsehballett Europas zum letzten Mal in großer Besetzung sieht.

Manches lange Bein aber dürfte weiterhin in der einen oder anderen Fernsehshow auftauchen. Denn Peter Wolf produziert mit Carmen Nebel deren Shows im ZDF und baut dabei schon seit 2003 auf sein Deutsches Showballett, das er, anders als das Fernsehballett, nicht permanent unter Vertrag hält, sondern nur für einzelne Tourneen und Shows zusammenholt. So muss das Ende des Deutschen Fernsehballetts als GmbH gar nicht unbedingt das Ende einer Tradition sein. Möglicherweise lässt Peter Wolf einige Tänzerinnen und Tänzer einfach in einem profitableren Rahmen weitertanzen.

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