Wenn es in Deutschland mit rechten Dingen zuginge - aber, nicht wahr, wer glaubt das denn schon -, dann dürfte diesen Skandal kein Regierungschef überleben.Der Skandal: Der Regierungschef ist seit Jahrzehnten mit einem Bankier, einem der reichsten Männer des Landes, engstens befreundet, wohlgemerkt aus guten Gründen engstens befreundet, denn der Bankier hat ihm in früherer Zeit nach Fehlspekulationen an der Börse nachhaltig mit dubiosen Geschäften geholfen, und diese Freundschaft, durch Einladungen hin und her mit den Jahren verstetigt, verhalf dem Bankier später zu einer einflussreichen Position als wirtschafts- und finanzpolitischer Berater des Regierungsch efs und zu einem Bundestagsmandat, wofür er sich revanchierte, indem er als erfolgreichster Spendeneintreiber der Partei des Regierungschefs reüssierte. Insbesondere bei seinen Freunden in der Wirtschafts- und Bankenwelt bettelte er derart erfolgreich, dass die Partei des Regierungschefs mit dem Geld mehrere Wahlkämpfe finanzierte. Doch diese unbestreitbar über alle Maßen anrüchige Freundschaft zwischen Konrad Adenauer, dem ersten Kanzler der Bundesrepublik, und Robert Pferdmenges war zwar allgemein bekannt und ist auch, vor allem von einigen Sozialdemokraten, in den 50er-Jahren immer mal wieder kritisiert worden, aber als Skandal ist sie in den Annalen dieser Republik nicht verzeichnet.Politische Hygiene hat nie auf der "To-do"-Liste Adenauers gestanden, und auch die junge Bundesrepublik benötigte einige Zeit, bis sie sich darauf verständigt hat, was in diesem Land als noch vertretbar oder entschuldbarer faux pas und was als verächtlich und als unverzeihlicher Fehltritt gelten soll. Die - im internationalen Vergleich übrigens gar nicht besonders beeindruckende - Chronique scandaleuse der Bundesrepublik bezeugt die Herausbildung einer demokratischen Kultur, die nicht nur mit den Begriffen des "Kampfes" und der "Macht" hantiert, sondern auch mit dem Begriff der "Moral". Sie ist die unverzichtbare Bedingung des politischen Skandals, die conditio sine qua non. Denn ein Skandal setzt die Enttäuschung eines allgemein erwarteten moralischen Verhaltens voraus, also eine geplatzte Illusion, eine getrogene Hoffnung. Der Skandal ist, mit anderen Worten, ein Indikator für das Funktionieren eines demokratischen Systems, er aktiviert die Selbstheilungskräfte, indem er auf die Verletzung verweist.Auf den ersten Blick ist darum zu begrüßen, dass die Bundesrepublik seit Monaten ein ums andere Mal von diversen Dienstwagen- und Kanzleramts-Essen-Skandalen erschüttert wird.Tadellos, dass jeder Kilometer, den eine Bundesministerin mit ihrem Dienstwagen in Übereinstimmung mit den Vorschriften, aber entgegen der Moral, zurücklegt, als Skandal erkannt und öffentlich gebrandmarkt wird, ein Wunder kritischer Berichterstattung, wenn sich ein Abendessen im Kanzleramt mit dem Chef der Deutschen Bank als Indiz des Triumphs der Wirtschaft über die Politik in der Zeitung wiederfindet und als deren endgültiger Beweis, wenn zum Spargel nicht nur Butter gereicht wurde, sondern Sauce Hollan daise. Aber es ist ein Selbstbetrug der Medien und Betrug am Publikum, diese monströsen Petitessen, die kaum eine Zehn-Zeilen-Meldung tragen, zu Affären und Skandalen aufzupumpen. Das Funktionieren einer Diktatur ist daran zu erkennen, dass ihre Medien nichts zum Skandal erklären, die Funktionsstörung einer Demokratie aber daran, dass die Medien alles zum Skandal erklären. Im Sprichwort gibt es den, der den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Das kann jedem mal passieren - und im Zweifel ist er selber schuld. In der bundesdeutschen Medien-Demokratie gibt es den, der vor lauter Skandalen den Skandal nicht mehr erkennt. Das ist das Publikum - die Verantwortung dafür aber tragen die Medien.Das ist keine Erscheinung des Sommerlochs, sondern Ausdruck des Versagens. Die Skandale werden nicht herbeigeschrieben, weil es sonst nichts zu berichten gibt, vielmehr werden den Menschen Skandal-Geschichten erzählt, weil immer weniger Medien wissen, wie sie was erklären können. Die Weltwirtschaftskrise ist zu komplex, der GM-Opel-Magna-Deal ist zu komplex, das Verhältnis von Klimakatastrophe und Kriegsgefahren ist zu komplex, also ist das Abendessen im Kanzleramt der Skandal. Im jüngst erschienenen, fabelhaften Buch des österreichischen Schriftstellers Wolf Haas ("Der Brenner und der liebe Gott") heißt es: "Eines hat mir am menschlichen Gehirn nie gefallen. Dass es oft in den gefährlichsten Situationen noch auf die blödesten Kleinigkeiten Wert legt. Da stört dich am Henker, dass er ein schlechtes Rasierwasser verwendet, da stört dich am Arzt, dass er deinen Rachenkrebs mit einem Zungen-R ausspricht, und da stört dich am Ehering, dass du ihn nicht von der Steuer absetzen kannst." In den deutschen Medien sieht man derzeit dem menschlichen Gehirn bei der Arbeit zu.------------------------------"Eines hat mir am menschlichen Gehirn nie gefallen. Dass es oft in den gefährlichsten Situationen noch auf die blödesten Kleinigkeiten Wert legt." Wolf Haas, "Der Brenner und der liebe Gott"
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