Deutschland gegen Niederlande

Das Spiel soll, es muss stattfinden

Ein Länderspiel ohne Jubel, Ehrgeiz und Rivalität? Fans sind bei der Partie gegen die Niederlande angehalten, darauf zu verzichten. Eine seltsame Stimmung wird am Dienstagabend über dem Stadion liegen. Dennoch sendet das Spiel ein Zeichen.

Matti Lieske
4 Min
„Gibt es denn nicht Wichtigeres als den Fußball?“: Joachim Löw.

„Gibt es denn nicht Wichtigeres als den Fußball?“: Joachim Löw.

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Noch am Sonnabend seien er und die Spieler nach der „schrecklichen, entsetzlichen und für uns alle schockierenden Nacht“ in Paris der Meinung gewesen, man könne am Dienstag auf keinen Fall spielen, berichtete Löw gestern. „Gibt es denn nichts Wichtigeres als den Fußball?“, habe er gedacht. Dann jedoch kam die Staatsräson ins Spiel. „Am Sonntag war für uns alle klar, dass das Spiel stattfinden muss, als Zeichen für Freiheit und Demokratie.“ Auch die Spieler hätten erkannt, dass es nicht um persönliche Befindlichkeiten ginge, sondern dass sie auch eine gesellschaftliche Funktion hätten.

Damit hatte sich der Bundestrainer die Rhetorik der neuen DFB-Oberen Reinhard Rauball und Rainer Koch zu eigen gemacht, die das Match mit allerlei Symbolkraft versehen haben, die ihm eher nicht zukommt. Ein Fußballspiel ist kein Zeichen für die Freiheit und keine Botschaft gegen den Terror, genau so wenig, wie eine Spielabsage unter diesen Umständen ein Zurückweichen vor dem Terror oder eine Kapitulation vor der Gewalt gewesen wäre. Das Stadion kann höchstens die Bühne für eine solch emotional aufgeladene Demonstration sein.

Es wird ein in vielerlei Hinsicht seltsames Spiel werden. Mit einem Publikum, das angehalten ist, all das nicht zu tun, was von ihm erwartet wird: Tore und Spielzüge bejubeln, den Gegner auspfeifen, Sprechchöre liefern, Stimmung machen, la Ola, singen – außer bei der Nationalhymne natürlich. Mit der Bundeskanzlerin und einer Ministerriege, die, sonst hoffnungslos zerstritten, in trauter Gemeinschaftlichkeit auf der Tribüne sitzt. Und mit Spielern, die trotz der unguten Umstände das tun sollen, was sie immer tun, nämlich kunstvollen, engagierten Fußball spielen, Tore erzielen und sich von den Niederländern nach Möglichkeit nicht vorführen lassen.

Auch diese sind sich zwar der Besonderheit des Spiels bewusst, aber das wird das nicht für die EM 2016 qualifizierte Oranje-Team kaum dazu bringen, den sportlichen Wert zu vernachlässigen. Sie werden alles tun, um gegen den Weltmeister zu beweisen, dass sie nach wie vor zu den besten Teams Europas zählen, auch wenn Löw anderes erwartet. „Ich hoffe, dass bei diesem Spiel die traditionelle Rivalität zwischen Deutschland und den Niederlanden in den Hintergrund rückt und dass es für andere Werte steht“, sagte er.

Bedürfnis, Zeichen zu setzen

„Natürlich muss es weitergehen“, erklärte Löw, auf den sportlichen Aspekt der Begegnung angesprochen, „aber es ist schwierig, zur Tagesordnung überzugehen. Dennoch wollen wir ein konzentriertes Spiel liefern.“ Ebenso wie das 0:2 verlorene Match in Paris, dessen Vorbereitung bereits durch die Bombendrohung am Mittag im Hotel beeinträchtigt gewesen wäre, sei auch das Treffen mit Holland „nicht der Maßstab, als der es normalerweise geplant war“.

Eigentlich sollten beide Partien wichtige Bausteine auf dem Weg zur EM sein, Gelegenheiten, Dinge zu probieren, Schwachstellen zu erkennen und an den Stärken zu feilen. Er werde aber auch das Spiel am Freitag nicht mehr nach fachlichen Gesichtspunkten analysieren, erklärte Löw, obwohl er sicher einige Erkenntnisse, etwa zum Rückkehrer Mario Gomez oder zum Debütanten Leroy Sané, mitgenommen hat.

Sowohl beim Bundestrainer als auch beim Teammanager Oliver Bierhoff wurde gestern bei der Pressekonferenz deutlich, wie sehr sie noch unter dem Eindruck der Pariser Erlebnisse standen. Die Nacht in den Katakomben des Stade de France, wo kaum jemand ein Auge zugetan habe, die Ungewissheit und Angst, das Mitgefühl mit den Opfern der Anschläge, die Solidarität des französischen Teams, das den Deutschen anbot, mit in seinem Quartier in Clairefontaine zu übernachten, und so lange im Stadion ausharrte, bis die Abreise der DFB-Delegation geregelt war. Mit jenen Spielern, die auch in Hannover dabei sind, werde man am Montag in Barsinghausen noch mal ausführlich über diese Stunden reden, die Besprechung zum kommenden Spiel werde eher kurz ausfallen, ließ der Bundestrainer anklingen.

Je länger Bierhoff und Löw redeten, desto deutlicher wurde, dass zwar ein großes Bedürfnis bei ihnen besteht, ein Zeichen zu setzen, Stellung zu beziehen und Solidarität mit den Familien und Freunden der Opfer zu demonstrieren, eine Sache dabei aber eher stört: der Fußball. „Ich denke, dass die Spieler im Laufe des Spiels die Gedanken, die am Anfang da sein werden, abbauen und sich wieder auf das Sportliche konzentrieren“, wünscht sich Bierhoff. Wenn man die Partie so verstehe, wie sie gemeint sei, erklärte Löw, „dann haben wir unabhängig vom Ergebnis gewonnen.“ Schön wär’s.

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